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New Philadelphia Book Publisher Highlights Local Talent
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Book: Gockel, Hinkel und Gackeleia

C >> Clemens Brentano >> Gockel, Hinkel und Gackeleia

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"Wer kömmt zu Rüge, wer kommt zu Recht?"

Da trat Alektryo hervor, und sprach mit gebeugtem Haupt:

"Alektryo klagt, dein Edelknecht!"

Ach! wie fuhr das der Frau Hinkel und der kleinen Gackeleia durch das
Gewissen, als sie hörten, daß der Hahn reden konnte; sie zitterten,
daß nun Alles gewiß herauskommen wurde. Da sprach Gockel:

"Alektryo, was ward dir gethan?"

Da antwortete Alektryo:

"Graf Gockel, trag mir das Schwert voran,
Trag es voran mit gewaffneter Hand,
Dann rufe ich Zeter wohl durch das Land."

Da zog Gockel einen alten Blechhandschuh an die rechte Hand, in der
er sein Schwert trug, und gieng so vor Alektryo, der ihm folgte, im
Kreis durch die Kapelle wieder zu den Gebeinen Gallina's zurück.

Da trat Alektryo zu den Gebeinen der Gallina und krähte Zeter mit
zitternden Stimme.

"Ach Herr, schau diese Gebeinlein an,
Das war mein Weib und meine Brut,
Die Katze zerriß sie und trank ihr Blut.
Zeter über Schurrimurri und Gog,
Mack, Benack, Magog, Demagog;
Zeter und Weh und aber weh,
Und immer und ewig Herr Jemine!"

Bei diesen Worten krähte er wieder gar betrübt, und Gockel sagte:

"Alektryo, du mein edler Hahn,
Ich hörte, du hättest es selbst gethan.
Nun bringe du mir auch Zeugen bei,
Daß deine Klage wahrhaftig sey."

Da antwortete Alektryo:

"Hier war ich schon lange ein lästiger Gast,
Sie haben den redlichen Wächter gehaßt;
Oft mußte ich hören den Wiegengesang,
Der mir, wie ein Messer, die Kehle durchdrang:
"Ha heia, popeia, schlag's Kickelchen todt,
Er legt keine Eier und frißt mir mein Brod,
Dann rupfen wir ihm seine Federchen aus,
Und machen Gackeleia ein Bettchen daraus!"
O wär ich gestorben! Wie wär' mir jetzt gut
Mit meiner Gallina und mit meiner Brut,
Bei dir lieber Hiob, bei dir Salomo
In himmlischen Höfen auf goldenem Stroh!
Doch fehlte der Muth hier zu blutiger That,
Ich sollte verderben durch Lug und Verrath.
Weil oft ich zu früh das Gewissen erweckt,
Ward mit dem Gewissen in Sack ich gesteckt.
So hab ich gehört nur und hab nicht gesehn,
Wie hier ist die gräßliche Unthat geschehn,
Und lad' drum die lieben Schloßvögelein ein,
Sie sollen wahrhaftige Zeugen mir seyn."

Nach diesen Worten fiengen alle die Vögel an, so gewaltig
durcheinander zu zwitschern, zu schnurren und zu klappern, daß Gockel
sprach:

"Halt ein, hübsch stille, macht kein Geschrei,
Ich will euch vernehmen nun nach der Reih'!
Zuerst Frau Schwalbe, die früh aufsteht,
An dich mein Zeugenruf ergeht."

Da flog die Schwalbe heran und sprach:

"Noch zittere ich und beb ich,
Es ist wirklich, gewiß, sicherlich geschehn,
Sterb ich, oder leb ich, will ich's immer und ewig
Sicherlich nimmer mehr wieder sehn;
Wie die wilde Kätzin und ihre Kätzchen
Sprangen mit zierlichen Sprüngen und Sätzchen
Zum Nestchen und rissen ripps, rapps,
Die Küchlein und ihr Mütterlein treu,
Gripps, grapps in viele, viele Restchen,
Und federwinzige Fetzen entzwei.
Ich blieb drüber schier vor Schrecken
Zwier im zierlichen Gezwitscher stecken.
Wie ich eben im Begriffe bin gewesen,
Meinen Kindern, wie üblich, gar lieblich
Ein Capitel ersprießlich aus der Bibel
Von Tobiä Schwälblein und Sälblein
Exegisirend, explicirend zu lesen,
Geschah das himmelschreiende grimmige Uebel;
Als ich, wie's schicklich, erquicklich ist,
Mit witziger, spitziger List
Die Hirngespinnste meiner Gesichte,
Die figürlichen, manierlichen Traumgedichte
Den Kindern ein bischen zimperlich, spärlich,
Doch ziemlich klimperklärlich
Im glitzernden Frühlichts-Schimmer
Spintisirlich rezitirte, ist, was ich gewiß nimmer
Bis jetzt je gesehen, nie wieder will sehen,
Die verzwiefelte, verzweifelte Misse--Misse--
Missethat binnen kürzester Frist geschehen,
Daß die wilde Kätzin ohne Rezepisse
Und Gewissen die Gallina zerrisse;
Sieh, es ist die fleißige, ämsige, sitzende,
Giksende, gacksende, kratzende, kritzende
Gickel, Gackel, Gallina nicht mehr,
Das von weißen, weichen Ginster und Weidenzweigen
Zierlich gewickelte, figürlich gezwickelte, fleur-de-lysirte,
Gothisch verzierte, stilisirte, persisch ziselirte,
Von piependen, trippelnden, nickenden, pickenden
Küchelchen wimmelnde Erbhühnernest ist zerrissen,
Zerbissen und lee, lee, lee, leer;
Zwischen den Splittern zittern und wehen die Federchen rings her,
Ich theile gewißlich mit denen, die drum wissen,
Das stechende, beissende, böse Gewissen
Immer und ewiglich nimmer nie, nie, nie, mehr!"

Nach dieser sehr beweglichen Aussage der kleinen Schwalbe krähte
Alektryo wieder:

"Zeter über Schurrimurri und Gog,
Mack, Benack, Magog, Demagog;
Zeter und Weh und aber weh,
Und immer und ewig, Herr Jemine!"

Bei dem Krähen aber ward der Frau Hinkel und der kleinen Gackeleia
fast zu Muthe, wie Einem, der seinen Herrn verläugnet hat, beim
Hahnenschrei zu Muthe ward. Gockel sprach nun:

"Hab Dank Frau Schwalbe, tritt von dem Plan,
Nun komm Rothkehlchen als Zeug' heran."

Da flog das liebe kleine Rothkehlchen auf einen wilden Rosenstrauch
in die Nähe des Altars und sagte:

"Auf des höchsten Giebels Spitze
Sang im ersten Sonnenblitze
Ich mein Morgenliedlein fromm,
Pries den lieben Tag willkomm.
Bei mir saß gar freundlich lächelnd,
Sich im Morgenlüftchen fächelnd,
Der erwachte Sonnenstrahl,
Unten lag die Nacht im Thal.
Unten zwischen finstern Mauern
Sah ich Katzenaugen lauern,
Und ich dankte Gott vertraut,
Daß ich hoch mein Nest gebaut.
Und ich sah die Katze schleichen,
Mit den Kätzchen unten streichen
In den Stall, und hört' Geschrei,
Wußt' bald, was geschehen sey;
Denn sie und die Kätzchen alle
Sprangen blutig aus dem Stalle,
Trugen Hühnchen in dem Maul
Und zerrissen sie nicht faul.
Ach, da war ich sehr erschrecket,
Hab' die Flügel ausgestrecket,
Flog ins Nest und deckt' in Ruh
Meine lieben Jungen zu.
Ja ich muß es eingestehen,
Hab' den bösen Mord gesehen,
Und mein kleines Mutterherz
Brach mir schier vor Leid und Schmerz!"

Nach diesen Worten krähte Alektryo wieder:

Zeter über Schurrimurri und Gog,
Mack, Benack, Magog und Demagog!
Zeter und Weh und aber Weh!
Und immer und ewig, Herr Jemine!

Nun hörte Gockel noch viele andere Vögel als Zeugen ab, und alle, vom
Storch bis zur Grasmücke, erzählten, wie sie den Mord durch die Katze
gesehen.

Als aber Gockel sich nun zu Frau Hinkel und Gackeleia wendete und sie
beide fragte, wie sie das hätten können geschehen lassen, da die
Gallina doch dicht neben ihrem Ruhelager gebrütet habe, und wie sie
Alles auf den edlen Alektryo geschoben hätten, sanken beide auf die
Kniee, gestanden ihr Unrecht unter bitteren Thränen, und versprachen,
es niemals wieder zu thun. Gockel hielt ihnen eine scharfe Ermahnung
und bat den Alektryo, ihnen selbst ihre Strafe zu bestimmen. Der
gute Alektryo aber bat für sie und verzieh ihnen selbst. Gockel
sagte nun: "deine Strafe, Frau Hinkel, soll seyn, daß ich dir und
deiner Tochter ein Hühnerbein und einen Katzenellenbogen in das
Wappen setze zum ewigen Andenken für eure böse Handlung, und außerdem
soll Gackeleia, weil sie die Katze Schurrimurri mit ihren verwegenen
Söhnen, Mack, Benack, Gog, Magog und Demagog sich heimlich zum Spiele
erzogen und durch diese ihre Spielerei ein solches Unglück angestellt
hat, nie eine Puppe besitzen, nie mit einer Puppe spielen dürfen."
Ach, da fiengen Frau Hinkel und Gackeleia bitterlich zu weinen an.

Gockel befahl nun dem Hahn den Scharfrichter zu holen, damit die
Katze mit ihren Jungen hingerichtet würde. Da schrie der Hahn und
alle Vögel: "das ist die Eule, die große alte Eule, die dort draus in
der hohlen dürren Eiche mit ihren Jungen sitzt", und sogleich ward
die Eule gerufen. Als diese ernsthaft und finster wie ein verhaßtes,
gefürchtetes, von allen andern Vögeln geflohenes Thier mit ihren
Jungen zu der Kapelle mit schweren Flügeln hereinrasselte und mit dem
Schnabel knappte und hu hu schrie, und die Augen verdrehte,
versteckten sich die Vögel zitternd und bebend in alle Löcher und
Winkel; und Gackeleia verkroch sich schreiend unter die Schürze ihrer
Mutter, welche sich selbst die Augen zuhielt. Gockel aber legte den
Sack, worin die böse Katze mit ihren Jungen stack, in die Kapelle und
die Eule trat mit ihren drei Jungen vor den Sack hin und sprach:

Ich komm zu richten und zu rechten
Mit meinen drei Söhnen und Knechten;
Nun höret ihr armen Sünder,
Katz Schurrimurri und Kinder,
Du Mack, du Benack und du Gog,
Du Magog und du Demagog,
Die ihr seid arme Sünderlein,
Ein Exempel muß statuiret seyn.
Nun Hackaug, Blutklau, Brich-das-Genick!
Meine Söhne, macht eurer Meisterstück.

Da wollten sie den Sack aufmachen und die Katzen vor aller Augen
hinrichten, aber Gackeleia schrie so entsetzlich, daß Gockel der Eule
befahl, mit ihren Söhnen den Sack fortzutragen und sich zu Hause mit
den Katzen abzufinden, was sie auch buchstäblich gethan.--Ja, ja sie
fanden sich mit ihnen ab!

Als so dieses schreckliche Schauspiel vermieden war, trat Alektryo
vor Gockel und verlangte, daß er ihm nun den Kopf abschlagen, sich
den Siegelring Salomonis aus seinem Kropfe nehmen und ihn sodann mit
den Gebeinen der Gallina und ihrer Jungen verbrennen sollte. Gockel
weigerte sich lange, dem Begehren des Alektryo zu folgen, aber da er
sich auf keine Weise wollte abweisen lassen und ihn versicherte, daß
er sich doch in jedem Falle zu Tode hungern werde, so willigte Gockel
ein; er umarmte den edlen Alektryo nochmals von ganzem Herzen. Dann
streckte der ritterliche Hahn den Hals weit aus und rief, auf der
Inschrift des Grabsteins scharrend, mit lauter Stimme aus:

Alektryo bringt dir Glück selbst um Undank.
O Gockel! hau' ihm den Kopf ab,
Schneid' ihm den Kropf auf!
Salomo's Siegelring Jedem noch Brod gab.

Am Schluße dieser Worte schwang Gockel das Grafenschwert und hieb den
Hals des Alektryo mitten durch, daß ihm der Kopf des Hahnen vor die
Füße fiel und der todte Rumpf in den Scheiterhaufen sank. Gockel
nahm das ehrwürdige Haupt bei dem Kamm, hob es empor, küßte es,
schüttelte es dann über seiner Hand, und der Siegelring Salomonis
fiel ihm hinein. Alle Anwesenden weinten, Gockel legte das Haupt zu
dem Leibe auf den Scheiterhaufen der Gebeine Gallina's; alle Vögel
brachten noch dürre Reiser und legten sie drum her, da steckte Gockel
die Reiser an und verbrannte alles zu Asche; aus den Flammen aber sah
man die Gestalt eines Hahns wie ein goldenes Wölkchen durch die Luft
davon schweben. Nun begrub Gockel die Asche und deckte den Stein mit
der Schrift wieder mit Erde zu, und hielt dann eine herrliche
Leichenrede über die Verdienste Gallina's und besonders Alektryo's,
wie des edlen Hahnengeschlechts überhaupt. Nachdem er die Herkunft
Alektryo's von dem Hahne Hiobs nach der Erzählung Urgockels
mitgetheilt hatte, sprach er unter Anderm:

"Wer gibt die Weisheit ins verborgene Herz des Menschen, wer giebt
dem Hahnen den Verstand? Gleichwie der Hahn den Tag verkündet und
den Menschen vom Schlaf erweckt, so verkünden fromme Lehrer das Licht
der Wahrheit in die Nacht der Welt und sprechen: "die Nacht ist
vergangen, der Tag ist gekommen, lasset uns ablegen die Werke der
Finsterniß und anlegen die Waffen des Lichtes." Wie lieblich und
nützlich ist das Krähen des Hahnen; dieser treue Hausgenosse erwecket
den Schlafenden, ermahnet den Sorgenden, tröstet den Wanderer, meldet
die Stunde der Nacht und verscheuchet den Dieb und erfreuet den
Schiffer auf einsamem Meere, denn er verkündet den Morgen, da die
Stürme sich legen. Die Frommen weckt er zum Gebet und den Gelehrten
ruft er, seine Bücher bei Licht zu suchen. Den Sünder ermahnet er
zur Reue, wie Petrum. Sein Geschrei ermuthiget das Herz des Kranken.
Zwar spricht der weise Mann: "Dreierlei haben einen feinen Gang und
das Vierte geht wohl, der Löwe mächtig unter den Thieren, er fürchtet
Niemand--ein Hahn mit kraftgegürteten Lenden, ein Widder und ein
König, gegen den sich Keiner erheben darf"--aber dennoch fürchtet der
Löwe, der Niemanden fürchtet, den Hahn und fliehet vor seinem Anblick
und Geschrei; denn der Feind, der umhergeht wie ein brüllender Löwe
und suchet, wie er uns verschlinge, fliehet vor dem Rufe des Wächters,
der das Gewissen erwecket, auf daß wir uns rüsten zum Kampf. Darum
auch ward kein Thier so erhöhet; die weisesten Männer setzen sein
goldenes Bild hoch auf die Spitzen der Thürme über das Kreuz, daß bei
dem Wächter wohne der Warner und Wächter. So auch steht des Hahnen
Bild auf dem Deckel des ABC-Buchs, die Schüler zu mahnen, daß sie
früh aufstehen sollen, zu lernen. O wie löblich ist das Beispiel des
Hahnen! Ehe er kräht, die Menschen vom Schlafe zu wecken, schlägt er
sich selbst ermunternd mit den Flügeln in die Seite, anzeigend, wie
ein Lehrer der Wahrheit sich selbst der Tugend bestreben soll, ehe er
sie anderen lehret. Stolz ist der Hahn, der Sterne kundig, und
richtet oft seine Blicke zum Himmel; sein Schrei ist prophetisch, er
kündet das Wetter und die Zeit. Ein Vogel der Wachsamkeit, ein
Kämpfer, ein Sieger wird er von den Kriegsleuten auf den Rüstwagen
gesetzt, daß sie sich zurufen und ablösen zu gemessener Zeit. So es
dämmert und der Hahn mit den Hühnern zu ruhen sich auf die Stange
setzt, stellen sie die Nachtwache aus. Drei Stunden vor Mitternacht
regt sich der Hahn, und die Wache wird gewechselt; um die Mitternacht
beginnt er zu krähen, sie stellen die dritte Wache aus, und drei
Stunden gen Morgen rufet sein tagverkündender Schrei die vierte Wache
auf ihre Stelle. Ein Ritter ist der Hahn, sein Haupt ist geziert mit
Busch und rother Helmdecke und ein purpurnes Ordensband schimmert an
seinem Halse; stark ist seine Brust wie ein Harnisch im Streit, und
sein Fuß ist bespornt. Keine Kränkung seiner Damen duldet er, kämpft
gegen den eindringenden Fremdling auf Tod und Leben und selbst
blutend verkündet er seinen Sieg stolz emporgerichtet gleich einem
Herold mit lautem Trompetenstoß. Wunderbar ist der Hahn; schreitet
er durch ein Thor, wo ein Reiter hindurch könnte, bücket er doch das
Haupt, seinen Kamm nicht anzustoßen, denn er fühlt seine innere
Hoheit. Wie liebet der Hahn seine Familie! Dem legenden Huhn singt
er liebliche Arien: "bei Hühnern, welche Liebe fühlen, fehlt auch ein
gutes Herze nicht, die süßen Triebe mit zu fühlen, ist auch der
Hahnen erste Pflicht;"--stirbt ihm die brütende Freundin, so
vollendet er die Brut und führet die Hühnlein, doch ohne zu krähen,
um allein Mütterliches zu thun.--O welch erhabenes Geschöpf ist der
Hahn! Phidias setzte sein Bild auf den Helm der Minerva, Idomeneus
auf sein Schild. Er war der Sonne, dem Mars, dem Mercur, dem
Aesculap geweiht. O wie geistreich ist der Hahn! Wer kann es den
morgenländischen Kabbalisten verdenken, daß sie sich Alektryo's
bemächtigen wollten, da sie an die Seelenwanderung glaubten und der
Hahn des Mycillus sich seinem Herrn selbst als die Seele des
Pythagoras vorstellte, die inkognito krähte. Ja wie mehr als ein
Hahn ist ein Hahn, da sogar ein gerupfter Hahn noch den Menschen des
Plato vorstellen konnte"! u.s.w.

Noch unaussprechlich vieles Erbauliche, Moralische, Historische,
Allegorische, Medizinische, Mystische, selbst Politische brachte
Gockel in dieser schönen Leichenrede an, welche auch oft von dem
lauten Schluchzen und Weinen Gockels, der Frau Hinkel und der kleinen
Gackeleia unterbrochen ward. Selbst alle Vögelein gaben ihre Rührung
mit leisem Piepen zu verstehen; weil aber der größte Theil der Rede
aus Coleri Haushaltungsbuch und aus Gesneri Vogelbuch u.s.w.
herrührte, zogen sich die zuhörenden Vögel, denen es viel zu lang
dauerte, nach und nach in der Stille zurück,--und da er nun gar noch
allerlei Abergläubisches von der Alektryomantie, einer Art
zauberischer Wahrsagerei vermittelst der Hahnen, und von dem Hahnenei,
woraus die Basilisken entstehen, vorbrachte, ward Frau Hinkel auch
etwas unruhig--doch hielt sie sich noch zurück--dann aber kam er auf
einen gewissen unpartheiischen Engländer zu sprechen, und was dieser
von Hahnen und Hinkeln gesagt; da ward es Frau Hinkel nicht recht
wohl und sie sprach: "Lieber Gockel, ich glaube, wir haben das schon
gehört, wir sind auch noch nüchtern, ich fürchte die Milch wird sauer,
ich habe auch noch kein Wasser zum Kaffee am Feuer, ich dächte wir
hielten einen kleinen Leichenschmaus." Da lächelte der gute Gockel,
umarmte Frau Hinkel und Gackeleia und begab sich, selbst ermüdet von
der schlaflosen Nacht, gern mir ihr in den Hühnerstall.

Den ganzen übrigen Tag weinten Frau Hinkel und Gackeleia noch öfter,
und wollten sich gar nicht zufrieden geben, daß sie an dem Tode der
Gallina und Alektryo's Schuld gewesen.

Gockel gab ihnen die schönsten Ermahnungen, sie versprachen die
aufrichtigste Besserung, und so entschlief die ganze Familie am Abend
dieses traurigen Tages nach einem gemeinschaftlichen herzlichen Gebet.

Als Gockel in der Nacht erwachte, gedachte er der Frau Hinkel und
seines Töchterleins Gackeleia mit vieler Liebe, und entschloß sich,
ihnen nach dem vielen Schrecken, den sie gehabt, eine rechte Freude
zu machen, und zugleich den Siegelring Salomonis zu versuchen. Er
nahm daher den Ring aus der Tasche, steckte ihn an den Finger und
drehte ihn an demselben herum mit den Worten:

"Salomon du weiser König,
Dem die Geister unterthänig,
Mach' mich und Frau Hinkel jung,
Trag' uns dann mit einem Sprung
Nach Gelnhausen in ein Schloß,
Gieb uns Knecht und Magd und Roß,
Gieb uns Gut und Gold und Geld,
Brunnen, Garten, Ackerfeld,
Füll' uns Küch und Keller auch,
Wie's bei großen Herrn der Brauch,
Gieb uns Schönheit, Weisheit, Glanz,
Mach' uns reich und herrlich ganz,
Ringlein, Ringlein, dreh' dich um,
Mach's recht schön, ich bitt' dich drum!"

Unter dem Drehen des Ringes und dem öfteren Wiederholen dieses
Spruches schlief Gockel endlich ein. Da träumte ihm, es trete ein
Mann in ausländischer reicher Tracht vor ihn, der ein grosses Buch
vor ihm aufschlug, worin die schönsten Paläste, Gärten, Springbrunnen,
Hausgeräthe, Kleidungsstücke, Tapeten, Schildereien,
Alamode-Kutschen, Pferde, Livreen und andere dergleichen Dinge
abgebildet waren, aus welchen er sich heraussuchen mußte, was ihm
wohlgefiel. Gockel beobachtete bei der Wahl Alles mit großem Fleiße,
was Frau Hinkel und Gackeleia gefallen konnte, denn er träumte so
klar und deutlich, als ob er wache. Da er aber das Buch
durchblättert hatte, schlug der Mann im Traume es so heftig zu, daß
Gockel plötzlich erwachte.

Es war noch dunkel, und er war so voll von seinem Traume, daß er sich
entschloß, seine Frau zu wecken, um ihr denselben zu erzählen; auch
fühlte er ein so wunderbares Behagen durch alle seine Glieder, daß er
sich kaum enthalten konnte, laut zu jauchzen. Da er sich immer mehr
vom Schlafe erholte, empfand er die lieblichsten Wohlgerüche um sich
her und konnte gar nicht begreifen, was nur in aller Welt für
köstliche Gewürzblumen in seinem alten Hühnerstall über Nacht müßten
aufgeblüht seyn. Als er aber, sich auf seinem Lager wendend,
bemerkte, daß kein Stroh unter ihm knistre, sondern daß er auf
seidenen Kissen ruhe, begann er vor Erstaunen auszurufen: "o Jemine,
was ist das?" In demselben Augenblicke rief Frau Hinkel dasselbe,
und dann riefen beide: "wer ist hier?" und beide antworteten: "ich
bin's, Gockel!--ich bin's Hinkel!" aber sie wollten's beide nicht
glauben, daß sie es seyen. Es hatte ihnen beiden dasselbe geträumt,
und sie würden geglaubt haben, daß sie noch träumten, aber sie fanden
gegenseitig ihre Stimmen so verändert, daß sie vor Verwunderung gar
nicht zu Sinnen kommen konnten. "Gockel," flüsterte Frau Hinkel,
"was ist mit uns geschehen? Es ist mir, als wäre ich zwanzig Jahre
alt." "Ach ich weiß nicht," sagte Gockel, "aber ich möchte eine
Wette anstellen, daß ich nicht über fünf und zwanzig alt bin." "Aber
sage nur, wie kommen wir auf die seidenen Betten?" fragte Frau Hinkel,
"so weich habe ich selbst nicht gelegen, als du noch Fasanenminister
in Gelnhausen warst,--und die himmlischen Wohlgerüche umher,--aber
ach, was ist das? Der Trauring, der mir immer so lose an dem Finger
hieng, daß ich ihn oft Nachts im Bettstroh verloren, sitzt mir jetzt
ganz ordentlich, so daß ich ihn eben drehen kann, ich bin gar nicht
mehr so klapperdürr."--Diese letzten Worte erinnerten Gockel an den
Ring Salomonis; er dachte: "ach, das mag Alles von meinem gestrigen
Wunsche herkommen;" da hörte er auch Roße im Stalle stampfen und
wiehern, hörte eine Thüre gehen, und es fuhr ein Licht durch die
Stube an der Decke weg, als wenn jemand mit einer Laterne Nachts über
den Hof geht. Er und Hinkel sprangen auf, aber sie fielen ziemlich
hart auf die Nase, denn jetzt merkten sie, daß sie nicht mehr auf der
ebenen Erde, sondern auf hohen Polsterbetten geschlafen hatten, und
der Schein, der durch die Stube gezogen war, hatte nicht die rauhe
Wand ihres Hühnerstalles, an welcher Stroh und die alte Hühnerleiter
lag, sondern prächtige gemalte und vergoldete Wände, seidene Vorhänge
und aufgestellte Silber-und Gold-Gefäße beleuchtet. Sie rafften sich
auf von einem spiegelglatten Boden, sie stürzten sich in die Arme und
weinten vor Freude, wie Kinder. Sie hatten sich so lieb, als hätten
sie sich zum erstenmale gesehen. Nun bemerkten sie den Schein wieder,
und sahen, daß er durch ein hohes Fenster herein fiel. Mit
verschlungenen Armen liefen sie nach dem Fenster und sahen, daß es
von der Laterne eines Kutschers in einer reichen Livree herkam, der
in einem großen geräumigen Hof stand, Haber siebte und ein Liedchen
pfiff. Im Schein der Laterne, der an das Fenster fiel, sah Gockel
Hinkel an und Hinkel Gockel, und beide lachten und weinten und fielen
sich um den Hals und riefen aus: "ach Gockel, ach Hinkel, wie jung
und schön bist du geworden!" Da sprach Gockel: "Alektryo hat die
Wahrheit gesprochen, der Ring Salomonis hat Probe gehalten, alle
meine Wünsche, bei welchen ich ihn drehte, sind in Erfüllung
gegangen"; und da erzählte er der Frau Hinkel, wie ihm der Mann mit
dem großen Bilderbuch erschienen und er Alles heraus gesucht und den
Ring dabei gedreht habe.--"Ach Gockel, Herzens-Gockel! hast du
wirklich Alles so gewünscht, Alles wie es mich freuet und erquicket?
Dieses lange, lange Hemd, diesen tiefrothen, chinesischen Schlafrock,
fein, fein, man kann ihn ganz in den Raum einer Nuß verbergen.
Gockel! und dieses seidene Netz um meine Haare--Alles, Alles so nach
meiner Lust?"--"Ja", sagte Gockel, "Alles nach deiner Lust, es wird
schon Tag werden, da wirst du erst sehen die hohen, hellen Räume,
Sääle, um Wettrennen darin anzustellen, lauter Doppelthüren, Fußböden
mit Purpurteppichen bedeckt, herrliche breite Treppen auf Säulen
ruhend, Terrassen, Gallerien, offne Hallen; ach Hinkel! welche Gärten
und Springbrunnen und Säulenhallen und Statuen und Aussichten und
schöne Berglinien und Lorbeern-, Myrten-, Cypressen-, Citronen-,
Pomeranzen-, Orangen-, Granatenhaine und eine Schaukel darin von
weißen Rosen--und eine Wiege von weißen Lilien--vom Küchengarten will
ich gar nicht reden, es wird dir genug seyn, wenn ich sage, daß die
Pflaumenbäume ihre Aeste mit getrockneten Früchten zum Küchenfenster
hineinhängen.--Was soll ich von der Garderobe sprechen, ehe ich dir
nur den hundertsten Theil der Stiefelchen, Pantöffelchen, Röckchen,
Schürzchen, Hütchen, Tüchelchen, Quästchen, Trottelchen u.s.w. nenne,
ist es Tag, und du knieest mitten darunter und räumst und packst und
probirst Alles nach der Reihe;--aber Herz Hinkel, das Schönste ist:
da ist kein Zapfenbrett, wie im Hühnerministerium, nein, da stehen
ganze Chöre der großartigsten, edelsten, lieblichsten, erhabensten,
kindlichsten Marmorfiguren von Engeln, Genien, Denkern, Dichtern,
Propheten, Göttern und Helden, und auf ihren Händen tragen sie die
Kleider, die in krystallenen Schalen zwischen duftenden Blumen ruhen,
in der Mitte der Garderobe stehen die drei Grazien um einen dicken
Lilienbusch, und wenn du zu träge bist, dich selbst anzukleiden,
trittst du zwischen die Grazien und sagst nur den Spruch deiner
Ahnfrau von Hennegau:

"O Stern und Blume, Geist und Kleid,
Lieb, Leid und Zeit und Ewigkeit!
Schönster Baum im Paradies,
Gieb mir Das und gieb mir Dies,
Rüttel dich und schüttel dich,
Schüttel Leib und Herz und Geist,
Und was diesen zierlich heißt,
Hüllend, füllend über mich."

O Hinkel!--dein blaues, oder wie du willst, farbiges Wunder sollst du
da sehen, augenblicklich sollst du da fix und fertig auf die schönste
und vortheilhafteste Weise bekleidet dastehen.--Ich will nicht weiter
sprechen, o Hinkel von Hennegau, von allen Kabinetten und
Kabinettchen, von der Bibliothek, der Hauskapelle, der Küche, der
Speisekammer, dem Saal, Ball zu schlagen, dem Musiksaal, der
Gemälde-Gallerie, der Aepfelkammer, der tiefsinnigen Denkhalle, der
Kinderstube, dem Karoussel, dem Badhaus, dem Hühnerhof, ach! und dem
bezaubernd schönen Stall voll der edelsten Pferde und Pferdchen, vor
Allem ein arabisches Schimmelchen, weiß wie der gefallne Schnee,
Mähnen und Schweif mit Purpurbändern durchflochten, mit tief rothem
Sammet gezäumt, Gebiß und Bügel von Gold und Rubin; ach Hinkel! und
der Sattel!--der Sattel ist ihm von Natur auf den Rücken gewachsen!
nun denke!"

"Lieber Gockel," sagte Frau Hinkel, "es ist nicht möglich, es ist zu
viel, ich kanns nicht glauben; aber ich möchte trinken, kannst du mir
nicht ein Glas Wasser herbeidrehen?"--"Geh nur links an deinen
Waschtisch," erwiederte Gockel, "und halte den Krystall-Pokal zum
Fenster hinaus." "O Gockel, gehe mit," sagte Hinkel, sich an seinen
Arm hängend, "ich weiß nicht Bescheid hier, es ist mir ganz bang vor
lauter Schönheit, ich fürchte, ich möchte über das siebente Wunder
der Welt stolpern und in das achte hineinstürzen."

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