Book: Gockel, Hinkel und Gackeleia
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Clemens Brentano >> Gockel, Hinkel und Gackeleia
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Als dieß Lied zu Ende war, ward der hohe Eichenwald lichter. Sie
hörten ein Geklapper, und Gackeleia blickte in die Höhe und schrie.
"Ach, der Klapperstorch, der Klapperstorch mit seinen Jungen, da oben
steht er auf der hohen Mauer, ach, was hat der aber ein großes Nest,
o da will ich mich auch einmal hineinsetzen und mit ihm klappern!"
Nun waren die Reisenden an dem ganz verwilderten Raugräflich
Gockelschen Schloßgarten angekommen. Da war an kein Durchkommen zu
gedenken, und Gockel sprach zu Frau Hinkel, indem er seine
Erbhühnertrage absetzte, und das Grafenschwert von ihr losband und
herauszog:
"setze deinen Korb ab, schürze deinen Rock nieder, streiche dein Haar
zurecht, dort an dem alten Springbrünnchen wasche dich, bade dir die
Füße, ruhe ein bischen aus, damit wir mit Respekt einziehen. Thue
der Gackeleia eben so.--Ich will indessen mit meinem Grafenschwert
hier das wilde Genist lehren, daß man seinem Herrn den Weg nicht
verrennt."
Nun setzten sich Frau Hinkel und Gackeleia an das Brünnchen, wuschen
und musterten sich, und Gackeleia patschte mit ihren erhitzten
Füßchen in dem kalten Wasser herum. Gockel aber erhob sein
Grafenschwert, und hieb kreuz und quer mit großer Kraft einen Weg
durch die wildverwirrten Hecken, Büsche und Bäume. Er nannte jedes
Gesträuch, das er zusammenhieb, mit Namen, und weil er schnell
arbeitete, so verkürzte er die Worte--er schrie:
"Potz Stachel-, Kreusel-, Preißel-, Kloster-, Hollunder-, Wachholder-,
Berberitzen-,Johannis-, Brom-, Himbeeren! Ich will euch lehren, mir
mein Haus zu sperren!--Potz Quentel, Lavendel, Bux, Taxus, Mispel,
Quitten und Hassel!--Potz Thymian, Majoran, Baldrian, Rosmarin, Hisop
und Salbei!" Und mit jedem Worte ein Schwertschlag, der ihm den Weg
öffnete und mit Zweigen, Blättern und Blumen bestreute. Als er so
bis in die Nähe des Schloßthores gekommen, kehrte er zu den Seinigen
an das Brünnchen zurück.
Gockel hatte sich ganz müde gearbeitet, auch er wusch und erquickte
sich an dem Wasser. Frau Hinkel hatte sich recht frisch und sauber
gemacht. Sie hatte Gackeleia einen schönen Blumenkranz aufgesetzt
und ihr das Hühnernest mit harten Brosamen, welche sie am Brunnen
erweicht, gefüllt, diese sollte sie beim Einzug in das Schloß den
Vögeln ausstreuen. Das war so, als wenn bei der Kaiserkrönung zu
Frankfurt Gold ausgeworfen wird.
Nun nahm Gockel seine Hühnertrage, Frau Hinkel den Hühnerkorb wieder
auf und Gackeleia trug das Nest voll Brosamen vor sich; so giengen
sie durch den Weg, den Gockel gehauen hatte, auf das Schloßthor zu.
Gackeleia nahm sich Zeit, sie pflückte links und rechts viele
Brombeeren und Heidelbeeren, und als der Vater sie heranrief, in das
Schloß einzugehen, hatte sie die Hände und das halbe Gesicht schwarz
wie ein Mohrenkind. Gockel riß mit der Hühnerstange, die er trug,
eine dichte Epheudecke auseinander, welche das Gartenthor zugesponnen
hatte, und sie traten vor das wunderbare Raugräfliche Schloß in
seinem vollen Glanz.
Der Empfang war feierlich; aus den leeren Fensteröffnungen des
Schlosses hingen Teppiche von Epheu und mancherlei Blumen nieder, und
wehten blühende Gesträuche wie festliche Fahnen, und zwischen ihnen
durch sah der stille Abendhimmel in purpurnem Gewande herab. Die
vielen Säulen und Bildwerke des Schlosses hatten Wind und Wetter und
die vier Jahreszeiten seit lange mit dem schönsten Laubwerke verziert.
Der Hahn Alektryo saß auf dem steinernen Wappen über dem Thore,
schüttelte sich, schlug mit den Flügeln und krähte als ein
rechtschaffener Schloßtrompeter dreimal lustig in die Luft, und alle
Vögelein, die in dem verlassenen, Baum durchwachsenen Baue wohnten,
und welchen der Hahn die Ankunft der gnädigen Herrschaft verkündiget
hatte, waren aus ihren Nestern herausgeschlüpft und schmetterten
lustige Lieder in die Luft, indem sie sich auf den blühenden
Hollunderbäumen und wilden Rosenhecken schaukelten, welche ihre
Blüthen vor den Eintretenden niederstreuten. Der Storch auf dem
Schloßgiebel klapperte dazu mit seiner ganzen Familie, so daß alles
wie eine große Musik mit Pauken und Trompeten klang. Gockel, Hinkel
und Gackeleia hießen alle willkommen, und Gackeleia streute mit
vollen Händen die Brosamen aus, was mit großem Beifall von allen den
Vögeln aufgenommen ward. Hierauf zogen sie in die alte verfallene
Schloßkapelle, knieten neben den wilden Waldblumen am Altare dicht
bei dem Grabstein des alten Urgockels von Hanau nieder, sagten Gott
für ihre glückliche Reise Dank, und flehten ihn um fernern Schutz und
Segen an.
Während ihres Gebetes waren alle Vögel ganz stille, und da sie sich
von den Knieen erhoben, lockten Alektryo und Gallina, als
Schloßhauptmann und Schlüsseldame, an der Thüre, sie sollten ihnen
nach dem ausgesuchten Gemache folgen. Sie thaten dieß, und der Hahn
und die Henne schritten gackernd und majestätisch über den Schloßhof
auf den sehr kunstreich von Stein erbauten Hühnerstall zu, dessen
Dach allein im Schloße bis auf einige Lücken im Stande war. Als
Alektryo über die Schwelle schritt, bückte er sich tief mit dem Kopf,
als befürchtete er, mit seinem hohen rothen Kamme oben anzustossen,
da die Thüre doch für einen starken Mann hoch genug war; aber dieses
war im Gefühle seines Adels, denn alle hohen Adeligen und alle
gekrönten Häupter pflegten in den guten alten Zeiten es so zu machen,
wenn sie durch ein Thor schritten; das kam aber von den erstaunlich
hohen Federbüschen her, welche ihre Vorfahren auf den Helmen getragen
hatten.
In diesem Hühnerstalle nun, dessen Fenster in ein kleines Gärtchen
giengen, richteten sie sich ein, so gut sie konnten; Gockel hängte
seine Erbhühnertrage an einen Haken hoch an der Wand auf, stellte die
Hühnersteige daran, und Alektryo und Gallina sagten gute Nacht und
spazierten sogleich fein ordentlich hintereinander hinauf und setzten
sich still zusammen und ließen sich was träumen.--Frau Hinkel stellte
den Korb, den Spinnrocken, den Bratspieß, die Pfanne, die Schüssel,
den Topf und den Wasserkrug an ihre Stelle, und Gackeleia setzte das
Hühnernest, wo es hin gehörte.--Dann machte Gockel aus grünen Zweigen
zwei große und einen kleinen Besen, und fegte mit Hinkel und
Gackeleia den Boden ein wenig rein. Gackeleia fuhr ganz stolz und
geschäftig mit ihrem Besen umher. Nun machten sie ein Lager von Moos
und dürren Blättern, worüber Gockel seinen Mantel und Hinkel ihre
Schürze breitete. Dann betete Gockel ein kurzes Nachtgebet vor,
worauf sie sich schlafen legten, Gockel rechts, Hinkel links, das
Töchterlein Gackeleia in der Mitte zwischen beiden. Von der Reise
und der Arbeit ermüdet, schliefen sie alle bald ein.
Gegen Mitternacht rührte sich plötzlich der wachsame Schloßhauptmann
Alektryo mit warnender Stimme auf seinem Sitz, und Gockel, der vor
allerlei Gedanken, wie er seine Familie ernähren solle, nicht fest
schlief, richtete sich auf und blickte umher, was vorgehe. Da sah er
an der offnen Thüre, durch welche der Mond schien, eine große
lauernde Katze, die auch sogleich einen heftigen Sprung herein that.
In demselben Augenblick hörte Gockel ein Gepfeife, und fühlte, daß
ihm etwas Lebendiges in den weiten Aermel seines Wammses hineinlief.
Alektryo und Gallina erhoben ein banges Geschrei wegen der Katze.
Gockel sprang auf, verjagte die Feindin und warf ihr einen Stein nach.
Dann zog er an der Pforte die Thierchen, die ihm in den Aermel
geschlüpft waren, hervor, und erkannte im Mondschein zwei weiße
Mäuschen von außerordentlicher Schönheit. Sie waren nicht scheu vor
ihm, sondern setzten sich auf seiner Hand auf die Hinterbeine, und
zappelten mit den Vorderpfötchen, wie ein Hündchen, das bittet, was
dem alten Herrn wohl gefiel. Er setzte sie in seine Gockelsmütze,
legte sich wieder nieder und diese neben sich, mit dem Gedanken, die
guten Thierchen am folgenden Morgen seinem Töchterchen Gackeleia zu
schenken, welche sehr ermüdet, wie ihre Mutter, nicht erwacht war.
Als Gockel wieder eingeschlafen war, machten sich die zwei Mäuschen
aus der Pudelmütze wieder heraus und unterhielten sich miteinander.
Die eine sprach: "Ach Sissi, meine geliebte Braut, da hast du es nun
selbst erlebt, was dabei herauskommt, wenn man des Nachts so lange im
Mondschein spazieren geht, habe ich dich nicht gewarnt?"--Da
antwortete Sissi:
"O Pfiffi, mein werther Bräutigam, mache mir keine Vorwürfe, ich
zittere noch am ganzen Leibe vor der schrecklichen Katze, und wenn
sich ein Blatt regt, fahre ich zusammen, und meine, ich sehe ihre
feurigen Augen."--Da sagte Pfiffi wieder: "Du brauchst dich nicht
weiter zu ängstigen, der gute Mann hier hat der Katze einen so großen
Stein nachgeworfen, daß sie vor Angst schier in den Springbrunnen
gesprungen ist."-"Ach!" erwiederte Sissi, "ich fürchte mich nur auf
unsre weite Reise, wir müssen wohl noch acht Tage laufen, bis wir zu
deinem königlichen Herrn Vater kommen, und da jetzt einmal eine Katze
uns ausgekundschaftet hat, werden diese Freilaurer an allen Ecken auf
uns lauern."--Da versetzte Pfiffi: "wenn nur eine Brücke über das
Flüßchen führte, das eine halbe Tagreise von hier durch den Wald
fließt, so wären wir bald zu Haus; aber nun müssen wir die Quelle
umgehen."--Als sie so sprachen, hörten sie eine Eule draus schreien
und krochen bang tiefer in die Mütze.--"Auch noch eine Eule,"
flüsterte Sissi, "o wäre ich doch nie aus der Residenz meiner Mutter
gewichen," und nun weinte sie bitterlich.--Der Mäusebräutigam war
hierüber sehr traurig, und überlegte her und hin, wie er seine Braut
ermuthigen und vor Gefahren schützen solle.--Endlich sprach er:
"geliebte Sissi, mir fällt etwas ein; der gute Mann, der uns in seine
Mütze gebettet hat, würde uns vielleicht sicher nach Hause helfen,
wenn er unsere Noth nur wüßte. Lasse uns leise an seine Ohren
kriechen und ihm recht flehentlich unsere Sorgen vorstellen; ich will
zuerst mit ihm sprechen, hilft das nicht, dann rede du in deinen
süßesten Tönen zu ihm, wer kann dir widerstehen? Aber ja recht leise,
damit er nicht aufwacht, denn nur im Schlafe verstehen die Menschen
die Sprache der Tiere."--Sissi war sogleich bereit und nahte sich
besinnend dem linken Ohre Gockels. Pfiffi aber lief zum rechten Ohre
und sang, nachdem er sich auf die Hinterbeine gesetzt und seinen
Schweif quer durch das Maul gezogen hatte, um seiner Stimme, welche
durch das Kommandiren bei der letzten Revue etwas rauh geworden war,
einen mildern Ton zu geben.
Ich bin der Prinz von Speckelfleck
Und führe heim die schönste Braut;
Die Katze bracht' ihr großen Schreck,
Sie bangt um ihre Sammethaut.
Ach, Gockel, bring uns bis zum Fluß
Und bau uns drüber einen Steg,
Daß ich mit meiner Braut nicht muß
Den Quell umgehn auf weitem Weg.
Gedenken wird dir's immerdar
Ich und der hohe Vater mein;
Ist's auch nicht gleich, vielleicht aufs Jahr
Stellt Zeit zu Dank und Lohn sich ein.--
Doch was brauchts da viel Worte noch,
Hart wird es mir, der edeln Maus,
Vor deinem großen Ohrenloch
Zu betteln.--Ich, der stets zu Haus
Als erstgeborner Königssohn
Gefürchtet und befehlend sitzt
Auf einen Parmesankästhron,
Der stolze Butterthränen schwitzt,
Sag dir hiemit, erwähl' dein Theil,
Nimm mich und meine Braut in Schutz,
Schaff uns nach Haus gesund und heil,
Sonst biete ich dir Fehd' und Trutz.
Wenn uns die Katze auch nicht beißt,
Maulleckend nur die Zähne bleckt,
Miauend meine Braut erschreckt,
Woran viel liegt, was du nicht weißt,
Krümmt sie uns nur ein einzig Haar,
Faßt uns ein wenig nur beim Schopf,--
Vielmehr,--frißt sie uns ganz und gar,
So kommt die That auf deinen Kopf,
Wonach du dich zu richten hast!
Gegeben vor dem Ohrenloch
Des Wirthes, auf der dritten Rast
Von unsrer Brautfahrt, da ich kroch
In seinen Aermel vor der Katz,
Nebst meiner Braut aus großem Schreck,
Worauf in seiner Mütze Platz
Er uns gemacht. Prinz Speckelfleck.
Punktum, Streusand, nun halte still,
Ins Ohr beiß ich dir mein Sigill.
Nach dieser ziemlich unhöflichen Rede biß Prinz Speckelfleck den
ehrlichen Gockel so derb ins Ohrläppchen, daß er mit einem lauten
Schrei erwachte und um sich schlug. Da flohen die beiden Mäuse in
großer Angst wieder in die Pudelmütze.--"Nein das ist doch zu grob,
einen ins Ohr zu beißen," sagte Gockel. Da erwachte Frau Hinkel, und
fragte: "wer hat dich denn ins Ohr gebissen, du hast gewiß geträumt.
"-"Ist möglich," sagte Gockel, und sie schliefen wieder ein.
Nach einer Weile sprach Sissi zu Pfiffi: "Aber um alle Welt, was hast
du nur gethan, daß der Mann so bös geworden?"--Da wiederholte ihr
Pfiffi seine ganze Rede, und Sissi sagte mit Unwillen: "Ich traue
meinen Ohren kaum, Pfiffi! kann man unvernünftiger und plumper bitten,
als du? Die niedrigste Bauernmaus würde sich in unsrer Lage
diplomatischer benommen haben. Alles ist verloren, ich bin ohne
Rettung in die Krallen der Katze hingegeben durch deine übel
angebrachte Hoffart.--Ach mein junges Leben, o hätte ich dich nie
gesehen! u.s.w."--Pfiffi war ganz verzweifelt über die Vorwürfe und
Klagen seiner Braut, und sprach: "Ach Sissi, deine Vorwürfe
zerschneiden mein Herz, ich fühle, du hast recht; aber fasse Muth,
gehe an das linke Ohr und wende alle deine unwiderstehliche Redekunst
an--das linke Ohr geht zum Herzen, er erhört dich gewiß; o ich
Unglücklicher, daß ich in die verwünschten standesmäßigen Redensarten
gefallen bin!"--Da erhob sich Sissi, und sprach: "wohlan, ich will es
wagen."--Leise, leise schlüpfte sie wieder an das linke Ohr Gockels,
nahm eine rührende Stellung an, kreuzte die Vorderpfötchen über der
Brust, schlang den Schweif wie einen Strick um den Hals, neigte das
Köpfchen gegen das Ohr, und flüsterte so fein und süß, daß das
Klopfen ihres bangen Herzchens schier lauter war, als ihr Stimmchen.
Verehrter Herr! Ich nahe dir
Bestürzt, beschämt und herzensbang;
Ich weiß, mein Bräutigam war hier
Und ziemlich grob vor nicht gar lang;
Auch war sein Siegel sehr apart,
Mit Recht hast du ihn angeschnarrt!
Weil er verwöhnt, von Noth entfernt,
Als einz'ger Prinz verzogen ward,
Hat er das Bitten nicht gelernt;
Drum, edler Mann, nimms nicht so hart!
Wie Grobseyn ihm, sey Höflichseyn
Dir leicht, weil du erzogen fein.
Er meints gewiß von Herzen gut,
Doch kömmt beim Sprechen er in Zug,
So regt sich sein erhabnes Blut,
Und er wird gröber als genug.
Bedenk, der Kinder Pfeife klingt,
Wie ihrer Eltern Orgel singt;
Doch reut's ihn immer hintendrein,
Und in der Pudelmütze sitzt
Jetzt krumm das arme Sünderlein
Und seufzt und wimmert, daß es schwitzt,
Und schimpft, daß ihm die Hofmanier
So grob entfuhr zur Ungebühr.
Bekennet hat er mir, der Braut,
Die ihn erst tüchtig zappeln ließ,
Ihm tüchtig wusch die grobe Haut,
Die Nas' ihm auf den Fehler stieß,
Und endlich, nach manch bitterm Ach,
Dich zu versöhnen ihm versprach.
Doch, daß ich selbst mich nicht vergess',
Vergönne jetzt in Demuth mir
Zu sagen, daß ich, was Prinzeß
Bei Menschen ist, bin als ein Thier,
Und zwar als kleine, weiße Maus,
So schütt' ich nun mein Herz dir aus!--
Prinzeß Sissi von Mandelbiß
Fleht dich um Ritterdienste an;
Du weißt aus dem Aesop gewiß,
Was für die Maus ein Löw gethan,
Und wie ihm dankbar half die Maus
Dann wieder aus dem Netz heraus.
Auch meinem Bräutigam und mir
Hilf sicher in das Mäusereich,--
Die Katz, das ungeheure Thier,
Macht mich vor Schreck ganz todtenbleich!
O hättest du ein Bischen nur
Von Mausgeschmack und Mausnatur.
O wüßtest du, wie weiß und zart,
Wie lieblich ich an Leib und Seel,
Gar nicht nach andrer Mäuseart,
Ja unter allen ein Juwel,
Du littest lieber selbst den Tod,
Als du mich ließ'st in Katzennoth.
Die Aeuglein sind wie Diamant,
Die Zähne Perl und Elfenbein,
Mein Leib ist zierlich und gewandt,
Die Pfötchen rosenroth und klein,
Die Oehrlein sind zwei Blumen zart,
Die Nase einer Blüthe gleich;
Wie Blüthenfäden ist mein Bart
So rein, so fein, so weiß und weich.
Schweig Mäulchen, pfiffiglich gespitzt,
Von Schönheit, die der Leib besitzt,
Sprich von der Kunst, dem Sinn, dem Geist,
Von Leistungen, die jeder preis't,--
Denn, wie Frau Catalani singt,
Mein Stimmlein bei den Mäusen klingt.
Man hat mich drum als Gegensatz
Oft Mausalani auch genannt,
Weil Cata etwas klingt wie Katz,
Hat man das Wort so umgewandt;
Das Lani ließ man angehängt,
Weil man dabei an Wolle denkt.
Verläugne nicht dein Zartgefühl,
Laß rühren dich durch meinen Sang,
Denn lockender als Flötenspiel,
Als Harfenton und Geigenklang
Fleht er aus meiner Brust heraus:
Beschütz die kleine weiße Maus!
Bei deiner hohen Adelspflicht,
Die dich zum Schutz der Damen weiht,
Beschwör ich dich, verlaß mich nicht!
Vielleicht ist ja der Tag nicht weit,
Daß ich dir wieder helfen kann--
Doch danach frägt kein Edelmann!
Wer mich zu retten einen Stein
Der Katze in die Rippen warf,
Wer zugab, daß der Liebste mein
An meiner Seite schlummern darf
In seiner Mütze weich und warm,
Der schützt mich auch mit starkem Arm!
Erlaub nun, daß dir als Sigill
Der Wahrheit, ohne Hinterlist
Hier einsamlich und in der Still
Das Ohrläppchen demüthig küßt,
Was niemals sie noch that gewiß,
Prinzeß Sissi von Mandelbiß.
Nun küßte sie ganz leise das Ohrläppchen Gockels, und weil er im
Schlafe etwas durch die Nase pfiff, glaubte sie, er sage ihr in der
Mäusesprache die artigsten Sachen und verspreche ihr seine Hilfe für
ganz gewiß. Mit leichtem Herzen begab sie sich daher in die Mütze
zurück und verkündigte ihrem Bräutigam den guten Erfolg ihrer Bitten,
worauf dieser sie zärtlich umarmte.
Jetzt aber war die Stunde gekommen, da die schwarze Nacht gegen
Morgen ergrauet, und Alektryo, als ein getreuer Burgvogt, streckte
dem anbrechenden Lichte seinen Hals entgegen, um es zum erstenmal mit
einem krähenden Trompetenstoße zu bewillkommen. Da erwachte Gockel
und Frau Hinkel, Gackeleia aber schlief fest. Frau Hinkel fragte
ihren Mann, warum er denn heute Nacht so unruhig gewesen, und wie er
nur geträumt habe, daß ihn jemand ins Ohr gebissen. Da zeigte Gockel
ihr die weißen Mäuschen in seiner Mütze, und erzählte ihr, was ihm
alles mit ihnen geschehen sey, und daß er versprochen habe, ihnen zu
helfen; "und das will ich auch thun," fuhr Gockel fort, "ich will
beide sogleich über den nächsten Fluß bringen, wo sie bald außer
Gefahr in ihrer Heimath sind."
Nun wollte er aufstehen und sich auf den Weg begeben, aber Frau
Hinkel sagte: "du bist nicht recht klug; dir träumt, du hättest den
Mäusen etwas versprochen und willst es ihnen nun im Wachen halten,
und deßwegen willst du mich hier in der Wildniß mit Gackeleia allein
lassen, wo du so nöthig bist, um aufzuräumen und alles in Ordnung zu
bringen."--Da erwiederte Gockel: "du hast scheinbar ganz recht, aber
versprochen muß gehalten werden, ich habe mein Ehrenwort gegeben, und
das ist mir so deutlich und gegenwärtig als der Biß in das Ohr.
"--"Wenn aber der Biß,"
sagte Frau Gockel, "ein Traum war, so war auch das Ehrenwort ein
Traum." Gockel sprach hierauf unwillig: "ein Ehrenwort ist nie ein
Traum, das verstehst du nicht, und den Biß habe ich so deutlich
gefühlt, daß ich mit einem Schrei erwachte, das Ohr brennt mich noch.
"--"Laß doch einmal sehen," sagte Frau Hinkel, und erblickte mit
großer Verwunderung wirklich die Spur von fünf spitzen Zähnchen an
Gockels Ohr.
Als sie ihm dieses gesagt hatte, ließ er sich auch keinen Augenblick
länger aufhalten, sprang vom Lager auf, nahm das Brod aus dem
Hühnerkorb, schnitt ein Stück herunter, das er einsteckte, und sprach
zu seiner Frau: "Hinkel räume einstweilen Alles hübsch auf, sieh dich
im Schloße und der Umgebung um, und denke dir Alles aus, wie du es
gerne zu unserer Haushaltung eingerichtet hättest; besonders gieb auf
Alektryo und Gallina acht, weil es, wie du gehört hast, Katzen hier
giebt; nach Mittag hoffe ich wieder hier zu seyn," und nun nahm er
seinen Reisestab in die Hand. Weil er aber die Mütze, aus der ihm
die Mäuschen entgegenpfifferten, aufsetzen mußte, so nahm er ein
leeres, mit zarten Federchen ausgefüttertes Vogelnest aus einem Baum,
setzte die Mäuschen hinein, schob es in den Busen und gieng mit
starken Schritten in den Wald gegen das Flüßchen hin.
Nach ein paar Meilen Wegs ruhte er an einer Quelle, wo er sein Brod
mit seinen Reisegefährten theilte. Da er aber endlich an den Fluß
kam, gieng er auf und ab, eine schmale Stelle zu finden, fand auch
endlich einen Ort, wo er das Flüßchen leicht mit einem Steine
überwerfen konnte. Hier nun nahm er sich vor, die Mäuschen
überzusetzen, aber keine Brücke, kein Kahn war da; er entschloß sich
daher kurz, zog das Nest mit den Mäusen hervor, und sprach hinein:
"lebet wohl, meine lieben Gäste; du Prinz von Speckelfleck befleiße
dich besserer Sitten, und du Prinzeß von Mandelbiß bilde dir nicht so
viel auf die Schönheiten ein, die du besitzest; übrigens bist du
wirklich ein sehr schönes Thierchen! Lebt wohl, grüßt eure
Anverwandten und vergeßt nicht den armen alten Gockel von Hanau."
Die Mäuschen wußten gar nicht, was er wollte, weil er schon Abschied
nahm und sie doch noch diesseits des Flußes waren, auch kein Kahn und
keine Brücke weit und breit zu sehen war; sie pfifferten ihm daher
allerlei Fragen entgegen, aber er verstand kein Wort, ließ sich auch
weiter auf nichts ein, sondern wickelte sie, nebst einer Erdscholle,
in das Nest, holte weit aus und warf sie glücklich hinüber in das
hohe Gras. Da sich von dem Falle das Nest drüben öffnete, schrieen
die kleinen Thierchen noch immer sehr erstaunt, wie er sie nur
hinüber bringen wolle, als sie zu ihrer größten Verwunderung sahen,
daß sie bereits drüben waren und fröhlich nach Hause liefen, ihre
Abentheuer zu erzählen.
Auf dem Heimwege begegnete Gockel drei alten Morgenländern mit langen
Bärten, welche große Naturphilosophen, Kabbalisten und
Petschierstecher waren; sie führten einen alten Bock und eine alte
magere Ziege an Stricken zur Frankfurter Messe. Sie redeten Gockel
an: "seid ihr der Besitzer des alten Schloßes hier im Walde?" Gockel
antwortete: "ja, ich bin der alte Raugraf, Gockel von Hanau." Da
fragten ihn die Männer, ob er ihnen nicht den alten Haushahn
verkaufen wollte, sie wollten ihm den Bock dafür geben. Gockel
antwortete: "was soll ich mit dem Bock, ihn etwa zum Gärtner machen,
kann der Bock etwa krähen? Mein Hahn ist kein Alletagshahn, er ist
ein Wappenhahn, ein Stammhahn; sein Vater hat auf meines Vaters Grab
gekräht, und er soll auf meinem Grabe krähen, lebt wohl." Da boten
ihm die Männer die Ziege, und als er abermals nicht wollte, boten sie
ihm den Bock und die Ziege; Gockel aber lachte sie aus und gieng
seiner Wege. "Nun," riefen sie ihm nach, "in vier Wochen gehen wir
wieder vorbei, da wollen wir wieder nachfragen, vielleicht haben dann
der Herr Raugraf mehr Lust, den Hahn zu verkaufen."
Gockel kam gegen Abend nach Haus, und nachdem er von seiner Reise
ausgeschlafen hatte, sah er sich am andern Morgen mit Frau Hinkel und
dem Töchterchen Gackeleia in dem wüsten Schloße seiner Vorältern um
und begann sich so gut einzurichten, als es nur immer möglich war.
Alektryo zog überall mit ihnen umher, und da er an einer Stelle nicht
aufhörte zu scharren und zu locken, ward Gockel aufmerksam und räumte
mühsam den Schutt hinweg, wo er dann zu seiner großen Freude einiges
eiserne Gartengeräth fand, das von dem eingestürzten Hause
verschüttet worden war. Da war ein Spaten, eine Pickel, eine Karst,
eine Harke, und Gockel machte sich gleich daran, diese rostigen
Instrumente wieder blank zu wetzen und neue Stiele hinein zu
schnitzen. Mit diesem Werkzeug konnte er nun tüchtig in dem Schutt
herum arbeiten, und es gelang ihm, am Fuße eines Rauchfangs, ein
Kamin herauszugraben, in welchem der eiserne Kessel seiner Vorfahren
noch an einer Kette über der Feuerstelle hing. Auch diesen scheuerte
Frau Hinkel am Brunnen wieder blank, und Gockel richtete ihr das
schöne Kamin zur Kochstelle ein.--Freudig rief er sie herbei und
zeigte ihr die schöne Einrichtung; aber Frau Hinkel seufzte und sagte:
"was soll uns der Herd, wenn wir nichts zu kochen haben?"--"Gott
wird helfen," sagte Gockel, und lehnte sich auf seine Schaufel; indem
kam Gackeleia herangehüpft und hatte eine Menge bunte Vogelfederchen
in ihrer Schürze gesammelt, und sagte: "Mutter, da sind so schöne
Federchen, mache mir doch solche Hühnchen und Hähnchen daraus, wie du
mir oft in Gelnhausen gemacht!"--Gockel sagte: "Kind, dich schickt
Gott; ja, das thue Frau Hinkel, mache ein paar Dutzend solche
Vögelchen, ich will sie für Brod und andres Nöthige verkaufen."--Frau
Hinkel, welche eine ganze Sammlung solchen kleinen Geflügels für das
königlich Gelnhausenische Hühner-Normal-Museum verfertigt hatte,
machte nun aus Lehm und diesen Federn allerlei artige kleine Vögel;
die Beine und Schnäbel wurden aus Dorn gemacht, und sie sahen recht
artig aus. An den Tagen, da sie hieran auf den verfallenen Stufen
des trocknen Springbrunnens sitzend arbeitete, legte Gockel auf allen
fruchtbaren Erdstellen zwischen den Mauern Gartenbeete an, ordnete
und verband alle Winkelchen mit Zäunen und aus umherliegenden Steinen
zusammengestellten Treppen. Er sammelte alle Gartengewächse, die im
verwilderten Schloßgärtchen noch übrig geblieben waren, und pflanzte
sie fein ordentlich in die neu angelegten Beete.
Von den mitgebrachten Broden war das letzte schon seit einigen Tagen
angeschnitten, und Frau Hinkel hatte die zwei Dutzend Federvögelchen
fertig. Gockel nahm sie und sprach: "Diese Thierchen sollen uns Brod
schaffen, bis wir lebendige Hühnchen zu verkaufen haben" und somit
empfahl er ihnen fleißig zu seyn und gieng fort durch den wilden Wald
nach der Landstraße zu. Kaum war er eine Stunde Wegs gegangen, als
er einen Postillon ganz erbärmlich blasen hörte. Er gieng auf den
Schall zu, und sah einen Mann in gelbem Rock mit schwarzen
Aufschlägen im Gebüsch herum kriechen. Als sie sich erblickten,
sagte dieser: "Gott sey Dank, daß da jemand kömmt, mir aus der Noth
zu helfen."--"Von Herzen gern, wenn's möglich ist," erwiederte Gockel,
"was giebt es, wo fehlt es?"--"Seht," fuhr der Mann fort, "ich bin
der Conducteur vom heiligen römischen Reichs-Postwagen und fahre
jetzt nach Nürnberg; da ich durch Gelnhausen kam, war ein Lärm in der
Stadt, daß der Hühnerminister, Alles zurücklassend, mit Frau und Kind
verschwunden sey. Das ärgerte den König Eifrasius, er ließ mich zu
sich rufen und sagte: "Herr Conducteur, will er mir gegen ein gutes
Trinkgeld einen Gefallen thun?"--"Nicht mehr als Schuldigkeit, ihre
Majestät," sagte ich.--Da sagte der König: "Mein Hühnerminister, ein
alter eigensinniger deutscher Degenknopf, ist in Gnaden entlassen auf
und davon gegangen, und hat nicht einmal seinen Gehalt fürs letzte
Vierteljahr mitgenommen; ich will ihm nichts schuldig bleiben; wie
ich vermuthe, ist er in sein wüstes Stammschloß im Hanauer Wald
gezogen. Nehme er ihm sein letztes Quartal mit und suche er ihn
auszufragen; wenn er mir einen Zettel bringt, daß er es empfangen, so
gebe ich ihm bei der Rückkehr ein gutes Trinkgeld."--Ich war zu Allem
bereit; man lud mir einen Sack voll Kartoffeln, einen Sack voll Mehl,
einen Kuhkäs, einen Topf voll Butter, einige Laib Brod und einen Korb
mit Eiern auf. Alles mit der Adresse, an Seine Hochgeborne Excellenz
Herrn Raugrafen Gockel von Hanau, königlich Gelnhausenischen
Exhühnerminister in--da steht ein Fragezeichen.--Nun fahre ich schon
ein paar Stunden herum und kann das Schloß nicht finden, und ich
führe noch herum--aber es geht nicht--denn der Postwagen ist mir
umgefallen, und der ganze Korb mit Eiern ist mir zerbrochen, ihr
werdet die Bescheerung sehen.--Ich ließ den Postillon schon eine
Stunde lang um Hülfe blasen und suchte einstweilen, bis jemand käme,
uns den Wagen aufrichten zu helfen, hier unter den Bäumen
Pfifferlinge für einen Freund in Nürnberg. Das ist die Geschichte,
jetzt kommt und helft."
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