Book: Gockel, Hinkel und Gackeleia
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Clemens Brentano >> Gockel, Hinkel und Gackeleia
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Als nun Alektryo am Schluße seiner Rede ausrief: "ist jemand unter
den verehrten Anwesenden, der feierliche Verlöbniß oder Hochzeit zu
halten wünscht?"--drehte Gackeleia den Ring, ohne zu wissen wie, und
sprach ganz heimlich, ohne zu wissen was:
"Salomo du weiser König,
Dem die Geister unterthänig,
Bring' doch den Kronovus her
So ganz, wie von ungefähr;
Ringlein! Ringlein! dreh' dich um,
Mach' geschwind, ich bitt' dich drum."
Da ertönten plötzlich Jagdhörner im Schloßhof. Gackeleia lief hinaus,
als ob ihr der Kopf brenne, und sah das Prinzchen Kronovus in einem
grünen Jagdröckchen von seinem Schimmelchen springen, und sie flogen
sich einander in die Arme mit dem Ausruf: "Ach wie bist du so groß,
bück dich!"--"Ach wie bist du so klein, streck dich!" Gackeleia aber
drehte schnell den Ring hinter dem Rücken des Kronovus und wünschte,
daß er so erwachsen und verständig seyn möge, als sie selbst, und
sieh da, er ward es zusehends, worüber sie eine große Freude hatte.
Da eilte sie mit ihm in die Kapelle, sein Jagdgefolge aber blieb in
den Thüren stehen.
Gockel und Hinkel grüßten den Kronovus herzlich und dieser sagte
sogleich, da sein Herr Vater Eifrasius und seine Frau Mutter Eilegia,
das Zeitliche gesegnet hätten und mit Tod abgegangen seyen, erkläre
er ihnen, daß, so sie ihm die Hand ihrer Tochter Gackeleia geben
wollten, er sie zu seiner Königin von Gelnhausen zu machen Willens
sey. Da alle Theile zufrieden waren, führten die Eltern das junge
Paar zu dem blumengeschmückten Altar.
Indessen spielte und sang der Organist die schöne Arie: "Schönstes
Hirschlein über die Maßen, hörst du nicht den Jäger blasen?"
Alektryo aber schrie dreimal hinter einander von der Kanzel:
"Zum Verlöbniß hier sich melden
Die Hochachtbar Wohlbestellten,
Majestät Kronovus, König
Von Gelnhausen, oberthänig,
Mit der zarten Raugräfinn
Gackeleia, unterthänig,
Grafen Gockels Gau-Erbinn,
Wend't Niemand was dawider ein,
So sollen sie verlobet seyn!"
Kein Piepswörtchen von einer Einwendung ließ sich hören, als er aber
zum drittenmal fragte: "wer wendet was dawider ein?" erschallte eine
dumpfe Stimme, die alle erschreckte:
"Ich Urgockelio sag: Nein!"
Alles schaute das Bild des Urgockels an, Kronovus aber zog grimmig
seinen Degen und schrie gegen den Grabstein:
"Wer wagt's und spricht ein Wort darein?"
Urgockel aber schlug mit der Ruthe auf das steinerne Abc-buch, daß es
rasselte und sprach, die Augen wie ein erzürnter Schulmeister rollend:
"Gleich steck' mir ein den Flederwisch,
Sonst ich dich bei dem Fell erwisch'
Und lasse dir die Kunstfigur
Von Birkenreis recht tüchtig schmecken;
Kennst du sie nicht? die Braut frag' nur,
Sie wird dir, wie sie schmeckt, entdecken!"
Das plötzliche Reden des steinernen Urgockels brachte keine geringe
Störung unter die hohen Anwesenden und deren Federvieh, Gackeleia
hatte kaum das Wort "Kunstfigur von Besenreis" gehört, als eine
glühende Röthe ihre Wangen überzog; aber sie sammelte sich
augenblicklich und winkte dem Organisten, der in einem Spiegelchen
Alles sah, was am Altare geschah, und dieser ließ plötzlich alle
Pfeifen los und machte einen Tusch wie mit Paucken und Trompeten, so
daß die ganze Drohung Urgockels nicht gehört ward. Indessen zog
Gackeleia die Kunstfigur auf, gab ihr einen kleinen Klingelbeutel in
die Händchen und ließ sie unter den anwesenden Hühnern herumschnurren,
mehrere junge Hahnen aber, welche kein kleines Geld bei sich hatten,
fiengen darüber zu schwätzen und endlich zu streiten an, und ein
kleiner Junge nahm einen Sprengwedel und spritzte unter sie, daß sie
mit großem Geschrei wegliefen, dazu schrie Alektryo fortwährend von
der Kanzel, und Gackeleia war herzlich froh, daß man über all dem
Spektakel die Worte Urgockels nicht gehört und Kronovus seinen Degen
wieder eingesteckt hatte. Als es wieder etwas ruhig geworden, rief
Alektryo zum drittenmal:
"Wendt Niemand was dawider ein,
So sollen sie verlobet seyn!"
und aller Anwesenden Augen waren auf das Bild Urgockels gerichtete
welches sprach:
"Ich segne euer Bündniß nur,
Wenn ihr gehalten euern Schwur,
Den ihr bei meinem Namen sprachet,
Als ihr beim Fest die Bretzel brachet,
Nur dann einander nie zu lassen,
Wenn die gebrochnen Stücke passen!"
Urgockel hatte aber diese Worte kaum ausgesprochen, als auch
Gackeleia gleich aus ihrem Körbchen und Kronovus aus seiner
Jagdtasche, die Hälfte der Bretzel und des Bubenschenkels hervorzogen
und zusammenhielten; und die Bruchstücke paßten so scharf zusammen,
als ob sie eben jetzt erst gebrochen wären.--Sie entschuldigten sich
nicht, daß sie ihr Gelübde in der Freude des Wiedersehens vergessen
hatten, aber sie wurden bei den Worten Urgockels roth bis über die
Ohren und sahen ganz blöd vor sich hin, weil sie sich beschämt
fühlten.
Bei dieser feierlichen Handlung herrschte eine allgemeine Stille, man
hörte nichts als das Glöckchen am Klingelbeutel, den die Kunstfigur
herumtrug. Urgockel aber streckte seine steinerne Hand hervor und
segnete Kronovus und Gackeleia mit den Worten:
"Wie die beiden Hälften Eines,
Trenne sich vom Andern Keines;
Und in euren Wappenschilden
Sollt in einem Myrthenkranz
Ihr im goldnem Feld abbilden,
Glänzend, unverletzt und ganz,
Bretzel und auch Bubenschenkel
Zum Gedächtniß später Enkel.
Zwei gekrönte Mäuschen fein
Sollen die Schildhalter seyn;
Unter'm Schild am Ordensband
Hänge als der Treue Pfand
Des Kronovus buntes Ei,
Worauf Vivat Gackelei.
Auf des Schilds zwei Helmen stehen
Königskrone, Grafenkrone,
Und Alektryo mit Krähen
Auf der Königskrone throne
Und ein starkes Nest behüte,
Worin Frau Gallina brüte.
Auf der Grafenkrone Rand
Schweb' in purpurnem Gewand,
Hebend mit der kleinen Hand
Hoch des Glückes Unterpfand,
Salomonis Siegelring,
Jenes liebe Wunderding,
Keine Puppe, sondern nur
Eine schöne Kunstfigur!"
Nach diesen Worten zog Urgockel seine Hand wieder zurück und war ein
unbeweglicher Grabstein wie zu vor. Der Organist aber sang eine
schöne kunstfigurirte Arie, wozu Menschen und Federvieh einstimmten
und die Glocken läuteten--denn sieh, ein merkwürdiges Ereigniß hatte
den Bund bekräftiget, die beiden Stücke der Bretzel und des
Bubenschenkels waren fest und wieder Eins geworden, als seyen sie nie
getrennt gewesen.--Gackeleia aber drehte den Ring mit dem Wunsche das
Wappen möge nach dem Willen Urgockels fertig seyn und sogleich stand
es auf einer schönen Fahne neben der Orgel. Schon wollte man sich
ordnen mit der vorgetragenen Fahne in den Speisesaal zu ziehen, als
Gackeleia an den goldnen Hahn, die goldne Henne, das Geschenk von
Salomo und der Königin von Saba gedachte, das sonst bei jeder
Hochzeit in Gockelsruh im Brautzug getragen worden. Schnell drehte
sie den Ring und wünschte, dieses Kleinod möge sich im Schatze der
Kapelle befinden und in ihrem Zuge getragen werden.--Da trat ein
Jüngling und eine Jungfrau, beide in morgenländischer Tracht,
herrlich geschmückt in die Kapelle vor eine eiserne Thüre in der Wand,
die mit Rasseln aufsprang. Da sah man die beiden Brautgeschenke
schimmernd stehen. Sie nahmen sie heraus und präsentirten sie dem
Brautpaare, welche sie auf den Altare stellten und mit großer Freude
anschauten.--Indem nun Alektryo von der Kanzel das Bild der brütenden
Gallina in der goldnen Henne erkannte, schlug er mit den Flügeln und
krähte gar wehmüthig. Gackeleia verstand seine Sehnsucht und drehte
den Ring, auch die gute Gallina möge wieder im Kreise ihrer Lieben
verweilen. Da hob sich ein Wölkchen auf dem Grabstein, wo die
Gebeine Gallinas und ihrer Jungen verbrannt worden, wirbelte, drehte,
ballte sich und ward zum großen Erstaunen aller Anwesenden Hühner,
denen die Federn darüber zu Berge stiegen--Gallina; Alektryo
unterbrach seine ernste Rede und flog von der Kanzel zu seiner
Gefährtin nieder, die er freudig begrüßte; aber Alektryo besann sich,
flog wieder auf die Kanzel, bat die Anwesenden um Vergebung, daß er
von der Freude des Wiedersehens hingerissen, ihre ernsten
Betrachtungen unterbrochen habe und forderte abermals jene sich zu
melden auf, welche sich zu vereinigen gedächten.
Da trat die Primadonna von Gelnhausen in die Kapelle und da der
Organist eben die Fuge anstimmte:
"Laurentia, schönste Laurentia mein,
Wann werden wir endlich vereiniget seyn?"
wollte sie künftig die Fugen nicht mehr Solo singen, sondern mit ihm,
da sie aber sich immer mit dem Gesang einander flohen und nachließen,
ohne jemals sich zu vereinigen und ihr Zusammensingen eine Fuga
perpetua, eine immerwährende Flucht war, und da der gräfliche
Erztruchseß hereintrat, vermeldend, daß bereits servirt sey und bei
längerem Verziehen das Fett am Hammelsbraten leicht gerinnen könne,
so ordnete sich der Brautzug die Kapelle zu verlassen.
Man hatte die Wappenfahne bereits in Bewegung gesetzt, die Träger der
Braut-Henne und des Braut-Hahnes hielten bereits diese
Reichskleinodien auf purpurnen Sammtkissen vor ihrer Brust, und
Kronovus und Gackeleia wollten so eben von den Stufen des Altares
herabsteigen, als Urgockel auf dem Grabstein sich abermals sehr
heftig bewegte und mit drohender Stimme sprach:
"Wohl ist das Sprichwort wahr gestellt:
Undank ist stets der Lohn der Welt,
Undank ward dem Alektryo,
Undank dem Urgockelio.
Ich habe euch den Ring geschenkt,
Doch ist hier Niemand, der mein denkt,
Ich muß euch Ringe wechseln sehn
Und Keiner will den Ring mir drehn,
Ich stehe hier auf meinem Stein--
Verlassen, einsam, ganz allein,
Und draußen bei der Linde ruht
Mein edles Weib, Urhinkel gut,
Sie wählte diesen Ort zum Grab,
Weil ich sie dort errettet hab'.
Drei Lilien stehn auf ihrer Gruft
Und senden Weihrauch in die Luft;
Wenn ein Geschick vorübergeht,
Ihr Geist bei diesen Lilien steht,
Mit denen er zum Himmel fleht'
Und Gott erhöret ihr Gebet.
Die Lilien leuchten dann zumal,
Die Sterne senken Strahl um Strahl
In ihre reinen Kelche ein;
Auch schweben schöne Engelein
In sie hinein und singen fein;
Das höret Alles klar und rein
Urhinkel an und stimmt mit ein
Und läßt das weiße Schleierlein
Im Sternenschein, im Mondenschein,
Hin spielen in den Lüftelein;
Ich aber muß hier einsam seyn
Und recht in meines Herzens Pein,
Wie's Kindlein nach dem Mütterlein,
Nach dem Urhinkel draußen schrein:
O laß doch den Urgockel dein
Nicht so allein, allein, allein!
Du plauderst draußen mit der Lilie,
Vom Thau berauscht im Sternenschein,
Mich hüllt hier trocken ohne Familie
Der alte kalte Epheu ein.
Urhinkel komm! ich rück' zur Seite,
Du bist ja Bein von meinem Bein,
Es ist vollkommen für uns Beide
Raum, Licht und Luft auf diesem Stein."
Dann schaute Urgockel das Brautpaar sehr gebieterisch an und fuhr
fort:
"Was euch ist recht, das ist mir billig,
Ihr wollet zwei und zwei hier seyn,
Und drum in Zukunft nicht mehr will ich
Das ein mal eins hier seyn allein;
Dreh, Gackelei den Ring und führe
Die Ahnfrau her mit Sang und Klang;
Bleibt Wahrheit immer vor der Thüre,
Wird Zeit und Mährchen stäts zu lang."
Gackeleia, welche großes Mitleid mit dem Urgockel hatte, drehte den
Ring Salomonis schnell, schnell mit dem Wunsche, die Gebeine der Frau
Urhinkel möchten aus dem Grabe unter der Hennenlinde erhoben und
Alles bereit seyn, um sie in die Gruft Urgockels beisetzen zu können.
Als sie nun aus der Kapelle hinausgezogen waren, fanden sie Alles
folgendermassen geordnet; im Schatten der Hennenlinde um das
Hennenkreuz standen bei den Lilien drei schneeweiß gekleidete
Klosterjungfrauen und mitten zwischen ihnen schwebte der Geist der
Frau Urhinkel von Hennegau in einem schneeweißen, schimmernden Gewand;
ihr von langen schwarzen Locken umströmtes Haupt war über einem
weißen Schleier mit weißen Rosen gekrönt, auf ihrer Schulter saß eine
weiße Henne, in der einen Hand hielt sie eine goldne Spindel, in der
andern ein feines leuchtendes Brod. Ihr Angesicht war nicht irdisch
schön, aber von einer himmlischen Liebe und Freundlichkeit übergossen,
man konnte nicht aufhören, sie anzuschauen, ihr Blick war eine
segnende Verbindung von Thau und mildem Sonnenlicht. In kleiner
Entfernung von ihnen war das Grab der Ahnfrau eröffnet und stand
neben demselben ihr irdisches Kleid im Sarge auf einer Tragbahre;
nicht weit von diesem aber bei jenen Kräutern, die bei dem Begräbniß
Gallina's so großes Beileid bezeugt hatten, stand die Erscheinung von
acht altfränkisch festlich gekleideten Jungfrauen, sie waren mit
Kräutern bekränzt und mit einem Orden an amaranthfarbigem Band
geschmückt. Eine jede trug ein schönes Huhn in einem Körbchen unter
dem Arm. Sie blickten alle mit dem Ausdruck ernster Freude und
Rührung nach dem Geiste und dem Leibe der Ahnfrau und waren in einer
lieblich schwebenden Bewegung. Sie schienen Etwas zu erwarten, die
Tragbahre war mit einer tiefrothen Sammtdecke, worauf das
Hennegausche Wappen in Gold gestickt, bedeckt. Auf dieser Bahre
stand nun der offne Sarg, worin die liebste Frau Urhinkel ruhte; aber
welch ein seltsamer Sarg! es war ein langer Gitterkorb von Zypressen
und Myrthenzweigen geflochten und mit erstaunlich vielerlei Blumen
durchschlungen, welche durch ihre Namen und Bedeutungen ausdrückten,
wie sehr die Todte von den Armen geliebt worden war, die ihr den Sarg
geflochten und ausgeschmückt hatten und ihrer Leiche gefolgt waren.
Gackeleia hatte oft von dem Blumensarg ihrer Ahnfrau erzählen hören.
Es gab ein Mährchen davon in der Gockelschen Familie, das man den
Kindern erzählte, um ihnen Milde gegen die Armen einzuflößen.--Nun
sah sie diesen Blumensarg vor ihren Augen; aber er war ganz welk und
verdorrt.--Sie wollte um Alles in der Welt den Blumensarg wieder in
seiner ganzen Schönheit sehen. So drehte sie dann den Ring Salomonis
mit den Worten:
"Salomo, du weiser König,
Dem die Geister unterthänig,
Lasse neu den Sarg verzieren
Mit des Dankes Blumengaben;
Wolle uns vorüber führen
Alle Armen, alle Kinder,
Die den Sarg gewebet haben;
All der Liebe Kränzewinder,
Die in Blumen einst begraben
Dieses Herz, den Trost der Kinder.
Sende all die Kronenbinder,
Jene Blumen einzusammeln,
Jene Kräuter, jene Halmen,
Deren Namen Wünsche stammeln,
Deren Namen Dankespsalmen,
Süße Grüße, Wohlgefallen,
Wie unschuldige Kinder lallen.
Um das Bettlein, wo in Frieden
Ruht das ird'sche Kleid der Braut,
Die vom Leib der Zeit geschieden,
Ward dem ew'gen Geist getraut,
Werde von dem Dank hienieden
Neu ein Blumenzelt gebaut.
Schmücket neu dies Herz mit Blüthen,
Liebeswerke, die drin glühten,
Daß die Blumen, Erdensterne,
Zeitlich hier den Leib umkränzen,
Wie des Himmels Blumen, Sterne,
Ewig dort den Geist umglänzen;
Ringlein! Ringlein! dreh dich um,
Schmück' den Sarg, ich bitt dich drum!"
Auf diese Worte Gackeleias ertönte ein leiser, ungemein reiner und
lieblicher Gesang von den drei Lilien her, welche zu Häupten des
Hennenkreuzes standen:
"O Stern und Blume, Geist und Kleid,
Lieb, Leid und Zeit und Ewigkeit!"
Nach diesen Stimmen nahte hinter der Linde hervor von beiden Seiten
eine gar rührende Prozession von Greisen, Männern, Frauen, Jünglingen
und Jungfrauen, Knaben und Mägdlein, ja Säuglingen auf den Armen der
Mütter. Alle waren sie durch Kränze und Gewinde der manichfaltigsten
Blumen und Kräuter verbunden, die sie in der einen Hand hielten,
während sie in der andern an weißen Stäben schimmernde Fahnen trugen
und rings um Frau Urhinkel aufpflanzten. Diese Fahnen aber bestanden
aus nichts anderm, als aus Hemden, Strümpfen, Röcken, Wämsern und
besonders aus vielen allerliebsten, kleinen Kindermützchen, welche
Frau Urhinkel mit eigenen Händen verfertigt hatte, um die Armen damit
zu bekleiden. Alle die Kleidungsstücke schimmerten wie Silber und
Gold und was mit großem Fleiße, mit großer Liebe und Ueberwindung
genäht war, das war wie mit Edelsteinen und Perlen ausgeziert. Es
waren die Werke der Frau Urhinkel, welche ihr nachfolgten. Als nun
alle diese Siegsfahnen um die liebe Seele aufgepflanzt waren, zogen
die Geister der Armen, welche sie durch milde Austheilung der Gaben
Gottes vor Noth, Verzweiflung und Verbrechen gehütet und als dankbare
Kinder in das Haus des Vaters geführt hatte, hin zu dem Sargkorbe,
worin der Leib ihrer Wohlthäterin ruhte, und verwandelten ihn mit
allen ihren Laubgewinden durchflechtend in ein Schiff von Blumen.
Die guten, dankbaren Seelen schmückten das Ruhebettlein der Ahnfrau
mit allem Danke, aller Liebe, die sich durch Blumennamen aussprechen
lassen, und als der Blumensarg neu erblüht war, brach Gackeleia
freudig in die Worte aus:
"o das ist eine schöne Leichenrede, das sind keine rednerischen
Blumen, das ist eine Blumenrede, mir ist, als spräche ich selbst so,
wenn ich diese Blumengewinde ansehe; denn was die Blumen heißen, das
sind sie mir!"
"Ja, liebe Ahnfrau, da ist Augentrost für dich, welche alle Thränen
getrocknet, Liebäugelein für dich, weil du alle Arme so lieblich
anblicktest, brennende Liebe mit den granatrothen Blumen, weil dein
Herz von Nächstenliebe geglüht; Thymian, das gewürzige Demuthkraut
für dich du Demüthige; Ehrenpreis für dich du aller Ehren werthe;
Engelsüß und Engelblume sprechen: "du süßer milder Engel in aller
Noth!--O du Herzblümlein, du Herzenstrost, du Herzensfreude flüstern
drei andre Blümlein;--du Honigblümchen, je länger je lieber hatten
wir dich, sagen andre.--Wie viele stammeln mit Kinderaugen, "Vergiß
mein nicht."-Das Schlafkräutlein spricht: "schlummere süß"--und das
Fühlkraut: "rühr mich nicht an."--Das Mollenkraut, das Wunderbäumchen,
Palme Christi säußelt um dein Haupt.--Das Herrgottsbärtlein weht
durch deine Locken.--Die Passionsblume schaut dich an--ruhe sanft
lieb Denkeli--an deinem schattigen sonnigen Herzen, du Liebstöckel,
blühet dein Herzgespann, das demüthige Sophienkraut, das
Sonnenbräutlein, der Sonnenthau füllt ihm die Löffelchen seiner Hände,
im tiefsten Schatten, wie in glühender Sonne heilend und erquickend.
Dem lieben Herzen, dem es nahe ist, müssen die Feinde vergeben, wie
es ihnen vergiebt, alle müssen es lieben, kein Zauber kann es kränken,
selbst der eigne nicht.--O schlummre selig, der Engeltrank dir Wohl
verleih!--Sey Wohlgemuth, Gottes Gnade, Gottes Hülfe, Gottes Heil
sind mit dir.--Zum Himmel kehr dich du Sonnenwende.--Wandle träumend
durch den Himmelsthau zu dem Kreuzblümlein, dem Jesusblümlein.--Der
Heiland legt den Himmelsschlüssel in deine Hände--Du ewige Blume.
--Gotteshülfe sey dir ewig grün.--Tausendblättchen hast du reine,
feine Garbe voll Heilkraft--und Floramor, Tausendschön, die
purpursammtne Amaranthe schimmert dich an, daß dir das Herz lacht u.s.
w.--Wer kann alle Liebe aussprechen, welche die Blumen
stammelten?--Zu ihren Füßen deutete die Jerusalemsblume, die feurige
Liebe, die Mannstreue auf die Liebe und Treue Graf Gockels. Alle
diese Blumen waren von vielen weißen Rosen durchflochten und an den
Ecken des Sarges ragten Lilien hervor, und beide wußten nichts
freudigeres zu sagen, als, "sie liebte uns." In der Hand hatte die
liebe Todte einige Heilkräuter, einen Strauß von Schlüsselblumen,
Chamomillen, Melissen, weißen Nesseln, Lindenblüthe und
Orangenblättern.--Ein Monatröschen, das sie lange gepflegt, blühte in
einem Körbchen an ihrer Seite.--Die ganze sprechende Blumendecke des
Sarges war von einer immergrünen Epheuranke übersponnen, welche an
dem Kreuze zu Häupten des Sarges hinanrankend sagte: "immergrün ist
meine Treue, wer will mich trennen von meiner Liebe, ich halte ihn
und lasse ihn nicht. Wer ist treuer als ich? selbst von der Wurzel
getrennt, lasse ich nicht von dem, was ich umarmte, und grüne und
lebe klammernd an meiner Stütze. Mit ewigem Grün umschließet die
Treue die Asche der Todten und bindet die Scherben der Urne; denn
losgerissen würde sie sterben. Selbst den gefallenen Stamm umgrüne
ich. Seit ich lebe, ringe ich aufwärts, nicht aus eigener Kraft,
sondern getragen von zuvorkommender Gnade, die ich dankbar mit den
Wurzeln meiner Zweige erfaße.--Weil ich barmherzig den nackten Fels
bekleide, decket die ewige Liebe meine eigne Armuth und trägt mich
aufwärts mit den Barmherzigen, die sie selig spricht; auf daß ich
aufsteige aus der Wüste, gestützt auf den Geliebten überfließend von
Beglückungen."--Solches und vieles andere stammelten die Blumen und
Kräuter, womit die Geister der dankbaren Armen, denen Frau Urhinkel
alle Barmherzigkeit erwiesen hatte, ihren Sarg von neuem schmückten.
--Als sie den Sarg geschmückt hatten, zogen sie sich zu beiden Seiten
der Frau Urhinkel zurück, erhoben ihre Fahnen wieder und traten in
den Hintergrund.
Alles das sahen Gockel, Hinkel, Gackeleia und Kronovus ganz still mit
tiefer Rührung an und nun sprach Gackeleia: "das also ist der schöne
Blumensarg unsrer Ahnfrau von dem du mir so oft erzählt liebe Mutter,
daß die Engel die Blumen dazu im Himmelsgarten gepflückt?"--da
erwiederte Frau Hinkel: "Ja, und er ist noch viel schöner als ich
wußte, denn die Engel waren die Armen, die sie in den Himmel durch
ihre Liebe geleitet und der Himmelsgarten war der Garten ihres
liebvoll barmherzigen Wirkens und alle die Blumen und Kräuter waren
ihre Liebeswerke. Sie hat mit der Gnade Gottes ihren Garten selbst
gebaut!"--Da sprach Gockel: "Hier kann man wohl sagen, unsere Werke
folgen uns, und wie man von Kummer und Bösem sagt, das ist ein Nagel
in meinen Sarg, kann man wohl von allen Werken der Liebe sagen, sie
sind Blumen auf meinem Grab, o wer sollte sich nicht einen solchen
Garten zu bauen wünschen!"--"Ach," sprach Kronovus, "du mußt helfen
Gackeleia, wir wollen fleißig im Garten arbeiten." Gackeleia hatte
Thränen in den Augen und nickte still.
So standen sie und sahen den Leib der Ahnfrau an, der ernst und
ehrwürdig und doch so lieblich mit seinem Brautkleid in dem
Blumenbettchen ruhte. Keine Spur von Verwesung entstellte die
rührende Gestalt. Sie war ganz dieselbe, wie man sie in dem
Grafensaal in Gockelsruh als Braut gemalt sah, nur noch weiser, noch
reiner. Das edle, kluge Haupt trug die Grafenkrone über einen Kranz
von Amaranthen, der die reichen mit Perlen durchflochtenen Locken
umfieng und ruhte mit geschloßnen Augen, wie das Antlitz eines
schlummernden Heldenkindes, auf einem runden goldnen, mit Rubinen
verzierten Polster, das sie gleich einem Heiligen Schein umleuchtete;
die eine Wange jedoch lehnte etwas zur Seite geneigt an einem Kissen
von der feinsten schneeweißen Leinwand.--"Kennst du das kleine
Kissen?" fragte Frau Hinkel die Gackeleia und diese antwortete: "o
gewiß, davon hast du mir ja auch erzählt, wie von dem Blumensarg; die
Gräfin Amey von Hennegau spann so fein, so fein, webte so fein, so
fein, und trocknete mit ihrem Linnen die Thränen der Armen; weil aber
noch so fein gesponnen, endlich doch kömmt an die Sonnen, so haben
ihr die Armen dieses Linnen an der Sonne mit Thränen des Dankes
gebleicht. Sie theilte aber Alles mit ihnen und so auch dieses
Linnen; da haben dann die dankbaren Armen ihr aus ihrem Theil ein
Brauthemd und ein Todtenhemd genäht, und da noch ein Stückchen übrig
blieb, verfertigten sie dies kleine Kissen daraus und nähten den
Spruch darauf. "ein gutes Gewissen ist das ruhigste Kissen." Es
kamen aber alle Vögelein, denen sie von Jugend auf ihre Brosamen
ausgestreut hatte, herangezogen, und rupften sich selbst aus
Dankbarkeit die zartesten Flaumfederchen aus der Brust in das Kissen,
bis es recht weich und reichlich gefüllt war. Diese Gaben verehrten
sie der lieben Wohlthäterin als Brautgeschenk und sie nahm sie mit in
den Blumensarg."--"Du weißt Alles noch recht schön," erwiederte Frau
Hinkel, "sieh, zum Andenken dieses so ehrenvollen Ereignisses haben
auch alle Jungfrauen und Frauen unseres Stammes in ihrer Ausstattung
zwei solche Hemden und ein solches kleines Kissen, welche von den
Armen verfertigt werden müssen und dieser Theil der Ausstattung heißt
die Armen-Linnen-Spiegelgabe, weil wir uns an der Milde unsrer
Ahnfrau spiegeln sollen."
"Ach," sagte Gackeleia, "es ist schwer den Blick von dem lieben
Angesicht zu trennen, es ist so ehrwürdig, so ernst wie eine Sybille,
welche Schicksale träumt, so liebvoll sorgend und warnend wie eine
fromme Mutter, und auf der sinnenden Stirne ruht der Friede besiegter
Leiden, und wenn ich ganz bewegt bin und die Thränen mir in die Augen
treten wollen, lächeln mir ihre Wangen und ihre Lippen so kindlich
entgegen und es ist mir, als küße mir ein Kind die Thränen von den
Augen und streiche mir tröstend die Locken von der Stirne."--Da
sprach Gockel: "Kind, du hast ein gutes sicheres Aug, was du sagst,
muß wohl so gewesen seyn. Sieh, darum hat das liebe Herz, die gute
Ahnfrau auch schon als Jungfrau den Hennegauschen Mägdlein-Orden der
freudig-frommen Kinder gestiftet, dessen höchster Grad hier im Sarge
ihre Brust bedeckt. Es ist derselbe Orden, den Mutter Hinkel und
auch du jetzt trägst.
Es war in den Tagen der guten Ahnfrau im Lande Hennegau unter dem
weiblichen Geschlecht eine traurige tiefsinnige Andachtsweise
eingerissen; das Ei wollte klüger seyn, als das Huhn, und die Hühner
sprachen erstaunlich viel über umgelegte Eier. Es war wie eine
Krankheit unter den Mägdlein des Landes geworden, aller weiblichen
Handarbeit und Pflege und ebenso aller Freude und Heiterkeit zu
entsagen und sich allein einem tiefsinnigen Hinbrüten zu ergeben,
wodurch manche auf sehr verkehrte Dinge kamen.--Da nun im Jahre 1310
Porette, eine Jungfrau aus Hennegau, welche die Gräfin Amey kannte,
durch diese Lebensweise auf so unsinnige Meinungen und Lehren kam,
daß sie in Paris zum Feuertode verurtheilt ward, nahm Gräfin Amey
sich dieses so zu Herzen, daß sie sich entschloß, dieser Verkehrtheit
durch ihr Beispiel entgegen zu arbeiten. Sie errichtete deswegen für
Jungfrauen den Orden der freudigen frommen Kinder, in welchem sie
alle ihre Freundinnen verbindlich machte, mit Arbeit und Pflege für
die Armen, kindliche Freude und Andacht zu vereinigen. Alles Gute
und Heilige hatte einen Altar in ihrem Herzen, alles Kindliche und
Heitere aber auch eine gastfreie Herberge darin; und so kam die liebe
Amey in ein recht liebes, natürliches Wesen. Sie ward der Trost der
Armen und die Freude der Kinder, sie selbst nannte sich als
Großmeisterinn des Ordens das arme Kind von Hennegau. Da begann eine
gute Zeit für die Kinder in Hennegau, welche durch die übertriebene
Selbstbeschauung ihrer Mütter und älteren Schwestern ganz
unbeobachtet, verwildert, schmutzig, zerrissen und zerlumpt geworden
waren. Die liebe Amey errichtete große Ordensfeste und jede ihrer
Ordensgespielinnen mußte eine Heerde Kinder sauber und reinlich
gekleidet auf die Wiese bringen, wo getanzt und gespielt, gegessen
und getrunken und auch Gott gedankt wurde. Alle edlen Jungfrauen
wollten in dem Orden der freudig frommen Kinder seyn, und die
weibliche Sitte erhielt eine neue schöne Wendung, so daß es ein
Sprichwort geworden: "Wie wohl wär mir, hätt' ich zur Frau ein' edle
Dirn aus Hennegau!" Um aber die Verbindung der freudigen Frömmigkeit
und Kindlichkeit zu bezeichnen, um auszudrücken, daß die tiefste
Betrachtung es eben nicht viel weiter bringt, als ein lallendes Kind,
so besteht das Ordenszeichen aus einer Figur, welche auf der einen
Seite ein zur Sonne auffliegendes Lerchlein als das Bild freudiger
Betrachtung und auf der anderen Seite ein kleines, lächelndes
Wickelkind, das sich geduldig von einem Arm auf den andern nehmen
läßt, vorstellt. Es wird dieser Orden aber an einem amaranthrothen,
mit allerlei Glöckchen und Quästchen und sieben Sächelchen behängten
Bande um den Hals getragen, weil die Amaranthe nicht verwelkt und
ihre tiefe, rothe Farbe auch getrocknet bewahrt. Die Amaranthe ist
das Sinnbild treuer, beständiger Gottes--und Menschenliebe, und ein
Schmuck geliebter Todten, und es ward dem armen Kind von Hennegau
hier im Blumenbettlein die schöne Amaranthenkrone aufgesetzt, weil es
recht gewandelt ist. Die Erde trägt eigentlich nur den Schatten
dieser Blume, der Himmel allein bringt sie in der Fülle ihrer ganzen
Bedeutung wirklich hervor, als ein unvergängliches, unbeflecktes,
unverwelkliches Erbtheil, das uns in ihm bewahrt ist.--Die Amaranthe
ist ein Sinnbild der unschuldigen Kindlein, weil diese durch das
Schwert vom Leben getrennt, in ihrem Blute im Himmel wie die
tiefrothen Amaranthen glühen, welche selbst von der Pflanze
abgeschnitten, ihre Farbe nicht verlieren.--Die Amaranthe ist das
Sinnbild der Beständigkeit, der treuen Ausdauer, und von ihr heißt es,
in Kälte und Hitze, auch getrennt beständig, nimmer welkend, in
Thränen erneuet.--Dieser Eigenschaften wegen trägt Gräfin Amey die
Amaranthen-Krone und den Orden am amaranthrothen Band; daß aber am
Saum dieses ernsten Bandes alle die kleinen artigen Spielsachen,
Quasten, Glöckchen, Troddeln hängen, deutet wieder auf unschuldige
Freude am Saum des ernsten Tagwerks, so wie die Beete eines Gartens,
den wir mühselig bauen, mit kleinen lieblichen Blumen eingefaßt sind.
Sieh Gackeleia, wegen der tiefen Bedeutung der Amaranthenfarbe hatte
die gute Ahnfrau auch wohl eine so tiefe Rührung bei ihrem Anblick,
denn sie konnte sich oft gar nicht zurückhalten, wenn sie diese Farbe
sah; oder entsprang die Macht dieser Farbe über sie aus einem
Vorgefühl des Schicksals, das ihr durch dieselbe bevorstand?--ich
kann es nicht entscheiden--nur muß ich dich ermahnen, liebe Gackeleia,
nie eine Hinneigung zu irgend einer Sache allzu heftig werden zu
lassen, damit sie dich nicht endlich überwältige; denn sieh--die gute
Ahnfrau wurde durch diese Farbe gefangen und aus Hennegau hieher nach
Gockelsruh entführt. Die Räuber, welche wußten, daß sie dieser Farbe
nicht wiederstehen konnte, breiteten auf einer grünen Wiese, auf der
sie oft spazieren gierig, eine amaranthfarbige, seidene Decke aus,
und sangen ein Lied in der Nähe, das sie sehr liebte:
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