Book: Gockel, Hinkel und Gackeleia
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Clemens Brentano >> Gockel, Hinkel und Gackeleia
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"Ja, liebe Eltern," unterbrach sich hier Gackeleia, "ich hatte mich
nicht geirrt, diese edle Moschusratte Piloris war es gewesen. Sissi,
der ich von dem Ei des Kronovus erzählte, hatte ihm schon in der
Kirche zugeflüstert, welche große Freude es ihr machen würde, wenn
sie meine Wohlthaten gegen sie mit diesem Eie belohnen könnte.
Piloris, so hohes Interesse er auch an der Rede des edlen Muskulus
hatte, verließ sogleich den Dom und eilte, ohne sich umzusehen, nach
der Eierburg an den Entenpfuhl und brachte dies Ei, welches Kronovus
seinen Worte getreu mit 1 Gulden 30 Kreuzer beschwert dort hin
versteckt hatte."
Gockel und Hinkel sahen das Ei mit großer Rührung an, die beiden
Mäuschen kamen herbeigelaufen und tanzten lustig umher, als gäben sie
ihren Beifall. Frau Hinkel aber sagte: "erzähle weiter Gackeleia,
damit du einmal von all dem Ungeziefer wegkömmst" und Gackeleia fuhr
fort:
Gleich werde ich davon weg seyn, um zu noch viel ärgerm Ungeziefer zu
kommen. Ich hatte mich pumpsatt gegessen, ich packte die Puppe--nein
die nur eine schöne Kunstfigur--in mein Körbchen, ich legte mein
liebes Ei, einige Aepfel und Haselnüße und den halben Bubenschenkel,
der noch übrig, hinein und auch das Würstchen und von dem Moos meines
Lagers; kaum war ich fertig, da kam Prinz Speckelfleck und Prinzeß
Mandelbiß und hüpften in das Körbchen und pfifferten allerlei, was
ich nicht verstand--aber es mußte wohl heißen, daß meine Sendung
ausgerichtet sey, denn ich sah das Andringen von unzähligen Mäusen
mit Erde und Rasen durch alle Straßen und Schluchten in solcher Menge,
daß ich mich auf die Höhe vor den Dom retirirte, um keinen der
Arbeiter zu zertreten. Es war ein wunderbarer Anblick, viele
strömten gegen die Pulvertonne hin und bissen die Dornen und Disteln
rings weg, andere wühlten Erde und Lehm auf, andere benetzten sie und
machten Klumpen daraus, dann legten sich Ratzen und Mäuse auf den
Rücken und faßten die Erde mit den Füßen, und die andern zogen sie
bei den Schweifen wie beladene Wagen fort. Vor allen zeichnete sich
die Marquise Marmotte aus, sie hatte einen Klumpen Rasen, größer als
ein Backstein, zwischen ihren Pfoten, der Chevalier Muskardin und der
edle Piloris spannten sich vor und zogen sie bis an die Pulvertonne;
der edle Igeljüngling war auch mit Rasenstücken bedeckt und trug sie
hinauf.--Ich segnete die liebe Mäusestadt und eilte mit meinen zwei
Mäuschen und sieben Sächelchen im Korbe dem Walde zu.
Ich zog über Berg und Thal und fragte vergebens nach euch, liebe
Eltern; manchmal ließ ich bei Bäckerläden meine Kunstfigur vor den
Kindern herumtanzen und der Bäcker gab mir gern ein Brödchen zur
Belohnung. So fristete ich mein Leben. Wir zogen um Gelnhausen
herum, denn ich fürchtete den Bettelvogt, Meister Schelm; da ich aber
die Hahnen dort krähen und auf den Thurmspitzen in die Ferne blinken
sah, ward mir es recht schwer ums Herz, und wenn etwas im Gebüsch
raßelte, guckte ich um und meinte immer das Prinzchen Kronovus käme
vielleicht auf seinem Schimmelchen zur Jagd geritten. Aber, wer
nicht kam, das war er. Da ich nun einige Stunden weiter, nahe bei
einer ganz herrlichen Stadt, reisemüd an einem Bächlein niedersaß und
mich im Wasser beschaute, mußte ich mich recht schämen, ich hatte
vergessen, mich am Morgen meiner Abreise und am folgenden Abend zu
waschen und sah nun, daß ich Mund und Nase ganz schwarz von den
vielen Heidelbeeren hatte, die ich in der Mäusestadt im Dunkeln
gegessen hatte. Nun wußte ich erst, warum die Kinder überall mich
ausgelacht hatten, und ich war recht froh, daß Kronovus mich nicht so
schmutzig gesehen hatte. Geschwind wusch ich mich und erfrischte
mich durch und durch. Ich aß auch ein Bischen mit meinen Mäuschen,
und da es sehr heiß gewesen, war ich schläfrig und legte mich vom
Gebüsch versteckt auf den weichen Rasen und schlief. Da kam Prinz
Speckelfleck an mein Ohr und sagte mir:"Wir sind am Ziel unserer
Reise, wir haben die herrliche Hauptstadt Urbs des Weltreichs Orbis
vor uns. Hier ist der Ring deines Vaters, hier wohnen die
morgenländischen Petschierstecher; als sie mir Sissi entführt, bin
ich ihnen bis hieher gefolgt, wo sie hingiengen, weil Alles, was Salz
lecken kann, hier frei und ungestört leben darf. Sie sind immer in
Angst vor allen Menschen und vor einander selbst. Sie fürchten des
Ringes halber getödtet zu werden; damit man nun nicht merken möge, wo
ihr großer Reichthum herkömmt, haben sie hier die großen
Salzbergwerke gekauft und sind Salzverschwärzer, Salzversilberer,
Salzjunker und endlich Salzgrafen geworden; sie haben sich einen
salzgräflichen Pallast erbaut, sie sagen, daß sie Gold machen können;
aber Alles ist durch den Ring Salomonis. Trage mich und Sissi nur
gleich in die Kirche und bete einstweilen, daß Gott uns hilft, so
wollen wir den Ring bald erwischen. So gern ich und Sissi und alle
Mäuse Salz lecken, brauchen wir doch kein Scheffel Salz mit diesen
kuriosen Grafen zu essen, bis wir sie kennen lernen."
Nach diesen Worten wachte ich auf und trug die Mäuschen geschwind,
geschwind in meinem Korb in die Kirche nach Urbs; der Gedanke, dem
lieben Ring so nah zu seyn, lehrte mich so schnelle zu laufen, als da
ich die Puppe und mich die Ruthe verfolgte.--O liebe Eltern, welche
Kirche! welches Wunder der Architekto-Natürlichkeit, der ungeheure
große gothische Säulenwald mit unzählichem Schnitz-, Spitz-, Glitz-,
Blitz-, Ritz-, Kritz--und Spritzwerk im vorgothischen und
hintergelnhausenschen Spitzbubenschenkel-Katzenellenbogen-Styl
übertraf das Unerhörte.--Alles, alles war von Salz, die Kirche war
ein Salzkrystall, die Fenster waren Salzscheiben, die Kanzel war ein
Salzfaß; das Merkwürdigste aber war die Erbauung dieser Kirche: ein
eifriger Mann hatte hier vom Krystalismus predigend gesagt: wer die
Hand an den Pflug gelegt, der solle sich nicht mehr umschauen, die
Weiber sollten an Loths Weib denken, die durch das Umschauen in eine
Salzsäule verwandelt worden; "ach!" rief er aus, "wollte Gott ein
Wunder zur Erbauung der Kirche thun, an eurem Umschauen fehlt es
nicht, so hätten wir einen Wald von Säulen, ehe man sich umsieht, um
eine Kirche darauf zu stützen." In demselben Augenblick kam die Frau
Salzinspektorin mit einem neuen Hut in die Kirche, da schauten sich
um alle Fräulen und dienten verwandelt in Säulen zur allgemeinen
Erbauung der Kirche im gothischen Styl, denn in diesem Styl war der
Hut der Frau Inspektorin. So wurde die Kirche zwar sehr schnell,
aber doch nicht, ehe man sich umsah, erbaut. Als ich in das
Salzmünster hineintrat, verließ eben nach der Nachmittags-Predigt der
Redner die Kirche, aber ich versäumte nichts, die Kirche ist
echoistisch gebaut, der Redner braucht nur ein paar Worte zu
verlieren, so werden sie sogleich von Frau Echo, der
unverbesserlichen Widerbellerin, aufgeschnappt und eine halbe Stunde
lang zwischen den Säulen herumgehetzt und geschleudert, und so lief
auch jetzt zwischen allen Salzsäulen die Rede umher: "so gut auch das
Salz sey, wäre es doch mißlich, wenn es dumm werde, man habe Nichts,
um es zu salzen und es mache weder das Feld noch den Mist besser.
"--Ich kniete in ein Winkelchen und betete herzlich um die Hülfe
Gottes; nicht weit von mir kniete eine prächtig geputzte Köchin, und
neben ihr stand ein von Makaroninudeln geflochtener Gemüskorb, auf
welchem mit goldenen Buchstaben stand:
"salzgräflich-Salomon-Salabonischer Salatkorb." Sissi und Pfiffi
merkten gleich, daß dieses die Köchin der drei morgenländischen
Petschierstecher sey, sie schlupften in den Korb und ließen sich von
ihr in den salzgräflichen Pallast tragen. Als ich nun in der Kirche
einsam und allein war, vernahm ich durch das geschäftige Echo jedes
Gebet, jedes Flüstern und Seufzen der Umherknieenden; der Eine betete:
"ach Gott! befreie uns von dem Hoffaktor Salzgraf Salathiel Salaboni,
er ist schuld, daß das Salz so dumm und theuer geworden;" der Andere:
"befreie uns von dem Commerzienrath, Salzgraf Salomon Salaboni, er
ist schuld, daß die Salzkukummern so kümmerlich schmecken und so
klein sind;" der Dritte seufzte: "ach hilf uns aus dem Salz des
Elendes, befreie uns von dem Hoflieferanten, Salzgraf Salmanasser
Salaboni, er versalzt uns alles Leben, füllt unsere Augen mit
gesalzenen Thränen und fegt unsre Beutel aus dem Salz!"--Da betete
ich dann auch so recht von Herzen, Gott möge mir wieder zu dem Ringe
helfen, weil die drei Morgenländer doch keinen Menschen damit
glücklich machten.--Da es aber in der Kirche so hübsch stille und
kühl war, überfiel mich ein leiser Schlummer, und ich hatte schier so
lange geschlafen, daß mich der Küster in die Kirche eingesperrt hätte;
aber Sissi kam gerade zur rechten Zeit und flüsterte mir in die
Ohren: "geschwind Gackeleia, geh mit mir aus der Kirche; hörst du?
der Küster rasselt schon mit den Schlüsseln; geh mit mir, du sollst
selbst sehen, wie wir den Ring erwischen, wir haben die beste
Hoffnung." Fröhlich nahm ich nun die kleine Maus in mein Körbchen
und gieng mit ihr nach dem Schlosse der Petschierstecher. Als wir an
die Gartenmauer kamen, sprang Sissi an die Erde und zeigte mir den
Weg. Die Sonne war im Begriff unterzugehen. Ich gelangte hinter ein
artiges Lusthaus, Krystalline genannt, wo ich auf den Kübel eines
Orangenbaumes stieg und durch eine Spalte im Fensterladen Alles sehen
und hören konnte, was im Gartenhaus vorgieng.
Die drei Salzgrafen saßen jung und glänzend mit wohlakkomodirten
Perücken in verschiedenen alamodischen kuriosen Uniformen um einen
Tisch, in dessen Mitte der köstliche Ring Salomonis lag und stritten
miteinander, wer den Ring am Finger tragen und wünschen sollte; sie
nannten sich Commerzienrath, Hoffaktor, Hoflieferant untereinander
und jeder wollte nicht mehr so heißen, jeder wollte den
Salzgrafentitel haben; der Eine schrie: "einer muß der Erste seyn,"
die Andern schrien: "das geht nicht, wir sind Drillinge, wir sind
eine große Merkwürdigkeit, keiner geht vor dem andern;" da schrie der
Eine wieder: "ich habe die Maus gefangen und unter die Puppe geheftet,
wodurch wir der Gackeleia den Ring abgelockt, ich muß ihn haben, wem
ich was wünschen soll, der bringt mir einen vollwichtigen Gockelsd'or,
da wünsche ich ihm Etwas, wie gerade der Kurs steht."--"Wie kömmst
du mir vor?" sprach der Andere, "habe ich doch den falschen Ring
gemacht, der für den ächten dem Gockel an den Finger gesteckt ward,
ich muß den Ring haben!"--"Was soll mir das?" schrie der Dritte,
"habe ich doch die Puppe gekleidet und tanzen lassen und die große
Arie gedichtet und abgesungen von der großen Garderobe, habe ich doch
der Spielratze die Puppe aufgeschwätzt, den Ring abgeschwätzt und
euch den Ring gebracht, mein muß er seyn!" Da sie aber gar nicht
einig werden konnten und lange geschrieen und gezankt hatten, weil
immer der Eine fürchtete, der Andere möge ihm den Tod anwünschen,
wenn er den Ring am Finger habe, griff endlich der Eine mit solcher
Heftigkeit nach dem Ring, daß er den Tisch umstieß, und dieß machte
sich der Andere zu Nutz und ertappte den an die Erde gefallenen Ring,
steckte ihn an den Finger und drehte und schrie:
"Salomon du weiser König,
Dem die Geister unterthänig,
Mach' zwei Esel aus den Beiden,
Die in diesem Garten weiden,
Ringlein, Ringlein dreh dich um,
Mach's geschwind, ich bitt dich d'rum."
Während er dieses mit der größten Eile hergeschnattert hatte, rissen
die Beiden Andern ihn hin und her; aber es währte nicht lange, so
waren sie Beide zwei dicke, häßliche Esel, und er nahm einen Prügel
und trieb sie aus dem Gartenhaus hinaus, das er hinter ihnen
verschloß. Sie schrieen und bissen sich unter einander noch eine
Weile, fiengen aber bald an, sich in ihre neue Natur zu schicken und
Trauben und Disteln durcheinander zu fressen.
Ich guckte wieder in das Gartenhaus, da wollte sich der, welcher den
Ring hatte, schier bucklicht lachen, weil er seine Gesellen endlich
so sauber angeführt. "Gott sey Dank," sagte er, "nun kann unser eins
doch einmal ruhig ausschlafen, ohne die Gefahr, daß der andre ihm den
Tod wünscht." Nach diesen Worten schaute er sich lachend im Spiegel
an und hängte seinen Federhut auf die Spitze einer wunderbaren
Kaktuspflanze, die an der Wand blühte. Der Ankaufspreis stand auf
dem Topf. Die Perücken und Hüte der zwei andern lagen noch an der
Erde, wie auch ihre Stühle. Nun lehnte er sich breit in seinen
Prachtstuhl, stellte die Füße auf einen Schemel und sprach: "reich
zum zahlen, klug zum prahlen, schön zum malen--was fehlt mir noch,
ich will berühmt werden--da fällt mir was ein--ich will den Namen
Pictus, Salzgraf von Orbis annehmen, und will einen neuen Orbis
Pictus herausgeben, da sollen alle unbefriedigten Wünsche der Welt
nach dem ABC darin abgemalt werden, und ich will sie mir alle mit dem
Ring befriedigen von A bis Z--aber Alles, Alles mit Geschmack und
Kunstgefühl--poetisch, sympathetisch, magnetisch"--und nun fieng er
an, bald tüchtig zu schnarchen.
Nun ist es Zeit, dachten Pfiffi und Sissi und schlupften beide durch
ein Loch in das Gartenhaus. Ich wendete kein Auge von dem
Schlafenden und dem Ring an seinem Finger; ach, er hatte eine Faust
gemacht, und der Ring schien sehr schwer zu bekommen; aber Sissi
nahte sich seinem Ohr und sang mit der süßesten Stimme nichts als das
Verslein:
"Louisd'ore und Dukaten
Aechte Perlen, Diamant,
Ritterorden, Ihro Gnaden,
Hohe Bildung, Ordensband,
Witz und Wesen, scharf und zart,
Gänsefett und Backenbart."
Kaum hatte der Schlafende diesen Vers gehört, als er die Hand so
öffnete, als wolle er nach all den schönen Sachen greifen. Nun biß
ihn Prinz Pfiffi in den Ringfinger; er wachte auf und sagte: "ein
scharmanter Traum, aber der Ring drückt mich und weckt mich auf, wer
kann ihn mir hier nehmen? die zwei Esel grasen draußen nach dem
besten Appetit; was brauchen sie mehr? ungebildete Menschen kennen
keine höheren Bedürfnisse. Sie sollen nicht einmal die Ehre haben
unter den dreihundert weißen Mauleseln zu seyn, die ich mir wünschen
werde, um die Schlüssel meiner Schatzkammer zu tragen. Ach, der
schöne Traum! ich will versuchen, ob ich ihn wieder träumen kann;
Psyche, das angenehmste Frauenzimmerchen aus der klassischen
Literatur, rührte mich an der Nase mit einer Blumenzwiebel an und
beleuchtete mit einer hetrurischen Lampe das Traumbild meiner
Wünsche--ich will nochmals gerührt werden, ich will gerührt seyn, der
Ring soll mich nicht wieder stechen, ich lege ihn, bis ich erwache,
auf den Tisch." Nun zog er den Ring ab und schlief wieder ein, indem
er flüsterte:
"Psyche rühr'! und nicht vergebens!
Führ', was ich im Schilde führ',
Führ' das Traumbild meines Lebens,
Mir empor dort an der Thür!"
Kaum aber schnarchte er, als Sissi ihm wieder ins Ohr sang:
"Louisdore und Dukaten,
Aechte Perlen, Diamant,
Ritterorden, Ihro Gnaden,
Hohe Bildung und Verstand,
Witz und Wesen scharf und zart,
Gänsefett und Backenbart."
Da lächelte er so süß wie ein Topf voll saurer Milch und antwortete
mit schmachtender Stimme im Traume:
"Psyche rührt und nicht vergebens,
Seh' das Traumbild meines Lebens,
Seh', was ich im Schilde führ"
Ich im Wappen an der Thür,
Von dem Goldsack blasonirt,
Mit Papieren kraus verziert,
Grand-Kordon und Lorbeerkron,
Huldigung, Dedikation,
Und weil ich gemalt seyn muß,
Seh' ich dort mich als Modell
Vor dem kühnsten Genius,
Der sein eigner Pegasus,
Der sein eigner Musenquell,
Schöpfer schier, kaum Kreatur,
Alles lernte von Natur.
Ja, ein solcher Geist haucht nur
Treu in ganzer Positur
Und ursprünglicher Figur
Meiner Grazie Formenzauber
Auf die Leinwand zart und sauber;
O wie duftig! wie moelleux!
Kunst, das ist die höchste Höh!"
Hierauf breitete er die Arme mit großer Innigkeit aus und sprach:
"Seyd umschlungen Millionen,
Diesen Kuß der ganzen Welt!
Schönste Psyche, o verschonen
Sie doch mein, ich hab' kein Geld,
Bin gerührt und alterirt,
Denn die Schildwach' präsentirt!"
Da brachte mir Sissi den Ring Salomonis durch das Loch heraus, ich
steckte ihn in tausend Freuden an den Finger, drehte ihn und sagte
voll Neugier:
"Ringlein sag' mir unversäumt,
Was der Petschaftstecher träumt!"
Und gleich sah ich, daß dem Petschierstecher Alles, was er im Schild
führte, in einem prächtigen Wappen im Traume vorgestellt wurde. Ein
Geldsack war der Helm, allerlei Papiere und Wechselbriefe die
Helmzierde, er selbst stand voll Anstand in der Mitte, ein Genius
krönte ihn mit Lorbeern, ein Andrer reichte ihm ein Ordensband, einer
huldigte ihm mit Kleinodien, einer dedizirte ihm ein Buch; auch war
das Sinnbild der Sternsehenden Wachsamkeit eine fette Gans vor seinen
Füssen. Ganz unten aber im Wappen malte der geflügelte Genius der
Kunst selbst den Schönsten der Sterblichen, denn ein Anderer hätte
nie vermocht, einen so ursprünglichen Menschen aufzufassen. Nun aber
öffnete sich plötzlich der purpurfarbichte Sammetkelch einer
Kaktusblüthe und zwischen den weißseidenen Staubfäden schwebte eine
feine Jungfer mit Schmetterlingsflügeln hervor an die Seite des
Wappens hin; in der einen Hand hatte sie eine Zwiebelpflanze, mit der
sie die Nase des Glücklichen berührte, in der andern trug sie eine
antike Lampe, womit sie das Wappen beleuchtete. Er nannte sie Psyche.
--An der andern Seite des Wappens erschien ein Grenadier, der das
Gewehr präsentirte.--Ach, der gute Salzgraf träumte so selig, daß er
mich schier dauerte; aber ich konnte ihm nicht helfen, ich mußte ihm
aus dem Traum helfen;--ich drehte also den Ring mit den Worten:
"Salomon du weiser König,
Dem die Geister unterthänig,
Lasse diesen, wie die andern
Gleich als einen Esel wandern;
Schaff' auch einen Eseltreiber,
Der mir ihre faulen Leiber
Mit dem Prügel tüchtig rührt,
Und zum Vater Gockel führt.
Ringlein, Ringlein dreh dich um,
Mach's recht schnell ich bitt' dich drum."
Und sieh da, gleich war der Esel fertig, und der Treiber stand schon
bei ihm, trieb ihn mit einem Prügel aus dem Gartenhaus hinaus und mit
den beiden Andern hieher. Ich aber drehte den Ring und wünschte bei
euch zu seyn. Da war ich gleich hier in dem Hof und als ich euch in
dem alten Hühnerstall so klagen hörte, wünschte ich, daß das Schloß
wieder seyn möchte, wie es einst im höchsten Glanze bei unsern
Vorältern gewesen; auch wünschte ich euch als schöne Leute in den
besten Jahren und mich als eine schöne vernünftige Jungfrau, über die
Puppen--wollt' ich sagen Kunstfiguren-Jahre hinaus zu sehen; zürnet
nicht lieber Vater, aber der Gedanke an die Kunstfigur von Birkenreis
kann mich noch jetzt erbittern."--Gockel lachte und sagte: "Gackeleia
dreh' den Ring nur noch einmal, um verständig zu werden, es steckt
noch viel vom eigensinnigen Kind in der erwachsenen Jungfrau, du
willst die Ruthe noch nicht küßen!"--da küßte Gackeleia ihm die Hand
und fuhr fort: "Als nun Alles nach meinem Wunsche geworden war,
schlich ich zu euch in den Hühnerstall und drückte mich in einen
Winkel, um eure Ueberraschung recht zu genießen. Sissi aber wollte
mit aller Gewalt unter die Puppe gebunden seyn, um euch zu wecken; da
lief sie über euer Stroh und als ihr aufriefet: "die Puppe! die Puppe!"
sagte ich:
"Keine Puppe, es ist nur
Eine schöne Kunstfigur."
"Das Andre wißt ihr Alles."
Nach dieser Erzählung umarmten Gockel und Hinkel die Gackeleia unter
Freudenthränen und sagten: "Dank, tausend Dank, liebes Kind; du
sollst zum Lohne deiner Güte nun auch den Ring immer am Finger haben,
du sollst Alles wünschen, was du willst!" Gackeleia sagte: "ich
nehme es an, vor Allem wollen wir die drei Esel, welche im Hofe
stehen mit Allem bepacken; was ich dem guten Mäusekönig versprochen
habe und dann sollt ihr sehen, wie vernünftig ich wünschen will."
Nun giengen sie hinab und wünschten, nachdem die Käse und die
Schinken den Eseln auf den Rücken gepackt waren, den Königsberger
Marzipan, den Thornischen Pfefferkuchen, die Jauerischen Bratwürste,
die Spandauer Zimmetbretzeln, den Nürnberger Lebkuchen, die
Frankfurter Brenten, die Sachsenhauser Kugelhupfen, die Mainzer
Vitzen, die Gelnhausner Bubenschenkel, die Koblenzer Todtenbeinchen,
die Liestaller Leckerli und die Botzener Zelten auch dazu, welche
sich ohne Verzug einstellten und die Esel so belasteten, daß sie
schier niederbrachen.
Als nun die Zeit kam, daß Prinz Speckelfleck und Prinzessin Sissi
Abschied nehmen wollten, drehte Gackeleia den Ring Salomonis mit dem
Wunsch, die Sprache der Mäuse zu verstehen, ohne grade zu schlafen,
und dadurch ward die Unterhaltung jetzt ganz leicht. Gackeleia sagte:
"Meine liebsten durchlauchtigen Freunde! Euer Abschied thut mir
sehr leid, wir verdanken euch Alles; ich will es euch belohnen. Ihr
habt gesehen was der Ring vermag; die Petschierstecher hat er in Esel
verwandelt--so ihr es verlangt, soll er euch gleich in Menschen
verwandeln, und ihr könnt für immer hier bei uns bleiben."--Die
beiden Mäuschen schauten sich ernsthaft an und dann erwiederte Sissi:
"Gackeleia, du sagst ein großes Wort--aber lasse uns bleiben, was wir
sind, wir wollen uns nicht von unserm Volke trennen, wolltest du auch
unser ganzes Volk zu Menschen machen, wo wäre das Land, das sie
fassen und ernähren könnte? o es gäbe Mord und Todschlag und
Hungersnoth! nein, wir sind uns als Mäuse genug; uns bleibt Nichts
mehr zu wünschen übrig, als daß wir, glücklich nach Hause gekommen,
die Verschwörung Mack, Benack, Gog, Magog und Demagog mit der
Pulvertonne in dem herrlichen Monumente Gackeleioeum auf ewig
eingemauert finden, daß wir unsre königlichen Eltern mit all den
köstlichen Leckerbissen erquicken können und daß weder Papa noch Mama
sich den Magen verdirbt. O die Einweihung des Monuments wird
monumental werden!--o wie hinreißend wird Muskulus deklamiren! wie
süß wird der edle Piloris duften!"--da fiel Speckelfleck ein: "und
wie bezaubernd die holde Marquise Marmotte tanzen!"--Sissi aber that,
als wenn sie ihn nicht hörte; und Gackeleia erwiederte: "Sissi! du
sprichst sehr vernünftig, aber frage doch den anmuthigen jungen Igel,
ob er vielleicht ein Mensch seyn möchte, er scheint mir melancholisch;
--"ich glaube kaum," versetzte Sissi", aber ich will es thun."
Als hierauf Prinz Pfiffi und Prinzessin Sissi von ihren Freunden den
zärtlichsten Abschied genommen hatten, befestigte Gockel den falschen
Ring Salomonis dem Esel, der ihn nachgemacht hatte, als ein Andenken
in das Ohr, heftete ihm seine Pudelmütze auf den Kopf und setzte die
Mäuschen hinein, dann ließen sie durch die Treiber die drei Esel nach
dem Mäuseland hintreiben und recht viele schöne Grüße ausrichten.
Als sie fort waren, sagte Gackeleia: "jetzt wollen wir auch einmal in
unsre Schloßkapelle gehen und sehen, wie sie sich verändert hat."
Kaum hatte sie diese Worte gesprochen, als die Glocke zu läuten
anfieng und sie in die Kapelle rief. Sie traten hinein und konnten
sich nicht satt sehen, wie Alles so reinlich und festlich mit Blumen
und Laubkränzen geschmückt war. Alle Wände und Steinbilder, das
Grabmal des Urgockels und die Bilder aus seinem Leben waren wie neu,
rein und polirt. Es war eine schöne Kanzel an der Seite und
gegenüber eine Orgel mit einem stattlichen Organisten und seinen
Blasebalgtretern. Mehrere kleine Jungen läuteten am Glockenstrang
aus Leibeskräften. Ein Anderer lief mit Wasser und Sprengwedel umher
und sprengte, daß es kühl sey. An einer Seite streuten
weißgekleidete Mädchen Blumen, an der anderen standen Knaben hinter
großen Sträußern versteckt. Aber es war doch keine rechte Kapelle,
der Altar war auch nicht, wie zu Urgockels Zeiten, da waren keine
Leuchter, keine Kerzen, kein Heiligthum. Der Ring Salomonis hatte
sein Mögliches gethan; aber er kann nur Zeitliches, Natürliches,
Künstliches, Weltliches, aber nichts Ewiges und Geistliches geben.
Als sie Alles mit Freuden betrachtet hatten, wurden sie durch den
Anblick des Hahns auf dem Grabmal des Urgockels recht lebhaft an den
guten Alektryo erinnert. Sie dachten an das Halsgericht, das Gockel
hier gehalten. Frau Hinkel und Gackeleia schlugen die Augen nieder;
da spielte auf einmal der Organist eine sehr rührende Arie: "Wie sie
so sanft ruhn." Es war ein gar feierlicher Moment.--"Ach der edle
Alektryo!" seufzte Gockel, "ich kanns nicht aushalten," schluchzte
Frau Hinkel, "ach wäre er nur wieder da!"--"Ei," dachte Gackeleia,
"dazu kann ich helfen" und drehte ganz still an ihrem Ring:
"Salomo du weiser König,
Dem die Geister unterthänig,
Mache meine Eltern froh
Durch den Hahn Alektryo;
Ringlein! Ringlein! dreh' dich um,
Mach geschwind, ich bitt' dich drum."
Da hob sich ein Wölkchen auf der Stelle aus dem Boden, wo die Gebeine
Alektryo's verbrannt worden waren, und wirbelte und ballte sich
zusammen und ward wie ein Hahn und der Uralektryo auf dem Grabmal
rührte sich, streckte den Hals, schlug mit den Flügeln und krähte
durchdringend, und es fuhr wie ein Feuerstrahl aus seiner Kehle
sichelförmig zu der kleinen Wolke nieder, die im Augenblick der alte
kräftige Alektryo ward, auf Gockels Schulter flog, mit den Flügeln
schlug und mit ritterlichem Krähen dem steinernen Hahn antwortete,
worauf draußen in dem Hühnerhof alle Hahnen antworteten; es gieng wie
ein Zurufen der Schildwachen von Hahn zu Hahn das Krähen umher.
Aller Freude über Alektryo war sehr groß, er selbst aber war
tiefsinnig und nachdenklich, er meditirte. Da nun von allen Seiten
die Hühner und Hahnen in die Kapelle hinein kamen, den Alektryo zu
sehen, benutzte dieser die durch seine Wiedergeburt erschütterten
Hahnenherzen und Hühnergemüther, schwang sich auf die Kanzel empor
und hielt eine ganz erstaunlich ergreifende Rede über Familienglück
und Kinderzucht, so daß auch kein Hühnerauge ohne Mitgefühl blieb,
all das unten zuhörende Federvieh schluchzte und piepte ganz
leise--der Organist accompagnirte gar lieblich mit einer
melancholischen Arie: "Ach Schwester! die du sicher u.s.w." Auch die
raugräfliche Familie war sehr gerührt.
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