Book: Gockel, Hinkel und Gackeleia
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Clemens Brentano >> Gockel, Hinkel und Gackeleia
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Die Prinzessin von Mandelbiß hatte nach ihrem Zartgefühl mich wohl
verstanden, sie blieb bei mir und sagte: "liebe Gackeleia, du hast
die Sitzung etwas schnell aufgehoben, aber ich hätte es an deiner
Stelle auch gethan; jetzt will ich gleich verkünden lassen, woher das
Katzengeschrei kam, dann fällt Alles auf den undelikaten Redner.
Vorher muß ich dich bitten, mir die Kunstfigur als Königin gekleidet
aufzubinden, denn ich will mit derselben die Prozession begleiten,
das wird eine so große Wirkung thun, als das Trojanische Pferd;--ich
bringe sie dir nachher wieder, wenn wir nach der Feierlichkeit auf
die Eroberung des Ringes ausziehen." Schnell kleidete ich die Figur
nach ihrem Verlangen, heftete sie ihr wieder auf den Rücken und zog
die Uhr in ihr auf. Da lief sie so schnell durch die Gassen hin, daß
die Mäusekinder, welche sich schon vor der Thüre des Schulmeisters
zur Prozession versammelt hatten, nicht wenig über sie erschracken.
Ich war froh, endlich ein wenig Ruhe zu haben, und kauerte mich recht
auf meinem Lager zusammen; aber es dauerte nicht lange, da gieng
wieder was Neues los. Die Kirchenmäuse liefen auf die Thürme der
Kirche und riefen das Volk zum Gebet; sie hatten keine Glocken, und
ich glaube darum, daß sie eine Art türkischer Religion haben. Die
Fledermäuse, eine Art fliegender Nachtwächter-Gensdarmerie, schwebten
über der Stadt hin und wieder und verkündeten, das gehörte
Katzengeschrei sey nur im Traume geschehen, die Prozession finde
Statt, Prinzeß Mandelbiß trage die schöne Kunstfigur als Königin
dabei durch die Strassen u.s.w. Nun hörte ich ein fernes Singen
immer näher und näher kommen; endlich verweilte der Gesang in der
Nähe meines Lagers, und ich hörte, daß Prinz Speckelfleck ausrief:
"hier wird das ganze Lied sanft wiederholt, um der Comtesse Gackeleia
den Schlaf zu versüßen."--Ich hörte nun das folgende Lied, welches
von Zeit zu Zeit von dem Chor der vorüberziehenden Mäuseprozession
unterbrochen ward.
Kein Thierlein ist auf Erden
Dir lieber Gott zu klein,
Du ließt sie alle werden,
Und alle sind sie dein.
####Zu dir, zu dir
####Ruft Mensch und Thier;
####Der Vogel dir singt,
####Das Fischlein dir springt,
####Die Biene dir brummt,
####Der Käfer dir summt,
####Auch pfeifet dir das Mäuslein klein:
####Herr, Gott, du sollst gelobet seyn.
Das Vöglein in den Lüften
Singt dir aus voller Brust,
Die Schlange in den Klüften
Zischt dir in Lebenslust.
####Zu dir, zu dir u.s.w.
Die Fischlein, die da schwimmen,
Sind, Herr, vor dir nicht stumm,
Du hörest ihre Stimmen,
Vor dir kömmt Keines um.
####Zu dir, zu dir u.s.w.
Vor dir tanzt in der Sonne
Der kleinen Mücken Schwarm,
Zum Dank für Lebenswonne
Ist Keins zu klein und arm.
####Zu dir, zu dir u.s.w.
Sonn, Mond geh'n auf und unter
In deinem Gnadenreich,
Und alle deine Wunder
Sind sich an Größe gleich.
####Zu dir, zu dir u.s.w.
Zu dir muß Jedes ringen,
Wenn es in Nöthen schwebt,
Nur du kannst Hülfe bringen,
Durch den das Ganze lebt.
####Zu dir, zu dir u.s.w.
In starker Hand die Erde
Trägst du mit Mann und Maus,
Es ruft dein Odem: "werde",
Und bläst das Lichtlein aus.
####Zu dir, zu dir u.s.w.
Kein Sperling fällt vom Dache
Ohn' dich, vom Haupt kein Haar,
O theurer Vater wache
Bei uns in der Gefahr!
####Zu dir, zu dir u.s.w.
Behüt' uns vor der Falle
Und vor dem süßen Gift
Und vor der Katzenkralle,
Die gar unfehlbar trifft.
####Zu dir, zu dir u.s.w.
Daß unsre Fahrt gelinge,
Schütz' uns vor aller Noth,
Und hilf uns zu dem Ringe
Und zu dem Zuckerbrod.
####Zu dir, zu dir u.s.w.
Nach diesem frommen Gesang hielten sie eine kleine Pause, dann
stimmten sie in einem rascheren Takt folgende drei Verse an:
Vivat! beim höchsten Schwure
Nicht Puppe, sondern nur
Nach Uhr und nach der Schnure
Die schöne Kunstfigur!
####Von ihrer Zier
####Spricht Mensch und Thier
####Das Vögelein singt,
####Das Fischelein springt,
####Das Bienelein summt,
####Das Käferlein brummt,
####Auch pfeifen alle Mäuselein:
####Die Kunstfigur ist schön allein.
Vivat! du feine gute
Prinzessin Mandelbiß,
Die sich mit Heldenmuthe
Aus schlimmem Handel riß.
####Von ihr, von ihr
####Spricht Mensch und Thier
####Das Vögelein singt,
####Das Fischelein springt,
####Das Bienelein brummt,
####Das Käferlein summt,
####Auch pfeifen alle Mäuselein:
####Prinzeß Sissi ist superfein.
Vivat! hoch Gackeleia,
Singt ihr ein Wiegenlied,
Singt Heia und Popeia,
Das Kind ist müd, so müd!
####Von ihr, von ihr
####Spricht Mensch und Thier,
####Das Vögelein singt,
####Das Fischelein springt,
####Das Bienelein brummt,
####Das Käferlein summt,
####Auch pfeifen alle Mäuselein:
####Schlaf' Gackeleia popeia ein!
Ich erwachte über dem schönen Gesang und hatte schon im Sinn
aufzustehen und für die Nachtmusik zu danken, aber ich fürchtete,
dann möchten sie kein Ende in ihren Gegenkomplimenten finden, und so
hielt ich mich dann mäuschenstille und schien wie eine Ratze zu
schlafen, bis die Sänger weiter gezogen waren; dann aber richtete ich
mich auf und sah die schönste Procession ein wenig an. An der Spitze
gieng die schöne Kunstfigur, umgeben von der königlichen Familie und
dem ganzen Hofstaat. Unter den Hoffräulein sah ich eine viel zu
große, kuriose Person mitgehen, sie war wie eine Riesin unter ihnen,
tanzte mehr als sie gieng, und ihre Stimme paßte gar nicht in den
Gesang. Hierauf folgten mehrere fremdartige Mäuse, sie unterschieden
sich nicht nur durch Gestalt, Größe und Farbe, sondern auch leider
meistens durch ihr nicht sehr erbauliches Betragen; sie guckten viel
umher und flüsterten immer sehr angelegentlich unter einander. ich
erfuhr später, wer sie waren. Auf sie folgten alle adelichen
Geschlechter, worunter das schöne Geschlecht meistens aus weißen
Mäuschen von hoher Zartheit und Delikatesse bestand. Alle, von
welchen ich bis jetzt gesprochen, trugen Fackeln, aus leuchtenden
Johanniskäfern bestehend, welche ihnen die herumschweifenden
Fledermäuse hatten einfangen müssen. Hierauf folgten nun die
Bürgerlichen und endlich die Landmäuse, alle in ihren National--und
Naturalfarben; diese bedienten sich der Splitter von leuchtendem
faulem Holze als Fackeln, welche sie im Vorübergehen an einem alten
Weidenstumpf abbissen. Ich kann euch gar nicht sagen, wie feierlich
sich der Zug der vielen kleinen Lichter durch die Straßen der
wunderlichen Mäusestadt den Hügel hinan in den ehrwürdigen Dom hinein
schlängelte--es war, als wenn die Funken an einem verglimmenden
Zunderlappen hinlaufen; weißt du noch Vater, du sagtest mir manchmal
in Gelnhausen am Kamin, "das sind die Studentchen, die aus der Schule
laufen", ich dachte noch an diese deine Rede. Vor der Thüre der
Kirche empfieng eine sehr elegante Maus an der Spitze der andern
Kirchenmäuse die schöne Kunstfigur und den Hof und geleitete sie in
den Dom, den ich nun aus allen seinen Oeffnungen erleuchtet sah; dann
vernahm ich einen sanft pfeifenden Gesang, worauf es mäuschenstille
ward.--Da nun Alles in der Kirche, und die ganze Stadt todt und
stille war, warf ich noch einen Blick auf die seltsamen Gebäude im
Sternenlicht. Ach, da wuchs mir das Herz; die Welt ward zu enge,
weit ward es um die Seele, meine Locken schienen mir Gefühle und
Wünsche, die sich sehnten, im Winde zu spielen, und ich gab sie ihm
hin; denn, horch', jetzt kam auch ein Wehen und regte die Wipfel des
Hains auf; sieh, und das Ebenbild unsrer Erde, der Mond, kam da
geheim nun auch; die schwärmerische, die Nacht kam, trunken von
Sternen und wohl wenig bekümmert um uns glänzte die Erstaunende dort,
die Fremdlingin unter den Menschen, über Gebirgsanhöhen traurig und
prächtig herauf!--Ach! da dachte ich nichts mehr, als wäre nur Vater
und Mutter hier, und wenn selbst nur Kronovus hier wäre, daß ich
mittheilen könnte, was ich fühle!--ja liebe Eltern, es giebt
Eindrücke, die ein armes Kind nicht allein fassen kann, wo es sich
anklammern möchte an ein vertrautes festeres Wesen, wie an einen Fels,
einen Baum des Ufers, wenn der Strom der Empfindung anschwillt und
uns reißend ins weite Meer der Begeisterung dahin tragen will!
--nirgends aber ist dieses mehr der Fall, als bei großer Architektur
im Mondschein"--da hielt Gackeleia ein wenig in der Erzählung ein,
Frau Hinkel schloß sie ans Herz und sagte: "O das ist eine sehr
poetische Stelle, o das ist aus meinem Herzen, ja du bist mein Kind,
mein herz--und seelenvolles Kind, auch mich hätte einst zu Gelnhausen
im Pallast Barbarossa's im Mondschein der Strom der Empfindung ins
Meer der Begeisterung reißend dahin getragen,--aber Vater Gockel war
bei mir und so einerlei, daß ich nicht so allerlei empfinden konnte.
"-"Bleibe bei der Wahrheit", sagte Gockel, "du hast doch zweierlei
empfunden, du hast an die Fleischerladen und Bäckerladen gedacht und
den Schnupfen bekommen. Dir aber Gackeleia, sage ich: ich müßte mich
sehr irren, oder du bist eine Schwärmerin mit deinen verschimmelten
Käsen, Kürbißen, alten Reuterstiefeln, Sätteln, Patrontaschen und
gothischen Kirchen im Mondschein--auch finde ich deine Gefühle im
Mondschein nicht kindlich genug ausgesprochen, wärst du damals schon
so groß gewesen, als jetzt, so wären dergleichen Redensarten zu
verzeihen, aber so warst du ja kaum vor einigen Stunden der Ruthe
entlaufen."--"Vater", erwiederte Gackeleia, "entschuldiget mich, ich
bin durch den Ring Salomonis jetzt wie eine erwachsene Jungfrau und
kann nicht mehr Alles so wie eine kleine Gackeleia vorbringen, ich
sage als Jungfrau, was ich als Kind gefühlt, und gewiß, Vater, als
Kind habe ich nur anders gesprochen."
"Gott, lasse dich immer weise, immer ein Kind zugleich seyn," sagte
Gockel, "aber erzähle weiter, damit wir aus der kuriosen Stadt
herauskommen--jetzt, wo du den Ring Salomonis hast, brauchst du in
dem sehnsüchtigen Strom der Empfindung nicht mehr herum zu
patschen--jetzt heißt es, dreh' den Ring, und du wirst so viel Bäume
am Ufer der Sehnsucht haben, daß du Kohlen daraus brennen kannst und
zuletzt ausrufen mußt: "ach, es ist Alles, Alles einerlei! o
Eitelkeit der Eitelkeiten und Alles Eitelkeit, spricht der weise
Salomo selbst und sein Siegelring wird ihm nicht widersprechen"--aber
erzähl weiter Herz Gackeleia!"
"Ja", fuhr Gackeleia fort, "wie ich mein Herz so groß, meine Seele so
weit fühlte, erkannte ich wohl, daß jedes Geschöpf der Eitelkeit
unterworfen begehret und verlanget und immerfort seufzet und sich
quält; so gieng ich umher und schaute in alle Winkel, ob gar kein
Wesen da sey, dem ich mein Herz auspacken könne, und sang dabei
stille vor mich hin:
"Mutter-seelig ganz allein,
Wie der stille Mondenschein
Schauet in die Stadt hinein,
Muß die Gackeleia klein
In der weiten Welt noch seyn,
Wie ist Alles klar und rein,
Wie ist Alles licht und fein,
Wie ist Alles im Verein
Zwei und zwei, und mein und dein;
Aber ich, ich bin allein,
Mutterseelig ganz allein!"
Da hörte ich einige Schritte von meinem Moosbettchen entfernt einen
dumpfen Ton, wie von leisem, verstecktem Katzengeschrei, was mich für
die frommen Mäuse sehr besorgt machte; ich schlich mich leise hinzu
und fand, von Distel und Dornen überwachsen, eine alte, leere
Pulvertonne dort liegen, das Spundloch war gegen mich gekehrt, der
Mond schien hinein--ich guckte auch hinein--ach liebe Eltern! ich sah
etwas so Entsetzliches, daß mich der Schrecken wie mit einer
Gänsehaut überzog; in der alten Pulvertonne, deren einer Boden fehlte,
saßen fünf junge Kater, in welchen ich zu meinem größten
Schrecken--ach, sie waren mir nur zu bekannt geworden:--die fünf
Söhne Schurrimurri's, Mack, Benack, Gog, Magog und Demagog, erkannte.
Sie waren also der Hinrichtung entgangen--ihre Mutter Schurrimurri
aber hatte ihre Strafe erlitten, denn sie saßen um deren Todtenkopf
herum, der in einer alten Alongeperücke lag.--Mack schien eine
heftige Rede zu halten, aber nur leise, leise, alle machten große
Buckel, spreitzten die Haare, und schlugen einander den Pelz mit
ihren Schweifen, daß Feuerfunken umher flogen; manchmal konnten sie
ihren Grimm nicht ganz unterdrücken und ließen ein dumpfes Murren und
Wimmern, wie ein unterirdisches Erdbeben, hören, wobei sie ihre
weitvorgestreckten Krallen auf dem Todtenkopf, wie Dolche, wetzten.
Das Ganze hatte vom Monde im Faß beleuchtet etwas höchst Gräuliches,
Tückisches; mir war, als sehe ich in die Hölle, und unwillkührlich
kam mir in die Seele, das ist eine Verschwörung, eine Meuterei, rette
deine Freunde, die frommen Mäuse! Diese Verbrecher sind schon
gerichtet, sie dürfen ihrer Strafe nicht entgehen.--Ich besann mich
nicht lang, erwischte das Fäßchen beim hinteren Ende und stellte es
aufrecht, so daß es wie eine Glocke über der ganzen Verschwörung
stand; das junge Katzenellenbogen war gefangen, und das Spundloch
stopfte ich mit einem Stück Rasen zu. Ich legte noch soviel Steine
auf das Faß, als ich in der Eile rings finden konnte, damit die
Gefangenen es nicht umwerfen möchten, und begab mich mit dem Gefühle,
eine edle Handlung gethan zu haben, nach meinem Moosbettchen; ich
horchte noch ein Bischen nach dem Faße hin, aber sie hielten sich
ganz stille, und so deckte ich mein Schürzchen über die Augen, zuckte
ein Bischen und schlief einen süßen Schlaf ein.
Nach einer Weile träumte mir, die Prinzeß Mandelbiß komme wieder mit
der schönen Kunstfigur zu mir und sage mir ins Ohr: "Gackeleia, mache
mich los und lege die Kunstfigur neben dich in ihr Bettchen, sie wird
wohl so müde seyn wie ich, ich will mich in deine Locken an dein
Oehrchen legen und dir alles erklären, was du bei der schönen
Prozession gesehen hast und wie unser Hofredner Muskulus so herrlich
gesprochen hat."
Ich that halb träumend, wie sie verlangte, dann legte sie sich in
meine Locken und plauderte mir wie ein Schlafkamerädchen ins Ohr; da
habe ich dann Alles folgende gehört: Die große, seltsame Person, die
mir unter den Hoffräulein der Prinzeß Sissi so sehr gefallen, war
eine vornehme Bergmaus, die Marquise Marmotte, welche, aus der
Gefangenschaft eines Savoyardenbuben entflohen, hier bei Hof eine
anständige Gelegenheit abwartete, wieder in ihr Vaterland
zurückzureisen. Sissi war nicht gut auf sie zu sprechen, denn Prinz
Speckelfleck hatte sich zu oft nach ihr umgeschaut und sie allzusehr
gelobt, was sie bei keinem Menschen recht leiden konnte. Er
bewunderte ihren Tanz, ihre schönen Träume und vor Allem ihre artigen
Vorderpfötchen.--Sissi, blind für alle diese Vorzüge, sagte:
"Vorderpfötchen! es ist mir schier lächerlich! in allen
Naturgeschichten steht von den Murmelthieren: ihre Vorderfüße haben
vier Zehen und einen sehr kurzen Daumen, die Hinterfüße fünf; aber,
daß dieses schön sey, das steht nirgends!--Wie mag sie sich nur eine
Maus nennen? ihrer Größe nach könnte sie eben so gut Bergbär als
Bergmaus heißen; diese Marquise Marmotte hat einen großen, runden
Kopf, Nase und Lippen wie ein Hase, Haare und Klauen wie ein Dachs,
unbedeckte Zähne wie ein Biber, einen Schnurrbart wie eine Katze,
Augen wie ein Siebenschläfer, Pfoten wie ein Bär, einen kurzen
Schweif und gestutzte Ohren. Wenn man ihr schön thut, so knurrt sie
wie ein Hündchen. Was ist Schönes hieran? ihr Tanzen und Purzeln ist
ihr von dem Savoyarden mit Hunger und Schlägen eingequält, und
schläft man, wie sie, vom Oktober bis in den April, so hat man
allerdings Zeit, sich etwas Schönes träumen zu lassen." Jene, welche
ich in der Prozession so viel umherschauen und untereinander plaudern
gesehen, waren die Abgesandten von mancherlei fremden und
ausländischen Mäusegeschlechtern und Arten, welche sich hier am Hofe
befinden, Bündnisse abzuschließen, Gratulationen abzustatten und sich
Erfahrungen mitzutheilen, wie den Katzen, Eulen, Geiern und andern
Mäusefeinden zu entgehen sey, auch theilten sie sich Warnungen vor
gelegtem Gift und Gegenmittel und Nachrichten von neu erfundenen
Mausfallen mit. Eine unter diesen Standespersonen hatte der Prinzeß
Sissi ganz besonders gefallen, er war mit einem Schiffe über See sehr
weit her, von den Antillen gekommen, um zu hohen und allerhöchsten
wohlthätigen Zwecken eine Collekte zu machen, er hatte die Gestalt
einer großen Ratte, trug einen schwarzen Frack und weiße Unterkleider.
Er hieß Herr Piloris, und Sissi behauptete, er habe durch seinen
Moschusgeruch die ganze Prozession erbaut und sehr wohlthätig auf
ihre schwachen Nerven gewirkt. Die übrigen Abgesandten waren von den
Spitzmäusen, Bergmäusen, Waldmäusen, Wurzelmäusen u. dgl. Sie
plauderten in der Kirche und bei der Prozession von der Rettung der
Prinzeß Sissi und besonders von der Hinrichtung der Katze
Schurrimurri und ihrer Jungen, äußerten sich alle aber sehr
bedenklich über ein umlaufendes Gerücht, daß die fünf verwegenen
Söhne der Schurrimurri der Hinrichtung durch Einverständniß mit den
Söhnen des Scharfrichters entgangen seyn und unter dem Nahmen des
jungen Katzenellenbogens eine höchst gefährliche Verschwörung,
angeblich zur Rache ihrer Mutter, eingegangen haben sollten; ihre
Absicht aber sey eigentlich gegen das edle Mausgeschlecht, gegen
Hühner und Vögel; die Eulen seyen bereits für sie gewonnen, ebenso
die Füchse, mit den Wieseln unterhandelten sie, man müsse sehr auf
seiner Hut seyn u.s.w.--Sissi erzählte mir dieses Gerede der
ausgezeichneten Staatsmäuse mit großer Bangigkeit;--o wie froh war
ich, ihr versichern zu können, obgleich jenes Gerücht gegründet, sey
dennoch gar nichts von diesen Verschwörern zu befürchten. Sissi
erzählte mir auch noch den Inhalt der Rede, welche der edle Hofredner
Muskulus im Dome gehalten. Er sprach über Mann und Maus, Menschheit
und Mausheit, Menschlichkeit und Mäuslichkeit, Menschenmöglichkeit
und Mäusemöglichkeit. Er erwähnte den Verstand der Mäuse, welche
stäts von jeder Speise das beste Theil erwählen; ihre Großmuth, weil
sie trotz ihrer Blödigkeit vor allen Thieren ein sehr großes Herz
haben; ihre Dankbarkeit, wie sie den Löwen aus dem Netze befreit;
ihren Heldenmuth, weil sich der Elephant fürchtet, sie möchten ihm in
den Rüssel schlüpfen; ihren prophetischen Geist, weil sie ein Haus
verlassen, ehe es zusammenstürzt. Er sprach von der Ehrfurcht der
Ratzen gegen ihre Eltern, welche, wenn sie alt sind, von den Jungen
gefüttert werden. Er erwähnte die große Nächstenliebe der Mäuse,
welche, wenn eine in eine Grube gefallen ist, sich einander in die
Schwänze beißend, eine Kette bilden, um ihre verunglückte Nebenmaus
aus der Grube zu ziehen. Er sagte, wie thöricht bei all diesen
großen Eigenschaften die Fabel sey: ein Berg habe gebären wollen, und
eine lächerliche Maus sey hervorgekommen; er führte die Mäuse als
Werkzeuge Gottes in den Aegyptischen Plagen, und bei dem geitzigen
Hatto von Mainz an, den sie gefressen, obschon er sich auf den
Mausthurm mitten in den Rhein geflüchtet. Er sprach auch von der
Holdseligkeit der Mäuse, daß sogar die Menschen ihre artigsten Kinder:
"kleine Maus, liebes Mäuschen," nennen. Er erwähnte, daß die Mäuse
das feinste Gehör außer den Eseln haben. Aber auch vom Uebermuth der
Mäuse sprach der edle Muskulus, er sprach: wenn die Maus satt ist,
schmeckt ihr das Mehl bitter. Er sprach von gefährlichen Zeiten, und
daß die Mäuse, welche auf dem Tische herumtanzten, wenn die Katze
nicht zu Hause sey, sich nicht so mausig machen, sondern bedenken
sollten, daß die Katze das Mausen nicht lasse. Dann flehte er noch
den Segen des Himmels auf das edle Vorhaben der Prinzessin Mandelbiß
und des Prinzen Speckelfleck herab und forderte sie auf, das
Sprichwort wohl zu überlegen:
"Zu bedauern ist die Maus,
Kennt sie nur ein Loch im Haus;
Aber ins Verderben rennt
Jene, die gar keines kennt,"
und nun setzte der gelehrte Muskulus hinzu, wie er bei seinen Studien
eine halbe Bibliothek durchfressen und wie trefflich ihm endlich die
schöne Stelle des heidnischen Komödienschreibers Plautus geschmeckt
habe:
"Bedenk' die Weisheit der kleinen Maus,
Sie hat viel Thüren in ihrem Haus,
Sperrst du ihr einen Schlupfwinkel zu
Flieht sie zum andern und sitzt in Ruh'."
Als der Klingelbeutel in dem Dom herumgieng, hielt der edle Muskulus
noch eine rührende Auslegung des tiefsinnigen Wortes: "er ist so arm
wie eine Kirchenmaus," welche den ganzen Klingelbeutel mit
Waitzenkörnern so reichlich füllte, daß die Marquise Marmotte genug
zu thun hatte, ihn herum zu schleppen, wenn gleich der duftende Herr
Piloris ihr dabei den Arm gab.
So erzählte mir Prinzeß Sissi Alles, daß ich es eben so gut wußte,
als wenn ich in der Rede des edlen Muskulus geschlafen hätte.--Ich
dankte ihr herzlich dafür und sagte ihr: "Liebste Sissi, ich bin
glücklich, daß sich unsre Herzen gefunden haben und daß wir uns du
nennen--ach so kann ich auch alle meine Leiden in deinen
schwesterlichen Busen ausschütten; ach ich muß dir zu meiner großen
Beschämung gestehen, es ist mir so sehnsüchtig um's Herz, ich sehne
mich nach einem Gegenstand, den ich freßlieb haben könnte, es ist mir
so leer, so leer, ich möchte Alles verschlingen; ich müßte mich sehr
irren, oder ich habe einen ganz abscheulichen Hunger, denn seit ich
das Birkenreis geschmeckt, habe ich nichts mehr über mein Herz
gebracht, als einige Wald-Erdbeeren; Sissi, schaffe mir etwas zum
schnabelieren, oder ich sterbe aus Sehnsucht."--Da erwiederte Sissi:
"Herz Gackeleia! du hast ja noch eine halbe Bretzel und einen halben
Bubenschenkel in deinem Körbchen;" aber ich entgegnete: "das sind
Dokumente, und ich wollte eher verhungern, als Dokumente essen."
"Wohlan," sagte Sissi, "ich will sehen, was ich dir auftreiben kann,"
da pfiff sie einige Mal, worauf eine Fledermaus zu ihr heranflog,
welcher sie den Auftrag gab: die reinsten Schulmauskinder sollten
augenblicklich Beeren pflücken und auf grünen Blättern mir zu Füßen
legen--eben so solle sie den anwesenden Geschäftsträger der
Haselmäuse, den wohlriechenden Chevalier Muscardin in ihrem Namen um
eine Portion Haselnüße bitten und diese hieher besorgen, überhaupt
möge sie Alles, was sie von menschlichen Eßwaaren auftreiben könne,
ohne großes Aufsehen zu machen, so schnell als möglich herbeischaffen.
--Die Fledermaus machte ihr unterthäniges Kompliment und flog von
dannen.--Schon nach einigen Minuten bemerkte ich eine große
Thätigkeit: die Mäuse schleiften ein altes, rund genagtes Trommelfell
auf den Rasen in meine Nähe und deckten mehrere große Pilze, die wie
kleine Tische umherstanden, mit Blättern und trugen allerlei Eßwaaren
darauf zusammen.
Nun sprach ich zu Sissi: "Höre mich an, du bist besonnen und klug,
was ich dir sage ist wahr, was ich verlange, mußt du thun, sonst seyd
ihr Alle verloren, Aufsehen muß vermieden werden, damit kein
unnöthiger Schrecken das schüchterne Volk verwirrt. Sieh dort die
kleine Pulvertonne aufgerichtet und mit Steinen belegt: Mack, Benack,
Gog, Magog und Demagog, die fünf Rädelsführer des jungen
Katzenellenbogens, welche darin in einer Alonge-Perücke ihre Krallen
auf einem Todtenkopf zu eurem Untergange gewetzt haben, wurden von
mir darunter gefangen, ich habe ihre Loge gedeckt und die
Pulververschwörung, das Spundloch der Hölle, verstopft. Gehe gleich
mit deinem Gatten, Prinz Speckelfleck, zu deinem königlichen Vater
Mausolus VIII., zeige es ihm an, und sage ihm, er solle eilend
befehlen, daß alle Mäuse und den Mäusen Befreundete ohne Ausnahme
Lehm, Erde und Rasen zu dem Fasse hintragen und es rund damit umgeben,
bis es ganz ummauert eine Pyramide wird. So eingeschlossen werden
sie einander selbst zerreißen und ihr werdet euch durch euer frommes
Gebet gerettet finden.--Dem Volke soll gesagt werden, das Ganze sey
ein Monument zum Andenken meiner Anwesenheit und deiner Rettung und
heiße Gackeleioeum, ein Gegenstück zu dem Mausoleum. Er soll nur
sein Volk, aber keine Maurer daran arbeiten lassen, denn die da
drinnen dürften nur einmal rufen: "Mack," und die draußen antworten:
"Benack," so wäre Alles verrathen.--Eile, es ist keine Zeit zu
verlieren, der Bau muß fertig seyn, wenn ich deinem Vater die
versprochenen patriotischen Backwerke schicke, welche bei der
Einweihung das Fest verherrlichen können. Mache deinen Bericht kurz
und kehre schnell mit Prinz Speckelfleck zurück, damit wir inkognito
fortreisen."
Ich bewunderte die Gemüthsfassung der hochherzigen Prinzessin Sissi:
ein Blick des Entsetzens gegen die Pulvertonne, ein Blick des Dankes
gegen mich, ein Blick der Hoffnung gegen den Himmel war alles, was
sie erwiederte, und sogleich lief sie in der größten Eile zu dem
königlichen Käsepallast hinauf. Der Hunger weckte mich nun, ich
näherte mich der von den Mäusen zusammengetragenen Mahlzeit, da fand
ich auf dem Trommelfell eine kleine Melone, welche die Marquise
Marmotte selbst herangewälzt hatte; der Chevalier Muskardin hatte
nicht nur ein halb Hundert der schönsten Haselnüße eigenmaulig
heraufgetragen, sondern auch aufgeknackt; die Schuljugend hatte einen
Haufen Erdbeeren und Heidelbeeren herbeigetragen und in Nußschaalen
sehr artig angerichtet, eine Speckmaus hatte einen gewaltigen Flug
gethan und mir einen ganzen frischen Bubenschenkel aus einem
Bäckerladen und ein Würstchen aus einem Fleischerrauchfang von
Gelnhausen gebracht, Dank dem edlen, biedern, deutschen Herzen! an
ihm wird die alle edlen Anstrengungen so sehr beachtende Familie der
Mausoleer das Sprichwort wahr machen: "dem Verdienste seine Kronen."
Ach! wie rührend war es, als nun noch ein gemüthvoller, junger Igel
von der schönsten Haltung zu mir heran rasselte, wie ein ganzer
Rüstwagen; er hatte sich in einem benachbarten Ort unter den
Borstorfer Aepfelbäumen gewälzt und alle herabgefallenen Aepfel auf
seinen Stacheln aufgespießt, die ich ihm dankbar herabnahm, worauf er
sich schweigend empfahl. Er war etwas melancholisch, denn er war
verkannt, sein Geschlecht gehört zu den Feinden der Mäuse, aber er
hatte seine Natur besiegt und lebte in einsamer Betrachtung als
philosophischer Wohlthäter und Mäusefreund unter ihnen von dem
schönen Herzen der geistvollen Prinzessin Sissi geschätzt. Ich aß
nun im Zwielicht (denn der Mond war untergegangen und es dämmerte im
Osten) ohne große Wahl, was mir unter die Finger kam, lustig hinein,
Alles, Alles schmeckte köstlich--o da kam erst das Beste!--ach es
raschelte etwas neben mir und es rollte etwas in mein Schürzchen, ich
fühlte, es war ein Ei, ich hielt es neugierig dem ersten Strahle des
Tages entgegen--es war schwarz mit einem schönen Vergißmeinnicht
bemahlt, ringsum standen die Worte: "Vivat Gackeleia," ich schüttelte
es, ach es rasselte Geld darin; wie ein Blitzstrahl durchfuhr es
meine Seele: es ist das Ei meines lieben Kronovus, das er für mich
alle Wochen mit seinem Taschengeld hinten an den Entenpfuhl
verstecken wollte! meine Freude war unaussprechlich--aber wer ist der
wohlthätige Sterbliche, der mir diese höchste Freude gemacht? dachte
ich und sprang auf und rief aus: "o mein heimlicher Wohlthäter
entziehe dich meinem Danke nicht!" aber ich hörte es fern weg eilen,
und ein wundersüßer Moschusgeruch drang mir entgegen. Da wurde es
mir klar, und ich rief ihm nach: "du bist es edler Piloris, fernher
pilgernden Menschenwohlbezwecker im schwarzen Frack und weißen
Unterkleidern, der Wohlgeruch deiner schönen Handlungen verräth dich!"
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