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Book: Gockel, Hinkel und Gackeleia

C >> Clemens Brentano >> Gockel, Hinkel und Gackeleia

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"Alektryo in großer Noth,
Gallina todt, die Hühnchen todt,
Alektryo will mehr kein Brod,
Will sterben durch das Grafenschwert,
Wie es ein edler Ritter werth,
Verlangt ein ehrlich Halsgericht,
Wo Raugraf Gockel das Urtheil spricht,
Und über die Katze das Stäblein bricht."

"O Alektryo," sprach Gockel mit Thränen, "ein strenges Gericht soll
über die Katze ergehen, deine verstorbene Gallina und deine dreißig
Jungen sollen gerächt werden, und was noch von ihnen übrig ist, soll
in einem ehrlichen Grabe bestattet werden; aber du, du mußt bei mir
bleiben." Der Hahn blieb immer bei seiner Rede, er müsse in jedem
Falle sterben, und wolle ihn Gockel nicht enthaupten, so werde er
sich zu Tode hungern; Gockel werde schon heute in der wüsten
Schloßkapelle noch Alles erfahren und dann kurzen Proceß machen.

Es war Nacht geworden: als Gockel nach Hause kam. Frau Hinkel und
Gackeleia schliefen schon, denn sie erwarteten heute den Vater nicht
zurück, weil sie glaubten, er sey mit den Käufern des Alektryo nach
der Stadt gegangen. Zuerst schlich sich Gockel nach dem Winkel, wo
die mörderische Katze mit ihren Jungen schlief, Alektryo zeigte ihm
den Weg. Gockel ergriff sie alle zusammen und steckte sie in
denselben Sack, in welchem Alektryo gefangen gelegen war. Ach wie
trauerten Gockel und Alektryo, als sie die Federn und Gebeine der
guten ermordeten Gallina und ihrer Küchlein um das Nest der Katze
herumliegen sahen. Sie weinten bittere Thränen mit einander und
Alektryo sammelte, mit seinem Schnabel herumsuchend, alle Beinchen
und Federn der Ermordeten in die Mütze Gockels, der sie ihm hiezu
hinhielt. Dann sprach Alektryo zu Gockel, indem er traurig vor ihm
herschritt, Kamm und Schweif niedersenkte und die Flügel hängen ließ,
als begleite er wie ein Kriegsmann mit gesenkter Fahne und
niedergewendetem Gewehr eine Leiche zu Grab:

Nun folg mir zur Kapelle,
Daß diese theure Last
Dort find' an heil'ger Schwelle
Auf ewig Ruh und Rast.

So giengen sie wie ein stiller Leichenzug zu der wüsten Kapelle,
Alektryo sang eine leise Lamentation und die Vögel aus dem Schlafe
erwachend guckten hie und da aus den Nestern und lamentirten, ohne
die einfache Würde der erhabenen Trauerzeremonie zu stören, in
sanfter Harmonie ein bischen mit. Der Himmel selbst hatte seine
Sterne mit Wolken verhüllt und der Mond, mit Thränen im Auge,
schimmerte bleich durch einen Schleier der Wehmuth. Die halbe Natur
stimmte in das schöne Ganze dieser eben so rührenden als würdigen
Feier mit ein, wobei auch die so sinnige Mitwirkung der Büsche und
Kräuter und Blumen rühmlich zu erwähnen ist, denn die Glockenblumen,
die ehr--und tugendsam Jungfer Campana läutet ganz mitleidig mit
allen ihren blauen Glocken, und die bewußten weißen Rosen, die bei
Feierlichkeiten immer so beliebten weißgekleideten Mädchen, gossen
Schalen voll reichlichen Thränenthaus vor dem Zuge aus; man bemerkte
unter den Leidtragenden die so achtbare Klagejungfrau Rosmarin, die
demüthige Familie Thymian, die Miß Lavendel, die Comtesse Quentel und
viele andre edle Familien. Auch die barmherzigen Schwestern Jungfer
Melissa, Krausemüntze, Kamille, Schaafgarbe, Königskerze, Ehrenpreiß,
Baldrian, Himmelsschlüßel bewiesen ihre innigste Theilnahme. Vor
allen andern des schönen Blumengeschlechtes aber beurkundete Fräulein
Reseda, welche so oft im Wochenblättchen anzeigt, daß sie mehr auf
gute Behandlung als großen Gehalt sehe, den guten Geruch aller ihrer
Verdienste. Der allgemeine Blumen-Notarius Publicus Salomons-Siegel
bewährte durch seine Theilnahme, daß sein Name in großem Bezug mit
diesem merkwürdigen Ereignisse stehe. Kurz die Theilnahme aller
Kräutlein war so groß, daß sogar die faule Grethe unter ihnen bemerkt
wurde, der redliche gute Heinrich hatte sie aufgeweckt, daß auch sie
mit ihm dem Alektryo ihr Beileid bezeige.

O wie kindlich, einfältig rührend sprach sich die Theilnahme der
frommen Klosterschwestern, Marienkinder genannt, aus, welche ihr
Klösterchen in dem mit Erde erfüllten trockenen Becken des
verfallenen Springbrunnens zu Füßen des zerbrochenen Liebfrauenbildes
bewohnten. Gackeleia nannte dieses mit lauter Marienpflänzchen
überwachsene Brunnenbecken gewöhnlich ihr Marienklostergärtchen, und
pflegte es besser, als alle anderen Gartenbeete. Alle
Marienkäferchen, die sie fand, setzte sie hinein.

Sie hatte sich eine Bank darin bereitet, und neben dieser stand das
Kräutlein Unserlieb-Frauenbettstroh. Da trieb Gackeleia gewöhnlich
ihre Spielereien. Sie hatte das liebe Dreifaltigkeitsblümchen, das
auch Jelängerjelieber und Denkeli und unnütze Sorge genannt wird, zu
Füßen des Liebfrauenbildes gepflanzt, weil die Mutter ihr gesagt
hatte, daß dieß Blümchen in Hennegau Jesusblümchen heiße. Da nahm
dann Gackeleia manchmal ein solches Jesusblümchen und legte es auf
das Kräutchen Marienbettstroh und wiegte es hin und her und sang dazu:

Da oben im Gärtchen,
Da wehet der Wind,
Da sitzet Maria
Und wieget ihr Kind,
Sie wiegt es mit ihrer schneeweißen Hand,
Und brauchet dazu gar kein Wiegenband.
Ich will mich zur lieben Maria vermiethen,
Will helfen ihr Kindlein recht fleißig zu wiegen,
Da führt sie mich auch in ihr Kämmerlein ein,
Da singen die lieben Engelein fein,
Da singen wir alle das Gloria,
Das Gloria, Lieb Frau Maria!

Als der Leichenzug Gallina's an diesem Mariengärtchen vorübergieng,
war die Betrübniß von dessen Bewohnerinnen um so größer, als ihre
Freundin Gackeleia diesen höchst traurigen Todesfall veranlaßt hatte;
ach, sie fühlten Alle in ihrem frommen Herzen, als theilten sie die
Schuld Gackeleia's. Da standen nun die lieben Kräutchen, die
Marienkinder, in einer Reihe. Schwester Margarita Marienröschen,
Schwester Chardonetta Mariendistel, Schwester Cuscutta Marienflachs,
Schwester Spergula Mariengras, Schwester Gremila Marienhirse,
Schwester Alchimilla Marienmantel, Schwester Mentha Marienmünze,
Schwester Päonia Marienrose, Schwester Calceola Marienschuh und auch
die kleine feine Novize Mignardisa Marientröpfchen hatte ihr
gefranztes Trauerschleierchen ganz naß geweint. Alle standen sie in
stiller Andacht und dufteten ein de profundis, und einer jeden hatten
die Marienkäferchen eine brennende Kerze in die Hand gegeben, und die
Laienschwestern Campanula, Marienhandschuh und Marienglöcklein
läuteten mit den blauen, violetten und weißen Klosterglöckchen gar
beweglich und harmonisch. Nirgends aber sprach sich Trauer, Mit--und
Beileid tiefer und wahrer aus, als unter der uralten Linde, nahe bei
dem Eingang in die Kapelle. Es müssen sich theure Gockelhinkelsche
Erinnerungen an diese klassische Stelle knüpfen; Ortsnamen und
Bewohner zeugen dafür. Die Linde heißt von Olims Zeiten her die
Hennenlinde, das kleine Feldkreuz unter ihr, worauf eine Henne
ausgehauen, heißt das Hennenkreuz. Die drei zu ewiger Anbetung und
Fürbitte verlobten adeligen Klosterfrauen, die drei reinen
schneeweißen Lilien, welche zu Häupten dieses Kreuzes stehen,
sendeten Weihrauch und Gebete aus den Opferschalen ihrer Kelche empor.

Zu Füßen des Hennen-Kreuzes trauerte in stummem Schmerz ein adeliger
Fräuleinverein von lauter Pflanzen und Kräutern, welche der Gräfin
Hinkel von Hennegau namensverwandt und seit Olims Zeiten in diesem
Schloße einheimisch waren. Hier weinten unter dem Vorstand der alle
Schmerzen übernehmenden Fräulein Grasette Fetthenne ihre stillen
Thränen die edlen Fräulein Moscatellina von Hahnenfuß, Ornitogalia
von Hühnermilch, Serpoleta von Hühnerklee, Morgelina von Hühnerbiß,
Cornelia von Hahnenpfötchen, Osterlustia von Hahnensporn, Cretellina
von Hahnenkamm und Esparsetta von Hahnenkämmchen.--Dank den edlen
schönen Seelen!

Es haben sich außerdem allerlei Gerüchte von außerordentlichen
Erscheinungen verbreitet, die bei diesem Begräbniß eingetreten seyn
sollen, und es ist noch jetzt das Gerede unter den Vögeln der
Umgegend davon: "es sey ein Comet in der Gestalt eines Paradiesvogels
am Himmel gesehen worden, und unter der Linde hätten die drei Lilien
zu leuchten begonnen, Sterne seyen in sie niedersinkend gesehen
worden und vor ihnen sey eine schöne edle Frau, eine Gräfin von
Hennegau, erschienen und habe beim Vorübergang der Leiche die Worte
gesungen:

O Stern und Blume, Geist und Kleid,
Lieb, Leid und Zeit und Ewigkeit!

worauf Alles verschwunden sey." Wir stellen diese Gerüchte, als dem
Reiche der Phantasie angehörig, unverbürgt dem Glauben eines jeden
anheim. Als Gockel und Alektryo in der dachlosen, Busch und Baum
durchwachsenen Kapelle mit den Ueberresten Gallina's angekommen war,
schüttete er dieselben fein sachte auf die Stufen des zerfallenen
Altares aus und zog seine Mütze wieder über die Ohren, weil er wohl
wußte, es könne ihm bei seiner Anlage zu rheumatischem Kopf-,
Zahn--und Ohrenweh unmöglich gesund seyn, das nicht mehr dicht
behaarte Haupt dem kühlen Nachtthau auszusetzen. Hierauf sprach der
treue Alektryo, der nicht von den Ueberresten seiner Familie wich, zu
Gockel:

####Wachholderstrauch
####Macht guten Rauch.
Zu Stambul hat der Großsultan
Wachholder in dem Garten sein
Und drum ein goldnes Gitterlein,
Er zündet dran die Pfeife an
Und hat recht seine Freude dran;
Du Gockel brich Wachholder mir
Zu dem Castrum Doloris hier.

Da brach Gockel ihm Reiser von einem dort stehenden Wachholderbusch
und flocht eine Art Nest daraus, welches er auf die Stufe des Altares
setzte. Alektryo legte alle die Beinchen der Gallina und ihrer
Jungen in diesem Nest in einen wohlgeordneten Scheiterhaufen zusammen,
füllte diesen mit den Federn und legte den Kopf und die Köpfchen der
Seinigen darauf.

Indessen blickte Graf Gockel nachdenklicher als je den alten
Grabstein an, der hinter dem Altar in der Wand eingemauert war; es
war sein erster Ahnherr, der Urgockel, mit einem Hahnen auf der
Schulter und einem ABC-Buch in der Hand, in bedeutender Größe darauf
abgebildet, und zu seiner Linken war an der Mauer eine Reihe von
Bildern aus seinem Leben in Stein gehauen. Gockel wußte nicht viel
von dem Urgockel und noch weniger von der Bedeutung der Bilder; die
Hauschronik war mit dem Schloß verbrannt. Er wußte nur den alten
Familiengebrauch, daß die Grafen Gockel immer den Alektryo in Ehren
hielten, und daß er ihrem Haus Glück bringe.

Als Alektryo mit der Ordnung der Gebeine seiner Familie fertig war,
scharrte er die Erde von einer Marmorplatte, die vor dem Altar am
Boden lag, und Gockel reinigte sie vollkommen. Auf dieser Platte
waren allerlei Zeichen, wie Hahnen und Hühner sie mit ihren Pfoten im
Schnee machen, eingegraben. Alektryo sprach:

Graf Gockel lies,
Was heißet dies?

Gockel konnte aus dem Gekritzel nicht klug werden und sprach:

Alektryo, mein lieber Hahn,
Wie sehr ich auch nachdenken mag,
Kann ich kein Wörtchen doch verstahn
Von dieser Kribbes-Krabbes-Sprach.

Da erwiederte Alektryo:

Der Ur-Alektryo dies schrieb
Dem Ur-Gockelio zu lieb.
Da keine Handschrift konnte lesen,
Noch schreiben Ur-Gockelio,
So ist ihm hier zu Dienst gewesen
Mit Fußschrift Ur-Alektryo.
Sein Lehrer war ein Indian,
Ein Schreiber des Gott Hahnemann,
Die Tinte war der Morgenthau,
Die Federn waren Hahnenpfoten,
Er schrieb auf Paradieses Au
Zum reinen Kikriki die Noten;
Doch als im Eifer eine Sau
Er einstens hat hineingekleckst,
Fiel gleich sein Stamm mit Kind und Frau
Auf lange Zeiten aus dem Text;
Bis er bei Job als Concipist
Ward angestellet auf dem Mist.
Was Hahn zu Hahn hat je gekräht,
Der Schrei noch um die Erde geht;
Was Hahn an Hahn vor Langem schrieb,
Nicht immer ganz verständlich blieb.
Weil Fußschrift auf die Fußschrift trifft,
So ward es Kribbes-Krabbes-Schrift.
Ein jeder liest sich erst hinein
Was er sich gern heraus möcht' lesen,
Oft giebt ein Strich, ein Pünktlein klein,
Dem ganzen Sinn ein andres Wesen.
So ward auch hier der dunkle Spruch
Aus dein und meinem Schicksalsbuch,
Der auch auf deinem Wappen steht,
Von Schriftgelehrten bös verdreht;
Doch weil ich kräh' nach Tradition,
So kann ich noch mein Lektion.

Nun las Alektryo ihm folgende Worte von der Marmorplatte:

Alektryo bringt dir Glück selbst um Undank.
O Gockel hau ihm den Kopf ab,
Schneid' ihm den Kropf auf, Salomo's
Siegelring Jedem noch Brod gab.

Da sah nun Graf Gockel deutlich, daß die Eltern der Petschierstecher
schon seine Vorfahren bei dem Spruch auf dem Wappen betrogen hatten,
und daß die Worte: Kopf, Kropf, Siegel gar nicht ihre Namen waren.
Alles Gehörte erweckte dunkle Erinnerungen wie von Mährchen aus
seiner frühesten Jugend in ihm, und begierig, von der Geschichte
seiner Vorfahren etwas zu wissen, sprach er zu dem Hahnen:

Alektryo! es ist curios,
Du sprichst vom Ringe Salomo's
Und von dem Urgockelio
Und von dem Uralektryo;
Mir ist, wenn ich dies Alles hör',
Wie einer Eierschaale leer,
Wenns Huhn, von dem sie war gelegt,
Sich gacksend um sie her bewegt.
Wer lang, wie ich, bei Hofe sitzt
Im Hühner-Ministerium,
Zuletzt gar von sich selbst ausschwitzt
Das innere Mysterium.
Mir ist so dumm, als ob ich sey
Ein in der Stichedunklichkeit
Der finstern Mittelaltrichkeit
Gelegtes ausgeblas'nes Ei.
Belehr mich doch!--ich weiß nicht mehr,
Wo kommen alle wir nur her,
Wo Gockel, wo Alektryo,
Wo jener Ring des Salomo?

Da erwiederte Alektryo:

Du dauerst mich, du armer Tropf!
Faß an den Ring in meinem Kropf,
Sprich: Urgockel! dort an der Wand,
Hast's ABC-Buch in der Hand,
Gehorch' dem Ring des Salomon
Und sag mir auf dein Lektion,
Links vom Altar bis zu der Thür
Die alten Bilder explizir'!

Graf Gockel nahm nun den Alektryo unter den Arm, faßte mit der Hand
an seinen Kropf und sprach diese Worte ganz feierlich zu dem Bilde
Urgockels an der Wand. Da rauschte es dumpf in dem Steinbild, der
steinerne Hahn Urgockels schlug sich mit den Flügeln in die Seite,
daß Moos und Kalk niederfiel; er streckte den Hals und krähte, wenn
gleich ein wenig heiser, doch so laut und feierlich, als wolle er den
Schlafenden den jüngsten Tag verkünden, und Alektryo antwortete ihm
mit ehrfürchtigem Ernst.









Clemens Brentano: Gockel, Hinkel und Gackeleia / 7














Nun aber fiel hie und da brüchiges Gestein an der Wand rasselnd
nieder, es regte sich das steinerne Bild Urgockels, hob langsam die
Hände, streckte sich, rieb sich die Augen, gähnte etwas zu laut,
machte aber dabei ein Kreuz vor den Mund, welches ein schönes Zeugniß
für die fromme Sitte des finstern Mittelalters war; er schob sich
auch die Mütze ein wenig hin und her und nießte sehr heftig, und Graf
Gockel sagte ernsthaft: "wohl bekomm's!" und er erwiederte: "Schönen
Dank!"--Dann aber stellte er sich ruhig in Positur, deutete der Reihe
nach auf die Bilder an der Mauer hin und las dabei aus seinem
ABC-Buch schön deutlich wie ein verständiger Knabe, aber freilich,
wie es von seiner Zeit nicht anders zu erwarten war, ohne Gefühl,
ohne Betonung, ohne Ausdruck, ohne Deklamation, etwas eintönig
folgende Reime ab:

Urgockel werde ich genannt,
Zog weit umher im Morgenland
Und schlief einst dorten auf dem Mist,
Wo Job versuchet worden ist.
Da träumte mir, der Dulder fromm
Heiß' mich auf seinem Mist willkomm
Und schenk' mir einen schwarzen Hahn
Und spräch': "es hat des Hahnen Ahn
Bei mir auf diesem Mist gekräht,
Zu Gott geklagt, zu Gott gefleht,
So klug, daß ich den Spruch erfand:
Wer giebt dem Hahnen den Verstand?
Leb wohl--er heißt Alektryo."
Da weckte mich auf meinem Stroh
Ein ritterlicher Hahnenschrei;
Ich sah, daß es derselbe sey,
Den mir Herr Job im Traume gab,
Er saß auf meinem Pilgerstab
Und weckt' mit Schrei und Flügelschlag
Sich, mich und auch den jungen Tag.
Ich theilt' mit ihm mein Sorgenbrod
Und zog mit ihm durch Morgenroth,
Durch Mittagsgluth und Abendschein,
Durch Mond--und Sternennacht, allein,
Ach so allein, allein, allein,
Als Mann und Hahn kann jemals seyn!
Alektryo so mit mir kam
Durch Persiam und Mediam,
Armeniam, Mingreliam,
Durch Gock--und Magockeliam;--
In Montevillas Reisbuch stehn
Die Länder all, die wir besehn.
Wann Nachts ich ruht, da wacht' der Hahn,
Zeigt' redlich mir die Stunden an,
Da stand ich auf, that ein Gebet--
Schlief wieder bis er wieder kräht';
Oft hielt sein Krähn--Lob Gott den Herrn,
Die wilden Löwen von mir fern.
Ich hatte ein Gelübd gethan,
Zu Ehren Jobs mit meinem Hahn
Zu schlafen stäts auf einem Mist,
Weil da er mir erschienen ist.
Zu Tadmor einst war meine Rast
Am Mist vor Salomo's Palast;
Da weckte mich Alektryo,
Kräht' laut und scharrte aus dem Stroh
Ein Kleinod licht, ein blinkend Ding
Und steckte mir den Siegelring
Selbst an den Finger meiner Hand.--
Wer gab dem Hahnen den Verstand?--
Den Ring ich gegen Morgen hielt,
Der junge Tag drin lieblich spielt';
Ich dacht: wem nur das Wunderding,
Der schöne Ring, verloren gieng?
Da drangen gleich zu meinem Ohr
Die Worte aus dem Ring hervor:--
"Der Siegelring von Salomo
Macht alle Menschen reich und froh,
Wer an dem Finger um mich kehrt,
Dem ist ein jeder Wunsch gewährt!"
Da dankt ich Gott still im Gebet,
Bis laut Alektryo gekräht,
Und wünscht': "wär ich dem Land heraus,
Mit Hahn und Ring bei mir zu Haus!"
Als auf dies Wort den Ring ich dreh',
Bei Hanau hier im Wald ich steh';
Mit Amen schloß mein Frühgebet,
Der Morgenschrei war ausgekräht
Im Walde hier, was Hahn und Mann
Zu Tadmor eben erst begann.
Ich fand nicht Vater, Mutter mehr,
Sie waren todt--die Hütte leer!
Ich dreh' den Ring--"hätt' ich ein Schloß
Und Knecht, Magd, Ochs und Kuh und Roß!"
Und sieh das Schloß stand alsobald
Mit Knecht, Magd, Ochs, Kuh, Pferd im Wald.
Ich dreh den Ring--"hätt' ich zur Frau
Das liebste Herz aus Hennegau,
Und hätt' mein Hahn ein Hühnlein gut,
Es würde eine edle Brut."
Da hört' im Wald ich ein Geschrei
Und eilt' mit Roß und Knecht herbei,
Und bei der Hennen-Linde draus,
Da hatt' ich einen blut'gen Strauß.
Der Schrei von einem Fräulein war,
Entführt von wilder Räuberschaar.
Die Räuber schlug ich alle todt
Und half dem Fräulein aus der Noth;
Und in der Linde Schattenraum
Sprach sie: "schon ründet sich mein Traum,
Ich ward durch eines Hahnen Schrei
Aus wilder Löwen Kralle frei,
Giebt nun der Hahn mir noch den Ring,
Dann Alles in Erfüllung gieng."
Ich gab den Ring dem lieben Bild,
Vereint ward unser Wappenschild;
Urhinkel wars von Hennegau,
Der Kaiser gab sie mir zur Frau.
Ein Huhn sie mir als Brautschatz gab,
Das von dem Hahnen stammte ab,
Der einstens krähte hell und klar,
Als Petrus in Versuchung war.
Es bracht' dies edle Huhngeschlecht
Aus Syria ein Edelknecht,
Der bei Pilati Leibwach stand,
Salm hieß er, aus Savoierland.--
Nun fing ich und mein edler Hahn
Ein ritterliches Leben an;
Ich hatte Söhnchen nach der Reih,
Er Hahn und Hühnchen, Ei auf Ei!
Ich dreht den Ring--den Grafenhut
Hatt' ich sogleich, er stand mir gut.--
Doch als ich ward ein edler Greis,
Gedacht ich an die weite Reis,
Ins andere gelobte Land.
Ich dreht' den Ring--"hätt' ich Verstand!"
Da war ich klug wie Salomo
Und sprach da zu Alektryo:
"Ich hab den Ring bald ausgedreht,
"Und du die Zeit bald ausgekräht,
"Es naht der Ring der Ewigkeit,
"Da mißt kein Hahnenschrei die Zeit;
"Die Schlange beißt sich in den Schweif,
"Ohn' End und Anfang ist der Reif,
"Und da es geht zum Ende nun,
"Sprich, was soll mit dem Ring ich thun?"
Alektryo sprach: "hör' sey klug!
"Du läßst wohl Geld und Gut genug
"Den Söhnen dein, sie können sich
"Als Grafen nähren ritterlich;
"Gäbst ihrer Einem du den Ring,
"Gar leicht ein Zank und Streit angieng;
"Er wünschte sich solch Glück und Ehr,
"Daß drüber er sein Seel' verlör'!
"Da Keiner von dem Ring noch weiß,
"Wird Keinem um den Ring auch heiß.
"Dem Erstgebornen gieb das Haus,
"Die Andern statte reichlich aus;
"So soll jed Erstgeborner thun,
"Bis alle Gockel bei dir ruhn.
"Ich, dein Alektryo, füg' bei:
"Aus der Gallinen erstem Ei,
"Der Erstling der Alektryonen,
"Soll stäts bei allen Gockeln wohnen,
"Daß er vor Mißbrauch und Gefahr
"Dem Haus den Ring im Kropf bewahr'.
"So komm' dein Ring von Kropf zu Kropf,
"Dein Grafenhut von Kopf zu Kopf.
"Und wenn erlischt der Mannesstamm
"Vom Gockelhut, vom Hahnenkamm,
"Schlägt ab des letzten Gockels Schwert
"Dem Schluß-Alektryo den Kopf.
"Und Salomonis Ringlein kehrt
"In Grafen Hand aus Hahnen Kropf.
"Der letzte Sproß den Ring dann dreht,
"Bis neu der Hahn vom Tod ersteht,
"Der auf den Wunsch von einem Kind
"Das End vom Liede schnell ersinnt."
Zu mir dem Urgockelio
Sprach so der Uralektryo,
Und hat mit seinem Kopf gezuckt
Und schnell in seinen Kropf verschluckt
Den Siegelring des Salomo,
Und hat dann dunkel, als Prophet,
Den Schicksalsspruch mir vorgekräht,
Der auf dem Grab und Wappen steht,
Und richtig, ward er gleich verdreht,
Noch heute in Erfüllung geht.
Doch ich hab' nicht recht zugehört,
Ich sprach im Bett zur Wand gekehrt:
"Wer gab dem Hahnen den Verstand?"
Dann reiste in das andre Land,
Wohin den Weg noch jeder fand,
Ich, der Urgockel, an der Wand!

Nach diesen Worten schwieg Urgockel still und war ein lebloses
Steinbild wie vorher. Graf Gockel, der während der Explication die
Bilder der Reihe nach betrachtet hatte, schüttelte den Kopf und
sprach: "curios, curios, was doch einem Menschen alles passiren kann.
Es ist und bleibt doch halt immer ein höchst merkwürdiger
klassischer Boden, die Gegend zwischen Hanau und Gelnhausen!"--dann
wendete sich Gockel zu Alektryo und fuhr fort: "o! nun weiß ich Alles,
verstehe ich Alles, theurer schätzbarer Freund meines Stammes; aber
sage mir doch, wenn es zu fragen erlaubt ist, wie ist dann dieser
unvergleichliche Siegelring Salomonis eigentlich in deinen Kropf
gekommen?"--da erwiederte Alektryo:

Urahnherr sterbend spie aus den Stein,
Da schluckte ihn mein Ahnherr ein.
Mein Ahnherr sterbend spie aus den Stein,
Da schluckte ihn mein Großvater ein.
Großvater sterbend spie aus den Stein,
Da schluckt ihn mein Herr Vater ein.
Herr Vater sterbend spie aus den Stein,
Da schluckte ihn der Alektryo ein.
Alektryo sterbend speit aus den Stein,
Da kehrt er zu Gockel, dem Herren sein.
Gallina todt, die Küchelchen todt--
Alektryo frißt nun mehr kein Brod.
Er will nun sterben durch Grafenschwert,
So wie ein edler Ritter es werth!
Was Uralektryo prophezeit,
Geht Alles in Erfüllung heut.

"Wohlan," sprach Gockel, "so will ich dann sogleich allhier ein
hochnothpeinliches Halsgericht halten, du sollst Zeter über die
Mörder der Deinigen rufen und strenge Genugthuung erhalten.--Dann
aber will ich an dir thun, was du verlangst.--Rufe sogleich als
Herold meines Stammes alle Bewohner dieses Schloßes vor die Schranken."

Da nun eben der Morgen graute, flog Alektryo auf die höchste
Giebel-Mauer des Schloßes und krähte dreimal so laut und heftig in
die Luft hinein, daß sein Ruf wie der Schall einer Gerichtstrompete
von allen Wänden wiederhallte, und alle Vögel erwachten und streckten
die Köpfe aus dem Neste hervor, um zu vernehmen, was er verkünde; und
da sie hörten, daß er sie zu Recht und Gericht gegen die mörderische
Katze vor den Raugrafen Gockel von Hanau rief, fiengen sie an, mit
tausend Stimmen ihre Freude über diesen Ruf zu verkünden, schlüpften
alle aus ihren Nestern, schüttelten sich die Federn und putzten sich
die Schnäbel, um ihre Klagen vorzubringen, und flogen in den Raum der
Kapelle, wo sie sich hübsch ordentlich in Reih und Glied in die
leeren Fenster, auf die Mauervorsprünge und auf die Sträucher und
Bäume, welche darin wuchsen, setzten und die Eröffnung des Gerichts
erwarteten.

Als die Vögel alle versammelt waren, trat Alektryo vor den
Hühnerstall, worin Hinkel und Gackeleia noch schliefen; und indem er
gedachte, daß hier der Mord an der frommen Gallina geschehen, krähte
er mit solchem Zorne in den Stall hinein, und schlug dermassen mit
den Flügeln dazu, daß Frau Hinkel und Gackeleia mit einem gewaltigen
Schrecken erwachten, und beide zusammen ausriefen: "o weh, o weh! da
ist der abscheuliche Alektryo schon wieder, er ist gewiß dem Vater im
Walde entwischt, wir müssen ihn nur gleich fangen." Nun sprangen sie
beide auf und verfolgten den Alektryo mit ihren Schürzen wehend; er
aber lief spornstreichs in die Kapelle hinein; wie erschrecken Hinkel
und Gackeleia, als sie daselbst auf den Stufen des Altares den Gockel
mit finsterm Angesicht das grosse rostige Grafenschwert in der Hand
haltend sitzen sahen. Sie wollten ihn eben fragen, wie er wieder
hieher gekommen sey, aber er gebot ihnen zu schweigen und wies ihnen
mit einer so finstern Miene einen Ort an, wo sie ruhig stehen bleiben
sollten, bis sie vor Gericht gerufen würden, daß sie sich verwundert
einander ansahen. Der Hahn Alektryo gieng immer sehr traurig und in
schweren Gedanken mit gesenktem Kopfe vor Gockel auf und ab, wie ein
Mann, der in traurigen Umständen sehr tiefsinnige, verwickelte Dinge
überlegt. Ja es sah ordentlich aus, als lege er die Hände auf dem
Rücken zusammen. Auch Gockel sah einige Minuten still vor sich hin
und alle Vögel rührten sich nicht. Nun stand Gockel auf und hieb mit
seinem Grafenschwert majestätisch nach allen vier Winden mit dem
Ausruf:

"Ich pflege und hege ein Hals-Gericht,
Wo Gockel von Hanau das Urtheil spricht
Und über den Mörder den Stab zerbricht."

Nach diesen Worten flog Alektryo auf die Schulter Gockels und krähte
dreimal sehr durchdringlich. Frau Hinkel wußte gar nicht, was das
alles bedeuten sollte, und schrie in grossen Aengsten aus: "o Gockel,
mein lieber Mann, was machst du? ach ich unglückselige, er ist
närrisch geworden!" Da winkte ihr Gockel nochmals zu schweigen, und
sprach:

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