Book: Gockel, Hinkel und Gackeleia
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Clemens Brentano >> Gockel, Hinkel und Gackeleia
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"Feuerrothe Blümelein,
Aus dem Blute springt der Schein,
Aus der Erde dringt der Wein,
Roth schwing ich mein Fähnelein."
Dieses Lied lockte Amey ans Fenster und als sie den tiefrothen Fleck
im Abendschein auf der Wiese funkeln sah, konnte sie der Begierde
nicht wiederstehen; sie mußte hineilen, und sich auf die Decke
niedersetzen, und so entschlummerte sie. Da zogen die Räuber mit
verborgenen Schnüren plötzlich die Decke über ihr zusammen, banden
sie auf ein Pferd und entführten sie bis hieher unter die Hennenlinde,
wo Urgockel sie auf ihr Hülfsgeschrei befreite.--Sieh, sie ist ganz
in ein weites amaranthseidenes Gewand gehüllt, das deutet auf jene
Decke, in der sie entführt, gerettet und die Braut Urgockels ward.
"--"Es paßt recht schön," sprach nun Gackeleia, "daß sie diese Farbe
auch hier im Tode trägt, denn so ist sie auch in dieser Farbe von der
Erde entführt, und unter dem wahren Hennenkreuz gerettet, eine Braut
des Himmels und wie ein Küchlein unter die Flügel der Henne
versammelt worden.--Aber sage, warum haben denn die Räuber die liebe
Ahnfrau entführen wollen?--Sie sieht doch gar nicht so
reichgeschmückt aus wie andere Gräfinnen, die von funkelndem
Geschmeide strotzen, und ich habe mich schon über diese Armuth
verwundert, kannst du mir wohl sagen, warum hat sie denn gar keinen
andern Schmuck auf ihrem amaranthseidenen Brautkleid, als nur zwei
kleine Edelsteine auf den beiden Spangen, welche das weite Gewand auf
den Schultern zusammen fassen?"--Da schaute Gockel die Gackeleia
lächelnd an und sprach: "du bist ein rechter Schelm, du fragst mich
über Allerlei, was längst vergessen ist, und dann drehst du heimlich
den Ring Salomonis, damit mir Alles in den Sinn kommen soll, was ich
nie oder doch nur dunkel gewußt habe."--"Freilich mache ich es so,"
antwortete Gackeleia, "denn wie jede Speise ihr eigenthümliches Gefäß
hat, so sind solche alte Geschichten immer am schönsten, wenn sie der
Vater erzählt."--Da fuhr Gockel fort: "du fragst ganz recht wegen den
Räubern, die sie entführten und diesen einsamen Edelsteinen auf ihren
Achselbändern zugleich, denn wegen dieser wollten die Räuber, welches
böse Edelleute aus dem Turgau waren, sie entführen, und Kronovus mag
dich nur gut bewachen, sonst kann dir es auch so gehen; denn auch du
trägst solche zwei kleine Edelsteine auf den goldnen Spangen, welche
die Aermel deines amaranthfarbigen Brautkleides auf der Schulter
schürzen, und es sind diese Spangen deine eigentliche Morgengabe,
welche dir allein gehört. Es sind die sogenannten heiligen
Lehns-Kleinode der Grafschaft Vadutz, deren Wappen darauf eingegraben
ist. Vadutz mit seinen Felsenschlößern ist ein Frauenlehn und gehört
allen erstgebornen Gräfinnen von Hennegau, die mit diesen Spangen
auch alle Rechte einer Lehnshuldinn von Vadutz empfangen. Es ist
eine alte geheimnisvolle Sage mit diesen Steinen verbunden; es heißt,
die wahren, heiligen Gnaden-Kleinode, habe schon Rebecka auf ihren
Schultern getragen, sie seyen wunderthätig, die Ahnfrau habe sie mit
ins Grab genommen, um ihre Nachkommen vor Gefahren zu hüten, und jene,
welche diese trügen, seyen gewöhnliche Edelsteine; das mag wohl auch
so seyn, denn Mutter Hinkel trug diese Kleinode auch, seit sie Gräfin
von Vadutz ward, aber ich habe sie dadurch nie Wunder wirken sehen.
Jedoch sind die Kleinode, wodurch die Gräfin Amey ihre Tochter zur
Gräfin von Vadutz weihte und welche nun bis auf deine Schultern
gekommen sind, an die ächten Edelsteine angerührt worden und mögen so
einen Strahl ihres Segens empfangen haben. Die ächten heiligen
Lehns-Kleinode aber sehen wir hier auf den Spangen der lieben Ahnfrau,
und in dem großen Buche, welches hier neben ihr im Sarge liegt,
steht von dem Geheimniß dieser Steine, wir wollen es heute nach der
Hochzeitsmahlzeit lesen, jetzt aber sollt ihr mit der Nachricht
Vorlieb nehmen, wie diese Kleinodien und das Ländchen Vadutz an die
Gräfinnen von Hennegau gekommen sind.--Der Vater der lieben Ahnfrau
trug diese Kleinode selbst, er war ein Erb-Graf von Vadutz, vermählte
sich aber mit einer Gräfin von Hennegau, zog mit den Kleinoden nach
Hennegau und nahm dessen Namen an. Er sehnte sich lange nach einem
Töchterlein; als nun seine Gemahlin die liebe Amey gebohren, war es
gerade Neujahrstag, der Graf von Hennegau war in der Schloßkapelle
und im Augenblick als man sang:
"Uns ist geboren ein Kindelein,
Sein Reich lehnt auf den Schultern sein."
kam ein Edelknab gelaufen, er solle geschwind zu der Frau Gräfin
kommen, so eben habe ihr der Klapperstorch ein allerliebstes
Töchterchen gebracht. Da lief der Graf geschwind hinauf in das
Zimmer der Gräfin und sang den ganzen Weg:
"Mir ist geboren ein Töchterlein,
Sein Reich lehnt auf den Schultern sein,"
und als er hinauf kam, saß die Gräfin aufrecht auf ihrem Lager und
hatte das liebe, arme Kind von Hennegau am Herzen, und der Graf war
ganz außer sich vor Freude und lehnte sein Haupt auf die Schulter der
Mutter und sah dem Töchterlein in die lieben Augen und vergoß
Freudenthränen, dann nahm er seine Achselbänder, worauf zwei
Edelsteine, die Reichskleinode von Vadutz, befestiget waren und sagte
feierlich: "weil uns das liebe Töchterchen gerade bescheert worden
ist, da man das Verschen sang, so will ich ihm auch sein Reich auf
seine Schultern lehnen und zwar jetzt dir, als seiner treuen
Vormünderin." Da heftete er seiner Gemahlin die Achselbänder mit den
Edelsteinen, worauf das Wappen von Vadutz eingeschnitten war, auf die
Schultern und sagte: "Ich belehne deine Erstgeborne durch dich und
alle erstgebornen Töchter ihrer Nachkommen mit dem Ländchen Vadutz,
es sey ein Frauenlehn, ein Kunkellehn in unsren Nachkommen, und
sollen den erstgebornen Töchtern der Grafen von Hennegau, sobald sie
die erste Kunkel des zartesten Flachses für die Armen, ohne den Faden
zu zerreißen, abgesponnen haben, diese Edelsteine auf die Schultern
geheftet und sie so mit dem Ländchen Vadutz belehnt werden."--Du nun,
liebe Gackeleia, trägst jetzt diese Kleinodien auf deinen
Achselbändern. Der alte Graf von Hennegau sprach nichts von dem
Ursprung und den Gnaden dieser Kleinode, die bei seinen Vorfahren
schon in Vergessenheit gekommen waren, welche aber die Ahnfrau später
von drei Klosterfrauen erfuhr, denen sie zum Lohn ein Kloster
Lilienthal stiftete, es sind dieselben, welche dort neben den Lilien
bei ihr stehen.--Wegen diesen Kleinoden nun und dem Besitz der
Grafschaft Vadutz entführten einige Ritter, welche nicht vom Auslande
her regiert werden wollten, die Lehnshuldin und wurden hier von
Urgockel erschlagen."
Hierauf schwieg Gackeleia ein Weilchen, und da Gockel sie fragte,
"warum sprichst du nicht?" antwortete sie, in dem sie ihm eine
Spindel voll des feinsten Gespinnstes reichte: "Ei Vater, weil ich
jenen Rocken nicht abgesponnen, lehnte mir das Ländchen so schwer auf
den Schultern wie ungerechtes Gut, da drehte ich den Ring Salomonis
geschwind, geschwind am Finger wie eine Spindel und da hab ich sie
nun voll feinem Garn für die Armen und es ist mir wieder ganz leicht
auf den Schultern."
Da lächelten sie alle über die Gewissenhaftigkeit der neuen Königin
Gackeleia von Gelnhausen, Gräfin von Gockelsruh und Hennegau,
Lehnshuldin von Vadutz, und schauten die liebe Ahnfrau weiter an.
Die goldnen Armringe, welche einst die weiten Aermel fest
angeschlossen, waren los an den dürren Armen herabgesunken, die
feinen weißen Hände ruhten an beiden Seiten des Leibes. Die Linke
hielt die obengenannten Heilkräuter, die Rechte ruhte auf einem
großen Buch und faßte acht lange amaranthfarbige, mit Perlen
gestickte Bänder, welche von dem ähnlichen Gürtel ausliefen, der das
weite Gewand über den Hüften umschloß. An diesem Gürtel hingen auch
Schlüssel, und ein Löffel, Kinder zu speisen und eine Rassel, Scheere
und Aehnliches. Die hagern feinen Füßchen schauten so arm und
rührend unter dem Saum des Gewandes hervor, als zitterten sie, und
die mit Perlen gestickten Goldpantöffelchen waren zu weit geworden,
und eines herunter gefallen, so daß der eine Fuß mit den weißen
schimmernden Zehen hervorsah.--Da kniete Gackeleia mit großer Liebe
und Rührung an dem Sarge nieder und küßte den Fuß und benetzte ihn
mit Thränen, mit den Worten: "du liebes armes Kind von Hennegau hast
ja dein Pantöffelchen verloren, o Mutter Hinkel sieh, wie muß das
liebe Ahnfrauchen zu den Armen im Schnee herumgepatscht seyn, die
Spitze des Fußes ist ganz braun, sie hat sich die Füße verfroren,
--wart, ich weiß, was ich thue, in der goldnen Gallina der Königin
von Saba ist eine Frostsalbe, hohle mir sie Kronovus!"--Gleich
brachte Kronovus die Salbe und sie pflegte den Fuß der geliebten
Todten damit und schaute mit Thränen den Vater an und sprach: "Vater
Gockel, das liebe, arme Kind von Hennegau ist schon lange todt, aber
ich darf es doch pflegen, nicht wahr Vater, das ist nicht ganz
unvernünftig? denn sieh, ich muß es thun aus Liebe und Dank und würde
mich schämen, so ich es nicht thäte, ich thue es mit dem Wunsche, es
ihr selbst zu thun, sie wird schon wissen, wozu sie es gebrauchen
kann, vielleicht kann sie jetzt, da ich ihr Liebe erwiesen habe, viel
lustiger im Paradiesgarten herumtrippeln, und dankt mir es."--Unter
diesen Worten küßte Gackeleia den Fuß, den sie gepflegt und nur einem
reinen Tüchlein verbunden hatte und steckte ihn wieder in das
Pantöffelchen, dann erhob sie sich und alle umarmten sie schweigend,
und es ertönte von dem Geiste der Frau Urhinkel mit inniger Freude
der Gesang her:
"Mein Schmerz ward milder, tausend Dank!
Lieb ewig heilt, was zeitlich krank,
Nimm dir zu deiner Liebe Lohn
Die ächten Steine von Vadutz;
Im großen Buche findst du schon,
Wie heilsam dieser Gnadenputz;
O Stern und Blume, Geist und Kleid,
Lieb, Leid und Zeit und Ewigkeit!"
Es war eine schimmernde Freude in der Erscheinung und den drei weisen
Nönnchen bei den Lilien, die süßer dufteten, als je.--Gackeleia aber
besann sich nicht lange, schnell vertauschte sie ihre Achselspangen
mit jenen des armen Kindes von Hennegau, und nahm zugleich das große
Buch aus dem Sarg und gab es dem Vater.--Gockel blätterte ein wenig
dann und sagte: "es ist kurios geschrieben von beiden Seiten nach der
Mitte zu. Von einer Seite einhält es die Rechnungen der Grafschaft
Vadutz, von der andern ein Tagebuch.--Potz tausend! was stehen da für
Lehen und Zinsen darin, aber--aber irren ist menschlich, das Kind hat
sich auch da einmal verrechnet. Hier auf diesem Blatt bei der
Almosen-Rechnung hatte sie subtrahiren sollen, 1 von 100 bleibt 99,
aber sie hat statt dessen gesagt, 1 von 100 kann ich nicht, 1 von 10
bleibt 9 und 9 von 9 geht auf,--das kann ja unmöglich eintreffen,
aber aufgegangen ist's doch, wie Saat im Garten der Armen.--In der
Orthographie war sie auch nicht ganz fest, hier in der täglichen
Haushaltungsrechnung steht immer, eine Maß Michl, ein Schoppen Michl,
immer Michl statt Milch; aber halt, da kömmt Etwas, das muß jetzt
verlesen werden, lies Gackeleia!" und er gab ihr das Buch und sie las:
Gräflich Hennegauische Hühner--und Menschensatzungen Zu der Sache
ewiger Gedächtniß. Wir von Gottes Gnaden Gräfin Amey, Urhinkel von
Hennegau, allererste Lehnshuldin des Ländchens Vadutz, armes Kind von
Hennegau und des Ordens der freudigen frommen Kinder Stifterin,
erklären in hoher Pünktlichkeit, Komma cum Pünktlichkeit und
Duopünktlichkeit.--Als wir, der abgründlichen Untiefe übertriebener
Beschaulichkeit zu begegnen, unsern Orden errichteten, haben wir
unsern Namensverwandten und ersten Ordensgespielinnen bei
verschiedenen Veranlassungen, welche in den Tagebüchern des Jahres
1318 aufgeschrieben sind, mancherlei Gnaden und Rechte für sich und
ihre weiblichen Nachkommen verliehen, wogegen dem Brautzug und
Leichenzug jeder Gräfin von Hennegau eine Nachkommin dieser
Gespielinnen gottesfürchtig beizuwohnen und ein Huhn an dem
sogenannten Hühnerabend abzuliefern hat. Auch sollen dieselben
solchen Brautund Leichenzügen mit ihren Namen bezeichnenden Blumen
geschmückt beiwohnen und derlei Blumen zu Füßen des Grabes erhalten,
mit der kindlichen Liebesmeinung, diese möchten dort statt ihrer
beten, wenn sie selbst nicht anwesend seyn könnten.--Eine jede
erstgeborne Tochter meiner Nachkommen nimmt mit ihren mündigen Jahren
das Amt der Ordensgeneralin und den Titel: "das arme Kind von
Hennegau" an und hat an ihrem Gürtel als Braut und als Leiche acht
Bänder von amaranthfarbigem Linnenband befestiget, welche die
Ordensgespielinnen anfassen, wenn sie dem Zuge folgen. Sie gehen in
dem Grand Cortege dicht hinter den drei Klosterfrauen von Lilienthal.
--Sie haben dies Alles zu erfüllen bei Verlust ihrer Rechte.
Diese unsre Erklärung soll bei Braut--und Leichenzügen den
Ordensgespielinnen jedesmal vorgelesen werden.--Sodann sind die
Pflichten der Klosterfrauen von Lilienthal zu lesen und dieselben
aufzurufen, worauf die Ordensgespielinnen oder deren Lehnserben
aufgerufen und von ihnen die Pflichthühner abgeliefert werden sollen.
Gegeben in unserm Kabinetchen im Jahr, da man sang:
"Gott grüß dich Mond und Sternenschein,
Entlaubet ist das Fensterlein!"
Pflichten der Klosterfrauen von Lilienthal. Als ich am Tage nach
Johanni des Jahres 1318 den drei Fräulein zur Lilien auf Gottes
höhere Mahnung und ihr dringendes Bitten das Kloster Lilienthal
gründete und ausstattete, wurde dieses Kloster Lilienthal
verpflichtet, den Braut--und Leichenzug jeder Gräfin von Hennegau und
Lehnshuldinn von Vadutz, welche das Kleinod auf den Schultern trägt,
von drei Klosterjungfrauen begleiten zu lassen und auf ewige Zeiten
drei weiße Lilien auf meinem Grabe zu erhalten.--Es sind aber diese
drei Klosterschwestern bei solcher Gelegenheit mit den Worten
aufzurufen:
"Ihr Lilien im Garten
Gedenket der Nacht,
Gedenket der Zarten,
Die bei euch gewacht;
Gedenket der Gnade,
Die auf euch gethaut,
Und duftet am Pfade
Der lieblichen Braut,
Und bittet am Grabe,
In dem sie nun ruht,
Daß Friede sie habe,
Die lieb war und gut."
Da neigten sich die drei weißen Klosterfrauen gegen die rechte
Schulter der Ahnfrau und man hörte die Worte wieder:
"O Stern und Blume, Geist und Kleid,
Lieb, Leid und Zeit und Ewigkeit!"
Hierauf nahte die Mutter Gackeleias dem Sarge und legte vier der acht
Amaranthbänder, die von dem Gürtel der Ahnfrau ausliefen, zur rechten
und vier zur linken Seite des Sarges heraus, und indem sie die weiten
Aermel ein wenig über den hagern elfenbeinernen Händen der Ahnfrau in
die Höhe zog, sprach sie: "sieh Gackeleia, da bewährt sich das
Sprichwort wieder--an der Klaue kennt man den Löwen und an der Hand
die Gräfin von Hennegau.--Wenn wir es auch nicht wüßten, so würden
uns diese Hände sagen, daß sie der Gräfin Amey von Hennegau gehören.
Sieh, Gackeleia, von ihr haben wir die sogenannten Hennegauischen
Dockadaumen oder Gnadendaumen geerbt." Gackeleia küßte die Hände der
Ahnfrau ehrerbietig, indem sie den Vater fragte, woher denn der Name
Hennegauische Gnadendaumen komme; da erwiederte Gockel: "die ganze
Hennegauische Familie stammt mütterlicher Seite von einem römischen
Kaiser Curio und dessen Weib Docka her, die Christen geworden, nach
Deutschland gezogen und auch das Land Vadutz gegründet. Es war aber
bei den heidnischen Römern eine grausame Belustigung, Männer mit
Schwertern auf Tod und Leben mit einander fechten zu sehen. Wenn nun
einer der Kämpfer unterlag, setzte ihm der andere das Messer an die
Kehle und schaute umher, ob man ihn tödten oder begnadigen lassen
wolle; wer nun verlangte, der Ueberwundene solle leben bleiben, der
hob die Hände in die Höhe und schloß den Daumen fest in die Faust,
das war das Zeichen der Gnade; die Kaiserinn Docka soll gleich nach
ihrer Geburt schon die Händchen in dieser Stellung gehabt haben, so
daß die Mutter ausrief: "Ach mein liebes Kind du bist ein Gnadenkind!"
--Docka aber hielt bei jeder Gelegenheit, wo es Hilfe und Rettung
galt, von frühester Jugend auf ihre Händchen immer in dieser
Gnadenstellung, so daß ihre Daumen sich ganz danach bildeten und man
dieselben Gnadendaumen, Dockadaumen nannte, und von ihr ist diese
Handbildung auf alle Gräfinnen von Hennegau, mit der großen Neigung
zu begnadigen und zu vergeben, vererbt.--Sieh Gackeleia, daher kömmt
der Gebrauch, daß man sagt, halte mir den Daumen, wenn man verlangt,
ein anderer solle mit seiner ganzen Seele unser Glück wünschen."
"Nun wissen wir Alles," sprach Gackeleia, "so recht, wie man sagt,
bis auf den Fingernagel; wir wissen, warum die drei Lilien und die
drei weißen Klosterfrauen bei der lieben Ahnfrau unter der
Hennenlinde stehen; und warum dort bei den acht Pflanzen die acht
Ordensgespielen des armen Kindes von Hennegau festlich geschmückt
erscheinen und Hühner in Körbchen unter dem Arm tragen. Sie kommen
zur Leichen-Uebertragung des ältesten armen Kindes von Hennegau und
zum Brautzug des jüngsten, und das bin ich!--Sie wollen ihre
Pflichthühner abliefern.--Geschwind, geschwind, laßt uns sie
empfangen, ich sehe, sie schwanken schon ein wenig ungeduldig
durcheinander. Wohlan, ich rufe sie auf--"Im Namen Ihrer
Kindlichkeit der Gräfin Amey von Hennegau, ersten Lehnshuldin von
Vadutz und ersten armen Kindes von Hennegau mahne ich, Gackeleia
Königin von Gelnhausen, Gräfin in Hennegau und von Gockelsruh,
jüngste Lehnshuldin von Vadutz und jüngstes armes Kind von Hennegau,
--Euch, acht erste Ordensgespielen, die acht Pflichthühner
abzuliefern.--Zuerst rufe ich auf. Fräulein Ornitogalia, für eine am
30. April 1318 empfangene Weide-Gerechtigkeit liefere ab ein
Hirtenhuhn!"
Auf diesen Ruf schwebte Ornitogalia, ein Kränzlein des Kräutleins
Hühnermilch auf den blonden Locken und ein schönes Huhn in einem
Körbchen tragend, zwischen den Sarg und Gackeleia. Sie verbeugte
sich gegen den Geist der Ahnfrau, küßte dann knieend den Orden, den
der Leichnam im Sarge trug. Hierauf erhob sie sich wieder, lehnte
ihr Haupt gegen das Kleinod der rechten Achselspange Gackeleias,
setzte sodann ihren Korb mit dem Hirtenhuhn zu ihren Füßen nieder und
nahm ihn wieder unter den Arm, worauf sie das erste der acht
amaranthfarbenen Bänder ergriff und ruhig an ihrer Stelle stehen
blieb.--Hierauf rief Gackeleia nach der Reihe die sieben folgenden
Fräulein auf. Alle trugen sie Kränze von Kräutern ihres Namens und
den Orden der freudig frommen Kinder, und jede that wie Ornitogalia.
--Osterluzia lieferte für ein am 1. Mai empfangenes Stück Wald ein
Waldhuhn.--Kretellina brachte für das am 7. Mai erhaltene Recht, im
Wald zu grasen, ein Grashuhn.--Serpoleta gab für den am 14. Mai
verliehenen jährlichen Holzbedarf ein Rauchhuhn.--Morgelina hatte am
21. Mai das Recht erhalten, im Walde Laub zu sammeln und brachte ein
Laubhuhn.--Moskatellina entrichtete für ein am 28. Mai empfangenes
Kornfeld ein Aehrenhuhn.--Kornelia leistete ihre Lehnspflicht für
einen am 4. Juni empfangenen Rosengarten mit einem Gartenhuhn.
--Esparsetta entrichtete für ein am 13. Juni, Pfingstdienstag,
empfangenes Feldgut ein Pfingsthuhn.--Als alle Ordensgespielinnen
ihre Pflicht gelöst und die acht Bänder anfassend, zur Rechten und
Linken des Blumensarges standen, erhoben Gackeleia und Kronovus die
beiden vorderen, Gockel und Hinkel die beiden hinteren Stangen der
Tragbahre und zogen mit dem Blumensarge der Kapelle zu.--Der Geist
der Ahnfrau folgte seinem eignen Leibe zu Grab.--Es war ein Anblick
von der rührendsten Erhabenheit.--Hinter dem von den acht
Ordensgespielinnen umgebenen bunten Blumensarg, in welchem das
bleiche, arme Kind von Hennegau in tiefrothem Gewand gleich einem
elfenbeinernen ernsten Jungfräulein zu schlummern schien, schwebte
dessen eigner Geist zwischen den drei weißen Klosterfrauen, welche
Lilien trugen--selbst eine Lilie--in unaussprechlich rührender
Einfachheit, in schneeweißem, langem Gewand, Spindel und Brod tragend,
das verschleierte Haupt mit weißen Rosen bekränzt, mit lieblichem
Frieden im Angesicht über die Blumen und Grasspitzen dahin. Eine der
drei Klosterjungfrauen, welche sie mehr, als die beiden andern zu
lieben schien, trug ihr demüthig die Schleppe.--Alle drei sangen:
"Die reine Lilie prangt mit größrer Herrlichkeit,
Als jemals Salomo in seinem Königskleid,
Du trägst dies Brautgewand seit deiner Tauf' auf Erden,
Du konntest herrlicher niemals geschmücket werden."
Worauf der Geist der Ahnfrau mit wehmüthiger Innigkeit wieder sang:
"O Stern und Blume, Geist und Kleid,
Lieb, Leid und Zeit und Ewigkeit!"
Nun aber folgte der ganze Zug der Geister der dankbaren Armen, welche
den Sarg geschmückt hatten, sie trugen die schimmernden Fahnen von
Röckchen, Hemdchen, Schürzchen, Jäckchen, Mützchen, die guten Werke
des armen Kindes von Hennegau. Wer aber kam ganz, ganz zuletzt, so
daß gar nichts mehr hinter ihm kam?--Niemand Anders, als jene alte
Frau mit einer blauen Schürze, welche bei allen Prozessionen und
Leichenzügen zuletzt kommen muß--jene gesetzte, solide Person, die
nicht im Himmel ist, nicht auf der Erde ist und die selber nicht weiß,
wo sie ist und wer sie ist. Alle Nachforschungen der so
ausgezeichneten geheimen Polizei von Gelnhausen haben doch keine
entschiedenere Auskunft über sie zu Stande gebracht, als, es heiße,
sie solle ein buckliches Fragezeichen hinter einer Leichenrede seyn,
man halte sie für eine Art Nachrede, sie gebe sich für ein gewisses
Gewissen aus u. dgl. mehr.--Man suchte ihrer auf alle Weise habhaft
zu werden, man stellte bei allen Blaufärbern Spionen auf, um sie zu
ergreifen, wenn sie etwa ihre Schürze neu wolle färben lassen; aber
sie ließ sie nicht färben. Endlich ward sie von der
Verschönerungskommission, als geschmacklos und die künstlerische
Würde solcher Prachtzüge störend, und von der Aufklärungskommission
als ein abgeschmackter alter Aberglauben für null und nichtig in
Contumaziam erklärt.--Der Oberhof-Osterhaas schrieb eine gekrönte
Preisschrift gegen sie, worin er sie für eine optische Täuschung,
oder höchstens für das fünfte Rad am Wagen erklärte, welches, so oft
man seiner auch erwähne, doch eigentlich niemals da sey.--Unter der
Regierung des Kronovus aber ward, weil er sie selbst trotz aller
Null--und Nichtigkeits-Erklärung hinter dem Leichenzug seines Herrn
Vaters Eifrasius allerhöchstaugenscheinlich herschleichen gesehen,
alles Schreiben über sie verboten und eingeführt, bei ihrem Anblick
immer einem Armen eine neue blaue Schürze zu schenken; man hat
bemerkt, daß sie seitdem immer eine neue blaue Schürze trägt, und daß
die Blaufärberei in Gelnhausen einen solchen Aufschwung gewonnen hat,
daß sie der Bäcker--und Fleischerzunft gar nichts nachgiebt.
So nun kam der Zug in die Kapelle, wo unter dem Vortritt Alektryos
und Gallinas alles anwesende Federvieh sich tiefneigend Spalier
machte. Als sie mit dem Sarg vor den Altar kamen, drehte Gackeleia
den Ring, das Grab Urgockels öffnete sich, da sahen sie das Gerippe
des alten Herrn auch im reichen Grafenornat gar ehrbar unten ruhen.
Nun legten die acht Ordensgespielinnen, die acht Bänder in die Hand
der Ahnfrau im Sarge zurück und ergriffen die ähnlichen Bänder, die
zum Gürtel Gackeleias gehörten, und standen eine Weile um sie her.
Man senkte den Sarg neben den Sarg des Urgockels hinab, das Grab
schloß sich, die Jungfrauen stellten ihre Körbchen mit den Hühnern
darauf und legten alle ihre Kränze umher.--Der Geist der Frau
Urhinkel schwebte licht gegen den Grabstein Urgockels, die drei
Klosterfrauen mit den Lilien standen zu dessen Füssen. Eine
Lichtwolke erfüllte die Kapelle und zog sich oben wie in einen offnen
Himmel hinauf, dahin schwebte der Geist der lieben Gräfin Amey von
Hennegau zwischen den drei Klosterfrauen.--Gackeleia sprach zu den
acht Jungfrauen um sich her: "segne euch Gott, liebe Gespielen, ich
danke eurer Treue, folget dem liebsten Herzen dahin, wo es noch
besser ist als hier in Gockelsruh!" da neigten sie sich gegen ihre
rechte Schulter und schwebten in die Lichtbahn des ersten Kindes von
Hennegau hinan, und die ganze Prozession der Armen zog hinten nach
und man hörte den Gesang:
"O Stern und Blume, Geist und Kleid,
Lieb, Leid und Zeit und Ewigkeit!"
immer leiser und leiser, bis er zuletzt ganz verstummte und Alles in
der Kapelle wie vorher war; da sah man das Steinbild der Frau
Urhinkel mit der Urgallina auf der Schulter neben dem des Urgockels
an der Wand und unter demselben schauten drei weiße Lilien über dem
Altare hervor. Auf dem Grab vor dem Altar hatten die Kränze der
Ordensgespielen Wurzel geschlagen und grünten alle die Kräuter, aus
denen sie bestanden.--Gackeleia übergab die verehrten Hühner dem
Alektryo, der sie sogleich in Eid und Pflicht nahm und nebst der
übrigen Hühnergemeinde in den Hühnerhof führte, wo ihnen ein
Hochzeitsschmaus von Waitzenkörnern, Brodsamen, allerlei Grünem,
Maikäfern, Regenwürmern und andern Delikatessen zubereitet war.
--Während allem diesem wurden fortwährend die Glocken geläutet, lief
die Kunstfigur immer mit dem Klingelbeutel umher und endeten der
Organist und die Primadonna ihre Fuge nicht.--Hierauf setzte sich der
Zug in Bewegung, den Wappenfahnen folgten die blumentragenden Knaben,
die blumenstreuenden Mägdlein, die Jünglinge mit den Geschenken
Salomos;--dann Kronovus und Gackeleia, welche die Kunstfigur im Arm
trug, und zuletzt Gockel und Hinkel, welchen, als sie die Thüre
verließen, Alektryo und Gallina auf die Schulter flogen.--So kam der
Zug in den herrlichen Raugräflich-Gockelschen Speisesaal, wo eine
vortreffliche Mahlzeit aufgetragen war. Im ganzen Schlosse gieng es
lustig zu, viele gute Leute aus Gelnhausen, die sich damals über
Gockels Pallast so verwundert hatten, waren Extrapost hergefahren.
Der Herr Postmeister hatte nichts zu thun, als einzuspannen, der Herr
Schirrmeister schmierte unerschöpflich, die Herrn Postillone bliesen
sich schier den Athem aus. Alles was in Gelnhausen kurfähig war,
wurde zur gräflichen Tafel gezogen, und sogar der geheime
Oberhof-Osterhaas, alle Ritter und Ritterinnen des hohen Eierordens;
auch viele reisende Künstler und Gelehrte und Standespersonen, welche
gerade zu der Frankfurter-Messe durchpassirten, benutzten die seltene
Gelegenheit, alle die Herrlichkeit mit anzusehen.--Es wurden der
Gäste so viel, daß Gackeleia alle Augenblicke den Ring drehen mußte,
um den Tisch zu verlängern. Einen großen Tisch allein bedurfte der
Oberhof-Osterhaas, denn er hatte eine ihm empfohlene großmächtige,
breite Schottländerinn bei sich, deren Gefolge aus einem lebensgroßen
Lebkuchenfiguren-Kabinet und einem Leib-Lebküchler bestand, die Alle
mit ihr an einer Tafel saßen.--Der Oberhof-Osterhaas stellte sie den
hohen Herrschaften mit den Worten vor: "die sehr honorable Kounteß
Samsonia Molle Gothol, Meisterinn von St. Eduards Stuhl, auf welchem
die Könige von England gesalbt werden, eine Nachkomminn der
schottischen Könige, Gothol, Simon Breach, Fergus, Kenneth u.s.w.,
welche schon Jahrhunderte vor christlicher Zeit, auf jenem Steine
gethronet haben, auf dem Jakob bei Bethel Luz schlief und der jetzt
in St. Eduards Stuhl bewahrt wird, dessen Pflege ihr anvertraut ist.
Diese hohe Dame ist mir von der Akademie der old druidical
Superstitions dringend empfohlen, sie hat sich eine schwarze
Melancholie durch zu urälterliche und altvorderliche Studien
zugezogen, indem sie schon auf ihrem Kinderstühlchen vor St. Eduards
Stuhl bei dem darin bewahrten Steine Jakobs anfangs mit der Puppe
spielend zur Wache gesessen und dann durch stätes Brüten über die
Herkunft dieses Steins vor lauter Kindern Gottes und der Menschen und
den vielen Kindern Israels die eigne Kindheit verloren hat. Nun aber
reist sie mit ihrem Kinderstühlchen umher, dieselbe wieder zu finden
und darauf zu setzen. Da sie Alles vom Ei an ergründen muß, und von
meinen geringen Verdiensten als unwürdigem Oberhof-Osterhaas gehört
hat, hat sie gehofft, vielleicht in einem Osterei, den wahren
Kindskopf zu finden, aber leider vergebens!--Es ist ihr bei längerem
Aufenthalt in der Grafschaft Vadutz bekannt geworden, daß die
Lehnshuldinnen dieser Grafschaft die Achselspangen Rebekkas auf den
Schultern tragen, und weil sie weiß, daß diese Kleinode mit dem Stein
Jakobs zusammenhängen, so wünscht sie für ihre Studien eine nähere
Kenntniß dieser Alterthümer aus schriftlichen, gleichzeitigen
Urkunden zu erlangen.--Die bei ihr befindlichen Lebkuchen sind ihre
theils noch heidnische Vorfahren, die schottischen Könige Gothol,
Breach, Fergus, Kenneth und dergleichen. Der sie begleitende
Leib-Lebküchler arbeitet mit lauter Honig aus dem Rachen des Löwen
Samsons, und da sie eine Vorstellung dieses ihres Namenspatrons, wie
er seine Feinde mit dem Eselskinnbacken erschlägt, in
Honigkuchenteich poussiren lassen will, hat sie ihn mitgenommen, um
Studien zu skitziren, was sehr unterhaltend ist; er hat mich schon
portraitirt, und es gleicht, wie kein Osterei dem andern.--Diese
würdige Märtyrin der Ernsthaftigkeit empfehle ich nun der
theilnehmenden Kind--und Kinds-Kindlichkeit der königlichen und
gräflichen Familie, allerunterthänigster, unwürdiger
Oberhof-Osterhaas." Gackeleia empfand eine große Theilnahme für die
honorable Kounteß und wollte sie umarmen, sie war aber zu groß und zu
breit und wollte sich nicht bücken, da half sich Gackeleia mit dem
Ring und drehte die Kounteß herunter, daß sie gerade groß genug war
und schloß sie herzlich in ihre Arme, wobei dieser sehr wohl zu Muthe
ward, so daß sie lächelnd sagte: "Euer Kindlichkeit können auch mehr
als Brod essen!"-Gackeleia lächelte und drehte die Kounteß wieder in
ihre große, breite Gestalt zurück, worauf sich Alles zu Tisch
niedersetzte.--Daß Gackeleia mehr als Brod essen konnte, bewies der
Küchenzettel der hochzeitlichen Mahlzeit; denn aus Achtung für die
Kounteß verwandelte Gackeleia durch den Ring Salomonis die ganze
Gelnhausische Mahlzeit in eine Schottländische, und die Verwunderung
der auftragenden Bedienten und die Verlegenheit der Gelnhauser Gäste,
die nicht wußten, wie sie die fremden Gerichte anfassen sollten,
erlustigte das ganze Fest.--Besonders viel zur allgemeinen Freude
trug der Leib-Lebküchler der Kounteß Gothol bei. Sie saß zwischen
den Bildern ihrer Vorältern, er neben dem Oberhof-Osterhaas unten an
und war in stäter Arbeit, daß ihm der Schweiß ausbrach, er hatte
einen großen Kübel Honigteich neben sich, und indem er mit großen
Appetit zu essen schien, knetete er mit Löffel, Messer und Gabel, das
Bild irgend eines Anwesenden aus Teig auf den Boden seines Tellers,
dann begehrte er einen frischen Teller und ließ den andern am Tische
von Hand zu Hand gehen, was ein großes Aufsehen unter allen Gästen
machte. Als nun Gackeleias Bild zu Kronovus und des Kronovus Bild zu
Gackeleia kam, fanden diese sich so getroffen, daß sie sich freßlieb
gewannen, und das wurde auf einmal Mode am Tisch, Einer aß des Andern
Bild auf. Da drehte Gackeleia, die melancholische Kounteß auch
wieder durch eine Artigkeit zu erheitern, den Ring Salomonis, daß
alle ihre Lebzelten-Vorältern neben ihr leben und mit ihr sprechen
möchten und eben so möchten die neugeformten Gesichter mit dem
Lebküchler thun. Das gab nun einen seltsamen Spaß, die alten
Schottischen Könige fiengen an mit der Kounteß, und dann unter
einander von dem Stein Jakobs zu disputiren und zwar sehr heftig, die
Gesichter, welche der Künstler auf die Teller formte, schnitten
Gesichter und streckten ihm die Zunge heraus, er wurde unwillig
darüber, knetete ihnen die Mäuler zu, da bliesen sie dann die Backen
auf, kurz es ward eine stäte Abwechslung von Grimassen. Da nun alle
die Könige anfiengen, dem Meth und Aepfelwein tüchtig zu zusprechen
und auch dem Lebküchler häufig zutranken, gab es Streit und sie
warfen sich die Teller ins Gesicht und modellirten sich ganz grandios
mit den Humpen auf den Köpfen herum. Diese alten Schotten-Könige
hatten eine Art Bauernkrieg unter einander und bald war dieser bald
jener Trumpf,--und dazwischen wurde immer vom Stein Jakobs geschrieen,
ohne daß sie irgend einig werden konnten. Alles das ward der guten
Kounteß ein Stein des Anstoßes, sie wußte gar nicht mehr, was sie von
ihren Altvorderen halten sollte, sie kam zitternd und bebend mit
ihrem Kinderstühlchen zu Gackeleia gelaufen und lehnte ihren großen
Kopf Hilfe suchend, da Gackeleia, um dem Streite zu zusehen, auf den
Stuhl gestiegen war, ganz bequem gegen das Achselband ihrer rechten
Schulter mit den Worten: "o mein Gott, welch ein Greul, o wo seyd ihr
hin, ihr schönen Tage meiner Kindheit!"--Gackeleia aber drehte den
Ring mit dem Wunsche, alle die Streitenden möchten sich in
unschuldige, belustigende Gegenstände verwandeln und alsbald wurden
die Könige und der Lebküchler zu Hollundermännchen, welche sich
einander auf den Kopf stellten und wieder auf die Füße purzelten, was
allgemeinen Beifall fand. Die Ueberreste der Lebkuchen-Bilder wurden
theils von den Originalen, theils von Alektryo und Gallina verzehrt.
--Selbst die Kounteß lächelte darüber und sagte: "seit ich die
Achselspange der Rebecka berührt habe, ist mir ein solcher kindlicher
Friede, eine solche Lust ins Herz gekommen, daß es mir lächerlich
vorkömmt, wie ich so entsetzlich über den Stein Jakobs habe studieren
können, o jetzt habe ich keinen Wunsch mehr, als daß ich noch, wie
einst auf meinen Kinderstühlchen neben St. Eduards Stuhl sitzen und
meine Puppe darauf stellen könnte."--Diese Rede gefiel der ganzen
gräflichen Familie so wohl, daß Gockel ihr Kinderstühlchen auf den
Tisch und die Puppe daraufstellte, worauf er ihr den eignen Orden der
Kinderei, Kronovus den Orden des goldnen Ostereis mit zwei Dottern,
und Gackeleia den Orden der freudig frommen Kinder umhängten, sie
rückten zusammen und nahmen sie in die Mitte und tranken Gesundheiten
und Alles war voll Lust und Herrlichkeit.--Gockel aber nahm nun das
große Tagebuch der Ahnfrau, das vor ihnen bei den Geschenken Salomos
und der Königin von Saba auf dem Tische lag und überreichte es der
Kounteß mit der Bitte, da sie sich so sehr für schriftliche Urkunden
interessire und eine so schöne Aussprache habe, möge sie mit der
Vorlesung die Mahlzeit beschließen; wahrscheinlich werde dort zu
ihrer Freude auch etwas von den Spangen der Rebecka und dem Steine
Jakobs verzeichnet seyn.--Sie nahm das Buch, blätterte ein wenig
darin hin und her, wie ein Kind, das keine Lust zu lesen hat, und
sagte: "es sind gar keine Bilder darin, das ist Schade, es ist mir
auch jetzt ganz unleserlich zu Muthe; mir ist so lustig und kindisch,
daß ich mich ordentlich zusammennehmen muß, um mich nicht da auf den
Tisch hinauf auf mein Kinderstühlchen zu setzen und mit den Füßen zu
pampeln. So lächerlich, ja unmöglich dieses bei meiner allzu
großmächtigen Figur nun scheint, muß ich dennoch leiblich dagegen
kämpfen; denn mein Seelchen sitzt wirklich schon darauf und läßt
jedermann seine schönen, neuen, rothen Schuhe bewundern. Nein, jetzt
lese ich nicht--ich habe eine große Angst, wieder in die
Untersuchungen alttestamentarischer Antiquitäten zu fallen, mir ist,
als verstünde ich jetzt erst den Stein Jakobs recht, mir ist, als
stiege ich mit den Engeln auf der Himmelsleiter, die er auf diesem
Steine schlafend im Traume gesehen, auf und nieder, und wir spielten
zusammen und einer von ihnen hat mir gesagt: "sey ein frommes Kind,
laufe nicht in alle Gassen hinein, halte dich hübsch fest an der
Schürze der Mutter und trau den falschen Ammen nicht--die treuen
Kinder wird die Mutter gewiß zum lieben Vater bringen, und da giebt
es Kuchen und Herz, was verlangst du?"--seht, so ist mir--ich will
mir keine neuen Skrupel in den Kopf setzen; aber ich will Euch
hernach doch aus dem Buche lesen--jetzt nun hätte ich vor mein Leben
gern, daß die liebe Gackeleia mir und uns Allen das wünsche, was ihr
das Liebste und uns Allen das Nützlichste und Gott das
Wohlgefälligste, am Ende aber ein wenig plaisirlich für jedermann
wäre.--Wünsche, Gackeleia, wünsche, bitte, bitte, bitte!"--Die große
majestätische Schottländerin sagte dies so von ganzen Herzen, so ganz
wie ein unschuldiges Kind, das erst der Flamme des Lichtes mit den
Händchen winkt, und weil sie nicht gleich naht, unbesorgt hinein
greift, ja so ganz von Herzen, daß sie in ihrer jetzigen Aeußerung
einem schönen, schimmernden Schmetterling glich, der sich aus der
finsteren Hülle einer Puppe, wie aus einem Kerker hervorwindet; die
Flügel träumend entfaltet, und rührt und ruft: o Blumen her, Rosen,
Lilien, mich zu schauckeln!--o es war rührend, leicht hätte er das
Licht selbst für eine in der Nacht leuchtende Lilie halten und den
Tod darin finden können.--Gackeleia fühlte das Alles so tief, daß sie
die gute Samsonia Molle Gothol ans Herz drückte, mit den Worten:
"gewiß, gewiß, du bist die erste liebste Ordensgespielin des armen
Kindes von Hennegau!"--Da blickte Gackeleia den Kronovus und Vater
und Mutter und alle Gäste gar lieblich, schlau und kindlich lächelnd
der Reihe nach an und hob den Ring an dem Finger mit der Frage empor:
"wollt ihr von Herzen mit Allem zufrieden seyn, was ich wünsche?" und
alle riefen einstimmig: "ja, ja, von Herzen zufrieden, wünsche
Gackeleia, wünsche!"
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