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Book: Gockel, Hinkel und Gackeleia

C >> Clemens Brentano >> Gockel, Hinkel und Gackeleia

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Gockel, Hinkel und Gackeleia

Clemens Brentano


In Deutschland in einem wilden Wald, zwischen Gelnhausen und Hanau,
lebte ein ehrenfester bejahrter Mann, und der hieß Gockel. Gockel
hatte ein Weib, und das hieß Hinkel. Gockel und Hinkel hatten ein
Töchterchen, und das hieß Gackeleia. Ihre Wohnung war in einem
wüsten Schloß, woran nichts auszusetzen war, denn es war nichts darin,
aber viel einzusetzen, nämlich Thür und Thor und Fenster. Mit
frischer Luft und Sonnenschein und allerlei Wetter war es wohl
ausgerüstet, denn das Dach war eingestürzt und die Treppen und Decken
und Böden waren nachgefolgt. Gras und Kraut und Busch und Baum
wuchsen aus allen Winkeln, und Vögel, vom Zaunkönig bis zum Storch,
nisteten in dem wüsten Haus. Es versuchten zwar einigemal auch Geier,
Habichte, Weihen, Falken, Eulen, Raben und solche verdächtige Vögel
sich da anzusiedeln, aber Gockel schlug es ihnen rund ab, wenn sie
ihm gleich allerlei Braten und Fische als Miethe bezahlen wollten.

Einst aber sprach sein Weib Hinkel: "mein lieber Gockel, es geht uns
sehr knapp, warum willst du die vornehmen Vögel nicht hier wohnen
lassen? Wir könnten die Miethe doch wohl brauchen, du läßt ja das
ganze Schloß von allen möglichen Vögeln bewohnen, welche dir gar
nichts dafür bezahlen."--Da antwortete Gockel: "o du unvernünftiges
Hinkel, vergißt du denn ganz und gar, wer wir sind, schickt es sich
auch wohl für Leute unserer Herkunft, von der Miethe solches
Raubgesindels zu leben?--und gesetzt auch, Gott suchte uns mit
solchem Elende heim, daß uns die Verzweiflung zu so unwürdigen
Hilfsmitteln triebe,--was doch nie geschehen wird, denn eher wollte
ich Hungers sterben,--womit würden die räuberischen Einwohner uns vor
Allem die Miethe bezahlen? Gewiß würden sie uns alle unsre lieben
Gastfreunde erwürgt in die Küche werfen, und zwar auf ihre
mörderische Art zerrupft und zerfleischt. Die freundlichen Singvögel,
welche mit ihrem unschuldigen Gezwitscher unsre wüste Wohnung zu
einem herzerfreuenden Aufenthalte machen, willst du doch wohl lieber
singen hören, als sie gebraten essen? Würde dir das Herz nicht
brechen, die allerliebste Frau Nachtigall, die trauliche Grasmücke,
den fröhlichen Distelfink, oder gar das liebe treue Rothkehlchen in
der Pfanne zu rösten, oder am Spieße zu braten, und dann zuletzt,
wenn sie alle die Miethe bezahlt hätten, nichts als das Geschrei und
Gekrächze der gräulichen Raubvögel zu hören? Aber wenn auch alles
dieses zu überwinden wäre, bedenkst du dann in deiner Blindheit nicht,
daß diese Mörder allein so gern hier wohnen möchten, weil sie wissen,
daß wir uns von der Hühnerzucht nähren wollen? Haben wir nicht die
ehrbare Stamm-Henne Gallina jetzt über dreißig Eiern sitzen, werden
diese nicht dreißig Hühner werden, und kann nicht jedes wieder
dreißig Eier legen, welche es wieder ausbrütet zu dreißig Hühnern,
macht schon dreißig mal dreißig, also neunhundert Hühner, welchen wir
entgegensehen? O du unvernünftiges Hinkel! und zu diesen willst du
dir Geier und Habichte ins Schloß ziehen? Hast du denn gänzlich
vergessen, daß du ein edler Sprosse aus dem hohen Stamme der Grafen
von Hennegau bist, und kannst du solche Vorschläge einem gebornen
leider armen, leider verkannten Raugrafen von Hanau machen? Ich
kenne dich nicht mehr!--O du entsetzliche Armuth! ist es denn also
wahr, daß du auch die edelsten Herzen endlich mit der Last deines
leeren und doch so schweren Bettelsackes zum Staube nieder drückest?"

Also redete der arme alte Raugraf Gockel von Hanau in edlem hohen
Zorne, zu Hinkel von Hennegau seiner Gattin, welche so betrübt und
beschämt und kümmerlich vor ihm stand, als ob sie den Zipf hätte.
Aber schon sammelte sie sich und wollte so eben sprechen: "die
Raubvögel bringen uns wohl auch manchmal junge Hasen"--doch da krähte
der schwarze Alektryo, der große Stammhahn ihres Mannes, der über ihr
auf einem Mauerrande saß, in demselben Augenblick so hell und scharf,
daß er ihr das Wort wie mit einer Sichel vor dem Munde wegschnitt,
und als er dabei mit den Flügeln schlug, und Graf Gockel von Hanau
sein zerrissenes Mäntelchen auch ungeduldig auf der Schulter hin und
her warf, so sagte die Frau Hinkel von Hennegau auch kein
Piepswörtchen mehr, denn sie wußte den Alektryo und den Gockel zu
ehren.

Sie wollte eben umwenden und weggehen, da sagte Gockel: "o Hinkel!
ich brauche dir nichts mehr zu sagen, der ritterliche Alektryo, der
Herold, Wappenprüfer und Kreiswärtel, Notarius Publikus und
kaiserlich gekrönte Poet meiner Vorfahren hat meine Rede unterkrähet,
und somit dagegen protestirt, daß seinen Nachkommen, den zu
erwartenden Hühnchen, die gefährlichen Raubvögel zugesellt würden."
Bei diesen letzten Worten bückte sich Frau Hinkel bereits unter der
niedrigen Thüre und verschwand mit einem tiefen Seufzer im
Hühnerstall.

Im Hühnerstall? Ja--denn im wunderbaren, kunstreichen, im neben-,
durch--und hintereinandrigen Stil der Urwelt, Mitwelt und Nachwelt
erbauten Hühnerstall wohnten Gockel von Hanau, Hinkel von Hennegau
und Gackeleia, ihre Fräulein Tochter, und in der Ecke stand in einem
alten Schilde das auf gothische Weise von Stroh geflochtene Raugraf
Gockelsche Erbhühnernest, in welchem die Glucke Gallina über den
dreißig Eiern brütete, und von einer Wand zur andern ruhte eine alte
Lanze in zwei Mauerlöchern, auf welcher sitzend der schwarze Alektryo
Nachts zu schlafen pflegte. Der Hühnerstall war der einzige Raum in
dem alten Schloße, der noch bewohnbar unter Dach und Fach stand.

Zu Olims Zeiten, wo Dieses und Jenes geschehen ist, war dieses Schloß
eines der herrlichsten und deutlichsten in ganz Deutschland; aber die
Franzosen haben es so übel mitgenommen, daß sie es recht abscheulich
zurückließen. Ihr König Hahnri hatte gesagt, jeder Franzose solle
Sonntags ein Huhn, und wenn keines zu haben sei, ein Hinkel in den
Topf stecken und sich eine Suppe kochen. Darauf hielten sie streng,
und sahen sich überall um, wie jeder zu seinem Huhn kommen könne.
Als sie nun zu Haus mit den Hühnern fertig waren, machten sie nicht
viel Federlesens und hatten bald mit diesem, bald mit jenem Nachbarn
ein Hühnchen zu pflücken. Sie sahen die Landkarte wie einen
Speisezettel an, wo etwas von Henne, Huhn oder Hahn stand, das
strichen sie mit rother Tinte an und giengen mit Küchenmesser und
Bratspieß darauf los. So giengen sie über den Hanebach, steckten
Groß--und Kleinhüningen in den Topf, und kamen dann auch bis in das
Hanauer Land. Als sie nun Gockelsruh, das herrliche Schloß der
Raugrafen von Hanau, im Walde fanden, wo damals der Großvater Gockels
wohnte, statuirten sie ein Exempel, schnitten allen Hühnern die Hälse
ab, steckten sie in den Topf und den rothen Hahn auf das Dach, das
heißt, sie machten ein so gutes Feuerchen unter den Topf, daß die
lichte Lohe zum Dach herausschlug und Gockelsruh darüber verbrannte.
Dann giengen sie weiter nach Hünefeld und Hunhaun und sind noch lang
unterwegs geblieben.

Als sie abgespeist hatten, gieng Gockels Großvater, der mit seiner
Familie und dem Stamm-, Erb--und Wappen-Hahn und Hinkel im Walde
versteckt gewesen, um das Desert zu besehen, es war eine Wüste.
Nichts war ihm geblieben, er konnte sein Schloß nicht mehr herstellen
und übergab es daher gratis an die Verschönerungs-Commission der vier
Jahrszeiten, des Windes und des Wetters, welche es auch in Jahr und
Tag mit Gras und Kraut und Moos und Epheu und Büschen und Bäumen so
reichlich austapezierten, daß es ein rechtes Paradies aller
Waldvögelein und andern Wildpretts ward.--Er selbst zog nach
Gelnhausen und nahm die Stelle eines Erb-Hühner--und Fasanenministers
bei dem dortigen König an. Sein Sohn trat nach ihm in dieselbe
Stelle, und nach dessen Absterben unser Gockel, der gewiß auch als
Hühnerminister mit Tod abgegangen wäre, wenn ihn nicht sein
Menschen--oder vielmehr Hühnergefühl gezwungen hätte, noch lebendig
von Gelnhausen Abschied zu nehmen. Dieses aber gieng folgendermaßen
zu.

Der König Eifrasius von Gelnhausen überließ sich der Leidenschaft des
Eieressens so unmäßig, daß keine Brut Hühner mehr aufkommen konnte.
Dies war gegen den Eid Gockels und gegen das Landesgesetz, Artikel
Hühnerzucht. Gockel machte eine allerunterthänigste vergebliche
Vorstellung nach der andern. Eifrasius errichtete den rührenden
Eierorden verschiedener Grade und ließ von seinem Leibredner eine
Rede dabei halten, die einer Schmeichelei so ähnlich sah, wie ein Ei
dem andern. Er sagte, Eifrasius esse nur allein so viele Eier, um
die Hühner zu vermindern, damit die Franzosen nicht ins Land kämen.
Dabei machte er bekannt, daß man künftig nicht Ihro Majestät, sondern
Ihre Eießtät König Eifrasius sagen solle und vieles Aehnliche. Auch
wußte er sehr viele hinreißende Stellen großer Dichter in seiner Rede
anzubringen, z. B.:

Ein Huhn und ein Hahn,
Meine Rede geht an;
Eine Kuh und ein Kalb,
Meine Rede ist halb;
Eine Katze und eine Maus,
Meine Rede ist aus!

und weiter

Ein Ei, un oeuf,
Ein Ochs, un boeuf,
Une vache, eine Kuh,
Fermez la porte, mach die Thür zu!

womit er den König ganz bezauberte. Nach dieser Rede wurden alle
anwesenden Anhänger und Schmeichler des Königs ganz eigelb im Gesicht
und steckten gelbe Cocarden auf; Gockel von Hanau aber wurde vor Zorn
und Schrecken und Unwill und Schaam ganz grün und blau und roth, und
kriegte ordentlich einen rothen Kamm und schüttelte den Federbusch,
wie ein Hahn, auf seinem bordirten Hut und scharrte mit den Füßen und
hackte mit den Spornen. Da zog der König Eifrasius eben in der
Kirche an ihm vorüber, sah ihn sehr ungnädig an und sprach: "in
Gnaden entlassen, das Hühnerministerium ist bis auf ein Weiteres
aufgehoben."--Somit hatte Gockel seinen Abschied.

Gockel war voll Ehrgefühl, er zeigte sogleich seiner Frau an, daß er
am folgenden Morgen mit ihr und Gackeleia nach seinem Stammschloße
Gockelsruh aus Gelnhausen so wegziehen werde, wie seine Großeltern
hineingezogen waren. Er befahl ihr, jene alten Kleider aus dem
Kasten zu nehmen und im Hühnerministerium zurecht zu legen, wo sie
sich morgen umkleiden wollten. Frau Hinkel war schier untröstlich
über die alten seltsamen Kleider und meinte, alle Hunde würden ihr
nachlaufen. Das Entsetzlichste aber war ihr, daß Gockel am hellen
lichten Tage vor der Wachparade vorbei und über den Gemüßmarkt in
diesem Aufzug aus der Stadt hinaus wollte, und nur unter den
heftigsten Thränen mit Gackeleia vor ihm auf den Knieen liegend,
konnte sie erflehen, daß er mit ihr Morgens vor Tag zur Gartenthüre
hinaus, hinten um die Stadtmauer herum, seine Abreise anzutreten
versprach.

Gockel hängte seine Hühnerminister-Kleidung an das königliche
Hühnerministerial-Zapfenbrett, legte alle die ihm aufgedrungenen
Eierorden ab, den Orden der Schmeichelei und Heuchelei und befestigte
seinen eigenen, Raugräflich Gockel Hanauischen Haus-Orden der
Kinderei wieder in das Knopfloch der Jacke seines Großvaters, die er
morgen früh anziehen wollte; dann setzte er sich an seinen
Schreibtisch, um alle die Rechnungen über seine Verwaltung heute
Nacht noch auszubrüten, und als er es so weit gebracht, daß Einnahme
und Ausgabe sich wie ein Ei dem andern glichen, sank er ermüdet mit
der Nase auf das Papier und schnarchte, daß der Streusand von
zerstossenen Eierschalen umherflog, und mehrere Muster von
Hühnerfedern, die vor ihm lagen, durch einander wehten. Aber der
Schaden war nicht groß.

Kaum graute der Tag, als Alektryo, der edle Stammhahn sich selbst
ermunternd mit den Flügeln in die Seite schlug, den Hals emporreckte
und mit aufgerissenem Schnabel lautkrähend wie mit einem
Trompetenstoß alle zur Abreise erweckte; das Stammhuhn Gallina
begleitete sein Morgenlied mit einigen wehmüthigen Accorden. Gockel
sprang auf und weckte Weib und Kind, die sich bald einstellten. Frau
Hinkel war sehr traurig, auch sie mußte ihre
Hühnerministerial-Kontusche ans Zapfenbrett hängen und die Kleider
von Gockels Großmutter anziehen; händeringend stand sie in diesem
Putz vor dem Spiegel. Gockel hatte viel zu ermahnen und zu trösten;
er hatte seine Raugräfliche Gockelskappe aufgesetzt, auf der ein
Hahnenkamm war, er hängte seine Perücke von Eierschalen an den
Ministerialperücken-Hahn und fuhr in die großväterlichen Stiefel und
Grafenhosen, welche ihm Gackeleia hinbrachte, die ziemlich lustig in
ihrem seltsamen Röckchen war und das alte Erbhühnernest wie einen
Fallhut auf dem Kopf trug.

Alektryo, der Stammhahn, saß neben dem Schreibtische auf der
Raugräflich Gockelschen Erbhühnertrage, welche der berühmte Erwin von
Steinbach zugleich mit dem Straßburger Münster erfunden hatte, und
wiederholte, da er die ganze Familie wieder in ihren altgräflichen
Kleidern sah, sein Krähen mit stolzer Freude. Er hatte einen
reichsfreiritterlichen Unmittelbarkeitssinn und war nie gern in
Gelnhausen gewesen, wo er nur zu Haus der Hahn im Korb war, am Hof
aber nie auf dem Mist krähen durfte, weil dieses ein Regale, ein
königliches Recht der Hofhähne war. Er war hier nur Kammerhahn à la
suite, hatte allerlei Kränkungen seiner Verhältnisse von den
Hofhahnen zu erleiden, und durfte sie nicht einmal deswegen
herausfordern. Gleich Graf Gockel war er sehr mit dem König
Eifrasius unzufrieden, denn dieser hatte einmal die Eier seiner
lieben Gemahlin Gallina durch die Polizei wegnehmen und sich in die
Pfanne schlagen lassen.--Seine häusliche Glückseligkeit war dadurch
gestört. Er war heftig und ungeduldig, Gallina aber gacksig,
glucksig und piepsig geworden. Sie saßen immer auf dem
Hühnerministerium und kamen nicht ins Freie; statt auf dem Miste,
scharrte Alektryo in Papierspänen, und die leidende Gallina wälzte
sich im Streusand oder brütete hoffnungslos auf den ausgeblasenen
Eierschaalen des Eierordens, welche dort aufbewahrt wurden. Nun aber,
da alle zur Abreise gekleidet waren, trieb Alektryo die Gallina an,
von seiner Seite auf dem Gockelschen Hühnersteg hinab zu dem
Hennegauschen Erbhühnerkorb der Frau Hinkel zu schreiten, und sagte
ihr dabei ganz freundlich ins Ohr, was ihr tröstend zu Herzen ging:
"heute Abend sind wir frei und glücklich in Gockelsruh, dem Pallaste
unsrer Vorfahren, da giebt es Würmchen und Maikäfer und allerlei
Sämerei die Menge; da wollen wir ein neues Leben beginnen, da gehören
wir uns allein an, da wirst du eine Brut ausbrüten, die unser würdig
ist." Gallina trippelte mit einem lieblichen Lächeln gacksend den
Steg hinab und setzte sich oben auf den Hühnerkorb.

Frau Hinkel nahm den Korb, worauf Gallina saß, auf ihren Kopf. In
diesem Korbe hatte sie ein paar Hemden, etwas Flachs-, Hanf--und
andere Sämereien, Nadel, Zwirn und Fingerhut und ein Wachsstümpfchen,
ein Gebetbuch und einige schöne neue Lieder, gedruckt in diesem Jahr,
und den Gräflich Hennegauschen Stammbaum und ihren Taufschein und
Copulationsschein und so weiter Schein bewahrt. Dann ergriff sie
ihren Rocken und sprach: "ich bin fertig." Gockel schlüpfte mit den
Armen in die Tragriemen seiner Erbhühnertrage und trug sie wie eine
gothische Kirche auf dem Rücken, oben drauf saß Alektryo, neben dran
war sein Grafenschwert befestigt, und im Innern befanden sich sein
Stammbaum, Grafenbrief, Taufschein, Ehekontrakt, ein Buch von
Geheimnissen der Hahnen und Hühner und auch ein altes
Geschlechts-Register, nach welchem Alektryo vom Hahn des Hiob und
Gallina vom Hahn Petri abstammen sollte; es war aber theils sehr
unleserlich mit Hühnerpfoten geschrieben, theils hatten es die Mäuse
so durchstudiert, daß viele Löcher darin waren. Solche große
Raritäten waren in der Hühnertrage. Gockel nahm nun seine
Raugräfliche Standarte, die zugleich ein Hühnersteg war, als Stab in
die Hand und sagte: "wohlan ich bin fertig."

Gackeleia hatte das Erbhühnernest auf dem Kopf, und weil sie auf alle
Weise noch sonst etwas tragen wollte, steckte sie der Vater in einen
Korb, wie man sie über die jungen Hühnchen stellt, und befestigte ihr
denselben über die Schultern mit Bändern, so daß sie wie in einem
lustigen Reifrock mitspazierte. In der einen Hand hielt sie ihr
ABC-Buch, worauf ein Hahn abgebildet war, und in der andern einen
Eierweck von gestern, man nennt sie dort Bubenschenkel. Das Kind war
sehr lustig, und schrie. "Kikeriki, ich bin schon lang fertig."

Nun blies Gockel die Hühnerministerial-Lampe aus, und sie giengen zu
der Thüre hinaus. Gockel gab dem Nachtwächter den Hausschlüssel, und
dann verließen sie still durch die hintere Gartenthüre, die durch die
Stadtmauer führte, das undankbare Gelnhausen. Kaum waren sie auf
einer nahen kleinen Anhöhe, welche die Stadt überschaut, als Alektryo
sich hoch aufrichtete und mit einem trotzigen kühnen Krähen allen
Hahnen von Gelnhausen Hohn sprach, die erwachend von Haus zu Haus,
von Thurm zu Thurm sich wieder zukrähten, so daß die Gockelsche
Familie wo nicht unter dem Geläute aller Glocken, doch unter dem
Krähen aller Hahnen die Stadt verließ.

Als Alektryo gekräht hatte, schauten sie alle noch einmal schweigend
nach Gelnhausen zurück. Es lag eine weiße Nebelwolke über der
herrlichen Stadt, die Sonne schoß mit ihren ersten Strahlen nach den
blinkenden Wetterhahnen auf den Thurmspitzen, welche aus dem Nebel
hervorblitzten; hie und da drang ein dunkler dichter Bäckerrauch wie
eine dicke braune Schlange durch den Nebel hervor. Frau Hinkel war
betrübt. Gackeleia fieng laut an zu weinen; ihr Eierweck war ihr
gefallen und sie konnte ihn von dem Hühnerkorb, in dem sie steckte,
gehindert nicht aufheben.--Gockel hob sie aus dem Korbe heraus und
hängte sich denselben noch hinten auf die Trage, denn Gackeleia wäre
mit diesem Reifrocke an allen Büschen des wilden Waldes hängen
geblieben, durch welchen jetzt ihr Weg führte.

Frau Hinkel durch das Krähen aller Hahnen in Gelnhausen und durch den
aufsteigenden Rauch von neuem sehr betrübt, folgte ihrem Manne mit
manchem Seufzer durch den Wald. Sie gedachte an die Herrlichkeit von
Gelnhausen, wo immer das eine Haus ein Bäckerladen, das andre ein
Fleischerladen ist;--ach, dachte sie, jetzt ist die Stunde, jetzt
öffnen die Fleischer ihre Laden, jetzt hängen sie die fetten Kälber,
Hämmel und Schweine auf und breiten in deren aufgeschlitzten Leibern
reinliche schneeweiße Tücher aus!--Ach jetzt ist die Stunde, jetzt
öffnen die Bäcker ihre Laden und stellen auf weißen Bänken die
braunglänzenden Brode, die gelben Semmeln und schön lakirten
Eierwecke, Bubenschenkel genannt, in Reih und Glied. Gackeleia, die
sie an der Hand führte, weckte mit ihren Reden ihre Betrübniß oft von
neuem wieder auf, denn sie fragte ein um das anderemal: "Mutter,
giebt es auch Bretzeln, wo wir hingehen?" Da seufzte Frau Hinkel;
Gockel aber, der ernsthaft und freudig voranschritt, sagte: "nein,
mein Kind Gackeleia, Bretzeln giebt es dort nicht, sie sind auch
nicht gesund und verderben den Magen; aber Erdbeeren, schöne rothe
Waldbeeren giebt es die Menge," und somit zeigte er mit seinem Stocke
auf einige, die am Wege standen, welche Gackeleia mit vielem
Vergnügen verzehrte. Hierauf fragte Gackeleia wieder:

"Mutter, giebt es auch so schöne braune Kuchenhäschen, wo wir
hingehen?" Da seufzte Frau Hinkel abermals und die Thränen traten
ihr in die Augen; Gockel aber sagte freundlich zu dem Kinde: "Nein,
mein Kind Gackeleia, Kuchenhäschen giebt es da nicht, sie sind auch
nicht gesund und verderben den Magen, aber es giebt da lebendige
Seidenhäschen und weiße Kaninchen, aus deren Wolle du der Mutter auf
ihren Geburtstag Strümpfe stricken kannst, wenn du fleißig bist.
Sieh, sieh, da lauft eines!" und somit zeigte er mit seinem Stocke
auf ein vorüberlaufendes Kaninchen. Da riß sich Gackeleia von der
Mutter los, und sprang dem Hasen mit dem Geschrei nach: "gieb mir die
Strümpfe, gieb mir die Strümpfe!" aber fort war er, und sie fiel über
eine Baumwurzel und weinte sehr.

Der Vater verwies ihr ihre Heftigkeit und tröstete sie mit Himbeeren,
welche neben der Stelle wuchsen, wo sie gefallen war. Nach einiger
Zeit fragte Gackeleia wieder: "liebe Mutter, giebt es denn auch da,
wo wir hingehen, so schöne gebackene Männer von Kuchenteig, mit Augen
von Wachholderbeeren und einer Nase von Mandelkern, und einem Mund
von einer Rosine?" Da konnte die Mutter ihre Thränen nicht
zurückhalten und weinte; Gockel aber sagte:

"nein, mein Kind Gackeleia, solche Kuchenmänner giebt es da nicht,
die sind auch gar nicht gesund und verderben den Magen. Aber es
giebt da schöne bunte Vögel die Menge, welche allerliebst singen und
Nestchen bauen, und Eier legen und ihre Jungen füttern. Die kannst
du sehen und lieben und ihnen zuschauen, und die süßen wilden
Kirschen mit ihnen theilen." Da brach er ihr ein Zweiglein voll
Kirschen von einem Baum und das Kind ward ruhig. Als Gackeleia aber
nach einer Weile wieder fragte: "liebe Mutter, giebt es denn dort, wo
wir hingehen, auch so wunderschöne Pfefferkuchen, wie in Gelnhausen?"
und die Frau Hinkel immer mehr weinte, ward der alte Gockel von Hanau
unwillig, drehte sich um, stellte sich breit hin und sprach: "o mein
Hinkel von Hennegau! Du hast wohl Ursache zu weinen, daß unser Kind
Gackeleia ein so naschhafter Freßsack ist und an nichts als Bretzeln,
Kuchenhasen, Buttermänner und Pfefferkuchen denkt, was soll daraus
werden? Noth bricht Eisen, Hunger lehrt beißen. Sei vernünftig,
weine nicht, Gott, der die Raben füttert, welche nicht säen, wird den
Gockel von Hanau nicht verderben lassen, der säen kann. Gott, der
die Lilien kleidet, die nicht spinnen, wird die Frau Hinkel von
Hennegau nicht umkommen lassen, welche sehr schön spinnen kann, und
auch das Kind Gackeleia nicht, wenn es das Spinnen von seiner Mutter
lernt."

Diese Rede Gockels ward von einem gewaltigen Geklapper unterbrochen,
und sie sahen alle einen großen Klapperstorch, der aus dem Gebüsche
ihnen entgegentrat, sie sehr ernsthaft und ehrbar anschaute, nochmals
klapperte und dann hinwegflog. "Wohlan, sagte Gockel, dieser
Hausfreund hat uns willkommen geheißen, er wohnet auf dem obersten
Giebel von Gockelsruh, gleich werden wir da seyn; damit wir aber
nicht lange zu wählen brauchen, in welchen von den weitläufigen
Gemächern des Schlosses wir wohnen wollen, so will ich unsere höchste
Dienerschaft voraussenden, damit sie uns die Wohnungen aussuche."

Nun nahm er den Stammhahn von der Schulter auf die rechte Hand und
die Stammhenne auf die linke, und redete sie mit ehrbarem Ernste
folgendermaßen an: "Alektryo und Gallina, ihr stehet im Begriff, wie
wir, in das Stammhaus eurer Vorältern einzuziehen, und ich sehe an
euren ernsthaften Mienen, daß ihr so gerührt seid als wir. Damit nun
dieses Ereigniß nicht ohne Feierlichkeit sey, so ernenne ich dich
Alektryo, edler Stammhahn, zu meinem Schloßhauptmann, Haushofmeister,
Hofmarschall, Astronomen, Propheten, Nachtwächter, und hoffe, du
wirst unbeschadet deiner Familienverhältnisse als Gatte und Vater
diesen Aemtern gut vorstehen; das Nämliche erwarte ich von dir,
Gallina, edles Stammhuhn; indem ich dich hiemit zur Schlüsseldame und
Oberbettmeisterin des Schlosses ernenne, zweifle ich nicht, daß du
diesen Aemtern trefflich vorstehen wirst, ohne deßwegen deine
Pflichten als Gattin und Mutter zu vernachlässigen. Ist dieß euer
Wille, so bestätigt es mir feierlich." Da erhob Alektryo seinen Hals,
blickte gegen Himmel, riß den Schnabel weit auf und krähete
feierlichst, und auch Gallina gab ihre Versicherung mit einem lauten
und rührenden Gacksen von sich, worauf sie Gockel beide an die Erde
setzte, und sprach: "nun, Herr Schloßhauptmann und Frau Schlüsseldame,
eilet voraus, suchet eine Wohnung für uns aus, zeiget auch allen
Bewohnern unsers Schlosses an, sie möchten sich durch kein Geräusch
in ihrem Abendgebete stören lassen, weil ich in der Nähe des
Schlosses, wo der englische Garten ein wenig ins Kraut geschossen
seyn mag, wahrscheinlich mit meinem Grafenschwert die Hecken werde
schneiden müssen, um mir und Frau Hinkel mit unsern hohen Insignien
durchzuhelfen; also thuet und bereitet uns einen würdigen Empfang.
"--Da eilte der Hahn und die Henne in vollem Laufe, was giebst du,
was hast du? In den Wald hinein nach dem Schlosse zu.

Nun ermahnte Gockel auch noch die Frau Hinkel und das Kind Gackeleia
zur Zufriedenheit, zum Vertrauen auf Gott und zu Fleiß und Ordnung in
dem neu bevorstehenden Aufenthalt auf eine so liebreiche Art, daß
Frau Hinkel und das Kind Gackeleia den guten Vater herzlich umarmten
und ihm alles Gute und Liebe versprachen; und so zogen sie alle froh
und heiter durch den schönen Wald, die Sonne sank hinter die Bäume,
es ward so recht stille und vertraulich, ein kühles Lüftchen spielte
mit den Blättern und Frau Hinkel von Hennegau sang folgendes Liedchen
mit freundlicher Stimme, wozu Gockel und Gackeleia leise mitsangen.

Wie so leis die Blätter wehn
In dem lieben, stillen Hain,
Sonne will schon schlafen gehn,
Läßt ihr goldnes Hemdelein
Sinken auf den grünen Rasen,
Wo die schlanken Hirsche grasen
In dem rothen Abendschein.
Gute Nacht, Heiapopeia!
Singt Gockel, Hinkel und Gackeleia.
In der Quellen klarer Fluth
Treibt kein Fischlein mehr sein Spiel,
Jedes suchet, wo es ruht,
Sein gewöhnlich Ort und Ziel,
Und entschlummert überm Lauschen
Auf der Wellen leises Rauschen
Zwischen bunten Kieseln kühl.
Gute Nacht, Heiapopeia!
Singt Gockel, Hinkel und Gackeleia.
Schlank schaut auf der Felsenwand
Sich die Glockenblume um,
Denn verspätet über Land
Will ein Bienchen mit Gesumm
Sich zur Nachtherberge melden
In den blauen zarten Zelten,
Schlüpft hinein und wird ganz stumm.
Gute Nacht, Heiapopeia!
Singt Gockel, Hinkel und Gackeleia.
Vöglein, euer schwaches Nest,
Ist das Abendlied vollbracht,
Wird wie eine Burg so fest;
Fromme Vöglein schützt zur Nacht
Gegen Katz und Marderkrallen,
Die im Schlaf sie überfallen,
Gott, der über alle wacht.
Gute Nacht, Heiapopeia!
Singt Gockel, Hinkel und Gackeleia.
Treuer Gott, du bist nicht weit,
Und so ziehn wir ohne Harm
In die wilde Einsamkeit
Aus des Hofes eitelm Schwarm.
Du wirst uns die Hütte bauen,
Daß wir fromm und voll Vertrauen
Sicher ruhn in deinem Arm.
Gute Nacht, Heiapopeia!
Singt Gockel, Hinkel und Gackeleia.

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