A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | R | S | T | U | V | W | Z

New Philadelphia Book Publisher Highlights Local Talent
Book and Publishing News from Publishers Newswire(tm)

Looking for Child to be on Cover of a New Book, 'The Model Child'
PHILADELPHIA, Pa. -- The Philadelphia literary world will celebrate the launch of two new players today, April 10th: Kay Square Press, a new publishing company focused on Philadelphia-area artists, their stories, and their art; and Kay Square's first release, 'With the Rich and Mighty: Emlen Etting of Philadelphia' (ISBN: 978-0-9815129-0-7), a critical biography by Kenneth C. Kaleta.

FlatSigned Press Alleges Don Imus Remarks Damage Legacy of President Gerald R. Ford
NEW YORK, N.Y. -- Nathan Yungerberg, an accomplished model scout and professional child photographer is launching a nation-wide casting call to find the cover model for his highly anticipated book release, 'The Model Child: A Parents Guide to the Child Modeling Industry' (ISBN: 978-0-9817018-0-6).


Book: Gockel, Hinkel und Gackeleia

C >> Clemens Brentano >> Gockel, Hinkel und Gackeleia

Pages:
1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11 | 12 | 13 | 14 | 15



Da führte Gockel sie zu ihrem Waschtisch an ein zweites Fenster,
dessen Vorhang der volle Mond mit angenehmem Licht durchstrahlte. O
da gieng das Verwundern erst recht an; neben einem Schirm von goldnen
Stäben, an welchem weiße Rosensträucher hinaufrankten, die alle ihre
Rosen nach Innen senkten, stand das Waschtischchen; aber welch ein
Waschtischchen, ein Waschtischchen, das sich nicht nur gewaschen
hatte, sondern sich auch in alle Ewigkeit fortwusch.--In den mit
tiefrothem Sammet belegten Marmorboden war ein eirundes tiefes Becken
von Krystall versenkt, der Rand oben war von Muscheln, Korallen und
lebendigen Blumen umgeben, Reseda und Veilchen und Vergißmeinnicht;
diese Wanne war voll Rosenwasser; über diesem ragte wie schwimmend
ein mit Lotos-Blumen gesattelter Delphin von Perlenmutter hervor, auf
seinem Rücken saß ein feingeflügeltes Kind von weißem Marmor, in der
einen Hand hielt es ein Sieb von Krystall voll der duftendsten Rosen,
in welches von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang zwey Strahlen des
frischesten, klaresten Wassers aus den Nüstern des Delphins
sprudelten und als Rosenwasser in das Becken niederfloßen, mit der
andern Hand stützte das Marmorkind die krystallne, durchsichtige
Tischplatte, welche den Waschtisch bildete, und da war erst die
rechte Herrlichkeit von schönen sieben Sachen.

Frau Hinkel sah und fühlte Alles mit großem Entzücken an, aber sie
hatte gestern so viel geweint und nachher so viel gesalzenes Fleisch
gegessen, so daß sie ungemein dürstete und sprach:

Wunder über Wunder, Gockel!
Wunderherrlich ist der Sockel
Von dem Wischiwaschi-Tisch;
Herzerquicklich scheint der Fisch
Lustig in dem Meer zu gaukeln
Und das flinke Kind zu schaukeln
Mit dem vollen Rosensieb,
Alles ist so süß und lieb,
Alles ist so fein und frisch!--
Doch, eh ich das Glas erwisch,
Kann ich gar nichts recht betrachten
Und muß schier vor Durst verschmachten.

"Verzeih, Herz Hinkel!" sprach Gockel, "ich selbst vergesse über den
kuriosen Sachen Essen und Trinken"--da gab er ihr das Glas von dem
Waschtisch, dünn und klar und rein wie eine Seifenblase, die sich auf
eine Lilie niedergelassen, so war Kelch und Stiel gebildet--"halte es
zum Fenster hinaus, ich will den Ring Salomonis drehen."

Gockel zog den rothdamastenen Vorhang hinweg, da sah man durch die
blüthenvollen Wipfel der Orangenbäume in den blauen Himmel, an dessen
Osten der Tag graute; der Mond stand am Himmel wie ein freigebiger
Kavalier, welcher der Frau Gräfin Hinkel von Hennegau ein Ständchen
von der Nachtigall will bringen lassen.--"Reiche nur den Pokal hinaus,"
sagte Gockel, "fahre nur mit der Hand mitten durch die
Orangenblüthen, die Geister Salomonis werden schon einen Wasserstrahl
senden, der dir das Herz erlabt."--Frau Hinkel that, wie Gockel
befahl, und Gockel sprach den Ring drehend:

"Salomo, du weiser König,
Dem die Geister unterthänig,
Füll' Frau Hinkel den Pokal
Mit der reinsten Quelle Strahl,
In der Felsen Herz entsprungen,
Durch der Erde Brust gedrungen,
Durch der Blüthen Duft geschwungen,
Von der Nachtigall besungen,
Von der Sterne Licht gegrüßt,
Von des Mondes Strahl geküß't;
Gieb zum Labsal durst'ger Zungen
Ein Glas Wasser, bitt' dich drum!
Ringlein, Ringlein, dreh dich um."

Schon während diesen Worten plätscherte es unter den Orangen-Bäumen
heftiger, die Blätter bewegten sich, die Blüthen küßten sich, und
zwischen ihnen spritzte der feine, im Mond--und Sternenlicht
schimmernde Strahl eines Springbrunnens aus dem unten liegenden
Garten empor und füllte den Pokal, welchen die Hand der Frau Hinkel
hinaushielt, ohne sie selbst im Mindesten zu benetzen. Frau Hinkel
trank und trank wieder, auch Gockel trank, und die allerliebste Frau
Nachtigall sang in der nahen Linde das freundlichste: "wohl bekomm's,
Frau Gräfin von Hennegau" dazu.

"Ach"! sagte Frau Hinkel, indem sie den Pokal wieder auf den
Waschtisch setzte, "das hat aber einmal geschmeckt, das Wasser
duftete ganz von Blüthen, und wie die liebe Nachtigall singt"!
--"Horch"! sagte Gockel, "da singt noch was", es war aber der
Kutscher, der den Haber siebte; als er die Nachtigall hörte, fieng er
an zu singen:

"Nachtigall, ich hör dich singen,
s'Herz im Leib möcht mir zerspringen,
Komme doch und sag mir bald,
Wie sich Alles hier verhalt'.
Nachtigall, ich seh dich laufen,
An dem Bächlein thust du saufen,
Tunkst hinein dein Schnäbelein,
Meinst es sey der beste Wein!
Nachtigall, wohl ist gut wohnen
In der Linde grünen Kronen,
Bei dir, lieb Frau Nachtigall,
Küß' dich Gott viel tausendmal!"

Das gefiel nun Gockel und Hinkel gar wohl, denn es war ihr
Lieblingslied und ihre Mutter hatte es ihr an der Wiege gesungen.
--Gockel war so froh, über Alles, was er so erfinderisch
herbeigewünscht hatte, daß er wünschte, Frau Hinkel möge gleich Alles
betrachten, was auf ihrem Waschtisch weiter liege. Sie sagte aber:
"nein, ich muß warten bis der Tag anbricht, es ist Alles so herrlich
und fein, ich zittre so vor Freude, ich habe eine solche Wallung im
Blut. Wir sahen nun dort in den Hof, hier in den blühenden Garten,
voll Duft und Springbrunnen und Nachtigallen, jetzt laß uns an jener
Seite hinaus schauen, was dort zu sehen ist."--Nun liefen sie an ein
drittes Fenster; "o je, welche Freude!" rief Frau Hinkel aus, "Wir
sind in Gelnhausen, da oben liegt das Schloß des Königs, und da
drüben, o zum Entzücken! da sehe ich in einer Reihe alle die
Bäcker--und Fleischerladen; es ist noch ganz stille in der Stadt;
horch, der Nachtwächter ruft in einer entfernten Straße, drei Uhr ist
es; ach, was wird er sich wundern, wenn er hieher auf den Markt kömmt
und auf einmal unsern prächtigen Palast sieht! Und der König, was
wird der König die Augen aufreissen und alle die Hofherrn und
Hofdamen, die uns so spöttisch ansahen, da wir in Ungnade fielen, was
werden sie gedemüthiget seyn durch unsern Glanz! O Gockel, liebster
Gockel, was bist du für ein herzallerliebster, beßter Gockel mit
deinem Ring Salomonis!" und da fielen sie sich wieder um den Hals und
fuhren vor Freude gleichsam Schlitten auf dem spiegelglatten Boden.

Es brach aber der Tag an und es war kein Traum; Alles hatte Bestand,
sie blickten Arm in Arm scheu und doch freudig bald sich in ihrer
verjüngten Gestalt und prächtigen Kleidung, bald die wunderbare
Pracht ihres Schlafgemaches an, und als sie neben ihrem großen
Prachtbett, welches wie ein Himmelwagen aussah, mit Federbüschen
besteckt, ein anderes schönes Bettchen sahen, fiel ihnen erst im
Taumel der großen Freude ihre liebe Gackeleia ein; sie rissen die
rothsammetnen, goldgestickten Vorhänge hinweg, da lag Gackeleia schön
wie ein Engel, ach viel schöner als sie je gewesen. Gockel und
Hinkel erweckten sie mit Küssen und Thränen: "wach auf, Gackeleia,
ach alle Freude ist um uns her; ach Gackeleia, sieh alle die schönen
Sachen an!" Da schlug Gackeleia die blauen Augen auf, und glaubte,
sie träume das Alles nur; und da sie Vater und Mutter, welche beide
so jung und schön geworden waren, gar nicht wieder erkannte, fieng
sie an zu weinen und verlangte nach ihren lieben Aeltern. Ja alle
die schönen Sachen konnten sie nicht zufrieden stellen; sie sagte
immer: "o was soll ich mit all der Herrlichkeit, ich will zu meiner
lieben Mutter, Frau Hinkel, zu meinem guten Vater, Gockel, zurück."
Die Mutter und der Vater konnten sie auf keine Weise bereden, daß sie
es selbst seyen. Endlich sagte Gockel zu ihr: "Wer bist du denn?"
"Gackeleia bin ich," erwiederte das Kind. "So", sagte Gockel",du
bist Gackeleia? Aber Gackeleia hatte ja gestern ein Röckchen von
grauer Leinwand an, wie kömmt den Gackeleia in das schöne,
buntgeblümte, seidene Schlafröckchen?" "Ach, das weiß ich nicht,"
antwortete Gackeleia, "aber ich bin doch ganz gewiß Gackeleia; ach
ich weiß es gewiß, die Augen schmerzen mich so sehr, ich habe gestern
gar viel geweint, ich habe grosses Unglück angestellt, ich habe die
Katze an das Nest der Gallina geführt; ich bin Schuld, daß sie
gefressen worden, ich habe dadurch den guten Alektryo in den Tod
gebracht, ach ich bin gewiß die böse Gackeleia;" dabei weinte sie so
bitterlich und fuhr fort: "o du bist Gockel nicht; der Vater Gockel
hat ganz schneeweiße Haare und einen weißen Bart und ist bleich im
Gesicht und hat eine spitze Nase; du Schwarzer mit den rothen Wangen
bist Gockel nicht; du bist auch die Mutter Hinkel nicht; du bist ja
so hübsch glatt und anmuthig wie ein Turteltäubchen; die Mutter
Hinkel ist klapperdürr wie ein Zaunpfahl; ich will fort in das alte
Schloß, ihr habt mich gestohlen;" und da weinte das Kind wieder
heftig. Gockel wußte sich nicht anders zu helfen, als daß er sagte:
"Schau mich einmal recht an, ob ich dein Vater Gockel nicht bin." Da
guckte ihn Gackeleia scharf an, und er drehte den Ring Salomonis ganz
sachte am Finger und sprach leis:

"Salomon, du großer König,
Mache mich doch gleich ein wenig
Dem ganz alten Gockel ähnlich;
Mach' mich wieder wie gewöhnlich."

Und wie er am Ring drehte, ward er immer älter und grauer, und das
Kind sagte immer: "ach Herrje, ja, fast wie der Vater!" und als er
ganz fertig mit dem Drehen war, sprang das Kind aus dem Bett, und
flog ihm um den Hals und schrie: "ach ja, du bist's, du bist's,
liebes, gutes, altes Väterchen! Aber die Mutter ist es mein Lebtag
nicht." Da begann Gockel auch für Frau Hinkel den Ring zu drehen,
daß sie wieder ganz alt ward. Aber dieser machte das gar keine
Freude, und sie sagte immer: "halt ein Gockel, nein das ist doch ganz
abscheulich, einen so herunter zu bringen, nein das ist zu arg! so
habe ich mein Lebtag nicht ausgesehen; du machst mich viel älter, als
ich war!" und begann zu weinen und zu zanken, und wollte dem Gockel
mit Gewalt nach der Hand greifen und ihm den Ring wieder zurückdrehen.
Aber Gackeleia sprang ihr in die Arme und küßte und herzte sie, und
rief einmal über das anderemal aus: "ach Mutter, liebe Mutter, du
bist's, du bist's ganz gewiß!" Da sagte Frau Hinkel: "nun
meinethalben," und küßte das Kind Gackeleia von ganzem Herzen.
Gockel aber sprach: "ei, ei, Frau Hinkel, ich hätte mein Lebtag nicht
gedacht, daß du so eitel wärest; es ist gut, nun habe ich ein Mittel,
dich zu strafen; sieh, bist du mir nun nicht fein ordentlich und
fleißig, oder brummest du, oder bist du neugierig, so drehe ich
gleich den Ring um und mache dich hundert Jahre alt." Da sagte Frau
Hinkel: "thue was du willst, ich habe es nicht gern gethan, es hat
mich nur so überrascht." Nun umarmte sie Gockel und drehte den Ring
wieder, und sie wurden wieder jung und schön. So erfuhr auch
Gackeleia das Geheimniß mit dem Ringe, und Gockel schärfte ihr und
der Frau Hinkel ein, ja niemals etwas von dem Ringe zu sprechen,
sonst könnte er ihnen gestohlen werden, und dann müßten sie wohl
wieder arm und elend in das alte Schloß zurück. "Bewahr uns Gott
davor!" sagten alle, und Gockel fuhr fort: "ja, daß er uns davor
bewahre, lasset uns vor Allem beten und danken; ihm allein gebührt
die Ehre!" da knieten sie in Mitte der Stube nieder und dankten Gott
von Herzen.

Als sie wieder aufgestanden waren, sagte Frau Hinkel: "jetzt kommt,
jetzt geht das Hauptplaisir an, jetzt geht es ans Betrachten, und mit
uns selbst wird angefangen." Nun traten sie alle drei vor einen
großen Spiegel und beschauten sich in Lebensgröße von allen Seiten
und lachten und hüpften; Frau Hinkel machte einige spitze Mäulchen
und Gackeleia probirte so vielerlei, daß sie sogar die Zunge ziemlich
weit herausstreckte, worauf aber Gockel sagte: "Pfui, wawa, das ist
unartig!" Hierauf gieng Frau Hinkel nach ihrem Waschtisch, um Alles
zu betrachten, was sie in der Nacht noch nicht gesehen. In einer
andern Fensternische stand der Waschtisch Gockels, und zwischen
beiden ein Waschtischchen Gackeleia's.

Auf der krystallenen Platte des Tisches stand Waschbecken und Kanne
von gleichem Stoff, man konnte sie so oft man wollte bei dem Delphin
unter dem Tische füllen; hinter dem Waschbecken war etwas Hohes mit
einem feinsten weißen Tuche bedeckt.--"Was ist nur das?"--sagte Frau
Hinkel und zog das Tuch weg,--aber Alle wurden still und ernst, als
sie sahen, was es war; denn es war das Bild einer Gluckhenne auf dem
Neste sitzend mit ausgebreiteten Flügeln und über Hühnchen brütend,
die hie und da die Köpfchen hervorstreckten; Alles von Gold und
Silber, auf das natürlichste kunstreich ausgearbeitet; die Augen
waren alle von Edelsteinen und die Kämme von Rubinen!

"Ach!" sagte Frau Hinkel, "das ist wohl eine ernste Erinnerung, das
kann uns wohl demüthigen; sieh Gackeleia, da ist das Bild der Gallina,
wie sie leibte und lebte, da können wir an die betrübte Geschichte
denken!"--"Ach ja," sagte Gackeleia, und weinte. Gockel aber sprach:
"wollen wir dabei an irgend etwas denken, was uns vor Uebermuth
bewahrt, so ist das gut. Hier aber steht die goldene Henne nur als
ein altes Familienkleinod, das ich selbst zum erstenmal sehe; dort
auf meinem Waschtisch wird wohl der goldene Hahn stehen."--Da deckte
Gockel auf seinem Waschtisch das Gefäß auf, und wirklich stand das
Bild Alektryos von Gold in größter Vollkommenheit da.--Sie waren Alle
ganz erstaunt.

Gockel aber sprach weiter: "du wirst dich erinnern, Frau Hinkel, daß
in unsrer Familie ein altes Sprichwort ist, der goldne Hahn kräht
nicht mehr, die goldne Henne legt nicht mehr, um unsre Verarmung
anzudeuten. Das bezieht sich auf diese beiden unschätzbaren
Kunstwerke, die lange in dem Schatze der Kapelle zu Gockelsruh
bewahrt wurden. Als aber die Franzosen ihre angeblichen Rechte auf
alle Hahnen geltend machten, weil in dem wohl anatomirten Gehirn
jedes Hahns ihr Wappen, nämlich das Bild einer Lilie zu finden seyn
soll, haben sie sich dieses goldnen Geflügels vor allem Andern
bemeistert.--Bei seiner Vermählung mit Urhinkel von Hennegau drehte
Urgockel den Ring Salomos, und wünschte ihr das herrlichste
Toiletten-Geschenk, das Salomo selbst der Königin von Saba gegeben;
--dann drehte die Gräfin von Hennegau den Ring und wünschte dem
Urgockel das Gegengeschenk der Königin von Saba, und so standen am
Hochzeitmorgen dieser Waschtisch mit der goldnen Henne und jener dort
mit dem goldnen Hahn im Brautgemache, und von dieser Hochzeit an
wurden die goldne Henne und der goldne Hahn bei jeder Hochzeit in
Gockelsruh dem Brautpaar vorgetragen und bei der Mahlzeit aufgestellt,
bis sie verloren giengen. Jetzt wollen wir einmal sehen, wie die
Geschenke beschaffen sind, vor Allem die Probe, ob es gut Gold ist.
Sieh da unten an dem Neste die Probe in phönizischer Schrift; ich
drehe den Ring und wünsche es zu lesen, und sieh, ich kanns lesen.

"Dieses Necessaire, vorstellend das Siebengestirn als eine Gluckhenne
mit sechs Küchlein für ihre Majestät die Königin Balkis von Saba,
verfertigte auf Befehl Seiner Majestät des Königs Salomo von
Jerusalem, dessen erster Goldschmied Hieram von Tyrus, aus
24karatigem Gold von Ophir in Augsburgirter Butzbacher-Façon." Nun
sieh, welche Rarität, was mag aber Alles darin enthalten seyn?"

Nun zerlegte Gockel das ganze Huhn nach der Transchierkunst, die er
als Hühnerminister aus dem Fundament verstand; Alles bestand aus
Deckeln, Büchschen und Fächern u.s.w. Wenn man den Rücken mit den
ausgebreiteten Flügeln der Henne in die Höhe schlug, hatte man einen
aufgerichteten Handspiegel; im Innern der Henne befanden sich in
verschiedenen goldenen Kästchen mehrere Schwämme und Kämme, weite und
enge, Haarbürsten, Zahnbürsten, Ohrlöffel, Zahnstocher, Puderbüchsen
von allen Farben, Schönheitspflästerchen, Schminke aller Farben,
Nagelscheeren und Bürsten, eine Haarzange, ein Kämmchen für die
Augenbraunen, erstaunlich viele Sachen. In dem Kopf der Henne fand
man Hühneraugensalbe für den linken und rechten Fuß. Der Hals
enthielt eine Nadelbüchse voll allerlei Nadeln, auch eine
Insektenfalle. In jedem der Hühnchen, die man öffnen konnte, fand
sich eine andre wohlriechende Seife, oder Salbe, oder Essenz; das
Nest im Innern selbst war ein Näh--und Nadelkissen von tyrischem
Purpur, worauf die schönsten Muster mit goldenen Demantnadeln
abgesteckt waren. Das ganze künstliche Flechtwerk des goldenen
Nestes hieng und stack voll tausenderlei Geschmeid, Ringen, Ketten,
Spangen, Agraffen, Amuletten, Talismanen, Perlen und
Bernsteinschnüren. Aus dem Nest streckten sich vier Zweige von
gewachsenem Gold mit Lilien, weißen und rothen Rosen von Edelsteinen.
Diese Zweige bildeten Leuchter, worauf Wachskerzen standen und woran
viele Wachsstöckchen hiengen, alle von wohlriechendem Wachse gemacht,
das Erstlingsbienen beim Aufgang des Siebengestirns auf den Linden
des Hymettus und von Lilien gesammelt hatten, die schöner bekleidet
waren als Salomo selbst. Außerdem hiengen an diesen Goldzweigen
Siegelringe, kleine Kalenderchen und Notizbüchelchen von Elfenbein.
Vor der Henne kniete ein feines Kind mit Flügeln von Edelsteinen; es
hielt in der einen Hand eine Schale voll der köstlichsten
Stärkungskügelchen, in der andern eine Schale voll Balsam von Mekka,
als wolle es die Henne füttern. Das Wunderbarste aber war, daß die
Henne die Stundenzahl und die Hühnchen die Viertelstundenzahl mit
süßem Glucksen und Piepen angaben, und wenn man an einer Feder zog,
so sang eine im Innern befindliche Orgel die Melodie des höchsten
Liedes, das Salomo je gedichtet.

Frau Hinkel wußte sich gar keinen Rath über allen diesen Wundern und
schaute sich weiter bei dem Waschtische um, da sah sie in das Gitter
des Rosenschirms mehrere Engelchen geflochten; einige reichten Körbe
mit Rosenblättern, Orangenblüthen und Mandelkleie herein, andre boten
lange weiche Tücher von weißer oder purpurfarbiger indischer Leinwand
oder Wolle dar.--"Ach," sagte Frau Hinkel, "allen Respekt vor der
Frau Königin Balkis, aber sie muß viele Zeit und wenige Schönheit
gehabt haben, wenn sie Alles das gebraucht hat, sich zu waschen; ich
werde es nie gebrauchen."--"Da hast du wieder Recht," sagte Gockel,
"es ist auch nur ein Schau--und Familienstück, du wirst schon ein
andres Waschtischchen mit allem Nöthigen finden; ich aber will meinen
goldenen salomonischen Alektryo gleich gebrauchen, denn ich sehe, er
enthält nichts außer Stiefelzieher und Stiefelhacken, Schuh-,
Kleider--und Zahnbürste, Kamm und Scheere, nicht viel mehr, als ein
veritables englisches Rasirzeug, das habe ich mir lange gewünscht,"
und somit fing er gleich an und pinselte sich den Bart mit
Seifenschaum ein.

Gackeleia gieng auch nach ihrem Waschtischchen, aber es wollte ihr
nicht recht gefallen, denn es stand ein goldnes Kätzchen darauf, das
ein silbernes Hühnchen im Maul hatte. Sie wollte schon wieder
anfangen zu weinen, aber Frau Hinkel sagte zu ihr: "komm Gackeleia,
damit wir den Vater beim Rasiren nicht stören, er ist es lange nicht
mehr gewohnt, er könnte sich schneiden.--Wir wollen in die
Kleiderkammer gehen und uns unter das Bäumchen stellen und sagen:

Bäumchen rüttel dich und schüttel dich,
Schüttle schöne Kleider über mich!"

Da verließ Gackeleia sehr erfreut die Stube mit ihr, und bald traten
sie in schönen Morgenkleidern von schneeweißem Piqué mit leichter
Goldstickerei wieder herein.

Nun war die Sonne aufgegangen und der Nachtwächter war auf den Markt
gekommen und hatte das Wunder-Schloß Gockels, das wie ein Pilz in der
Nacht hervorgewachsen, kaum erblickt, als er ein ungemeines Geschrei
erhob:

"Hört ihr Herrn und laßt euch sagen,
Die Glocke hat vier Uhr geschlagen,
Aber das ist noch gar nicht viel
Gegen ein Schloß, das vom Himmel fiel;
Da steht's vor mir ganz lang und breit,
Wir leben in wunderbarer Zeit,
Ich schau es an, es kömmt mir vor,
Wie der alten Kuh das neue Thor.
Wacht auf ihr Herrn und werdet munter,
Schaut an das Wunder über Wunder,
Und wahrt das Feuer und das Licht,
Daß dieser Stadt kein Leid geschiecht
Und lobet Gott den Herren!"

Da wachten die Bürger rings am Markte auf, die Bäcker und die
Fleischer rieben sich die Augen und rissen die Mäuler sperrangelweit
auf und streckten die Köpfe mit sammt den Nachtmützen zum Fenster
heraus und schauten das Schloß mit großem Spektakel der Verwunderung
an.--Gockel, Hinkel und Gackeleia standen am Fenster und guckten
hinter dem Vorhang Allem zu. Endlich schrie ein dicker Fleischer:
"da ist da, das Schloß kann Keiner wegdisputiren; aber, ob Leute
darin sind, die Fleisch essen, das möcht ich wissen."

"Ja, und Brod und Semmeln und Eierwecken," fuhr ein staubiger,
untersetzter Bäckermeister fort. Da gieng aber auf einmal die
Schloßthüre auf, und es trat ein großer, bärtiger Thürsteher heraus
mit einem großen Kragen, wie ein Wagenrad, und einem breiten,
silberbordirten Bandelier über der Brust und weiten gepufften Hosen
und einem Federhut, wie ein alter Schweizer gekleidet; er trug einen
langen Stock, woran ein silberner Knopf war, wie ein Kürbis so groß,
und auf diesem ein großer silberner Hahn mit ausgebreiteten Flügeln.
Die versammelten Leute fuhren alle auseinander, als er mit ernster
drohender Miene ganz breitbeinig auf sie zuschritt; sie meinten, er
sey ein Gespenst. Auch Gockel und Hinkel oben am Fenster waren sehr
über ihn verwundert und öffneten das Fenster ein wenig, um zu hören,
was er sagte. Er sprach aber: "hört einmal ihr lieben Bürger von
Gelnhausen, es ist sehr unartig, daß ihr hier bei Anbruch des Tages
einen so abscheulichen Lärm vor dem Schloße Seiner Hoheit des
hochgebornen Raugrafen Gockel von Hanau, Hennegau und Henneberg,
Erbherrn auf Hühnerbein und Katzenellenbogen macht, Seine
hochgräflichen Gnaden werden es sehr ungern vernehmen, so ihr Sie
also frühe in der Ruhe störet, und wünsche sich das nicht wieder zu
erleben, das laßt euch gesagt seyn."--"Mit Gunst" sagte da der
Fleischer und zog seine Mütze höflich ab, "wenn erlaubt ist zu fragen,
wird dieß Schloß, das über Nacht wie ein Pilz aus der Erde gewachsen
ist, von dem ehemaligen hiesigen Hühnerminister bewohnt?"
"Allerdings," erwiederte der Schweizer, "es ist bewohnt von ihm und
seiner Gräflichen Gemahlin Hinkel und Hochdero Töchterlein Gackeleia,
außerdem von zwei Kammerdienern, zwei Kammerfrauen, vier Bedienten,
vier Stubenmädchen, zwei Jägern, zwei Laufern, zwei Kammerriesen,
zwei Kammerzwergen, zwei Thürstehern, wovon ich einer zu seyn mir
schmeicheln kann, zwei Leibkutschern, sechs Stallknechten, zwei
Köchen, sechs Küchenjungen, zwei Gärtnern, sechs Gärtnerburschen,
einem Haushofmeister, einer Haushofmeisterin, einem Kapaunenstopfer,
einem Hühnerhofmeister, einem Fasanenmeister und noch allerlei
anderem Gesinde, welche alle zusammen hundert Pfund Kalbfleisch,
fünfzig Pfund Hammelfleisch, fünfzig Pfund Schweinfleisch, sechszig
Würste und dergleichen essen."--"Ach", schrie da der Metzger und
kniete beinahe vor dem Schweizer nieder, "ich recommandire mich
beßtens als Hochgräflicher Hofmetzger." Und der Bäcker zupfte den
Schweizer am Aermel mit den Worten: "Seine Hochgräflichen Gnaden
nebst Familie werden doch das viele Fleisch nicht so ohne Brod in den
nüchternen Magen hineinfressen; das könnte ihnen unmöglich gesund
seyn." "Ei behüte," sagte der Schweizer, "Sie brauchen täglich
dreißig große Weißbrode, hundert fünfzig Semmeln, hundert Eierwecken,
hundert Bubenschenkel und zweihundert und sechs und neunzig Zwiebacke
zum Kaffee"--"O so empfehle ich mich beßtens zum Hochgräflichen
Hofbäcker", rief der Bäckermeister. "Wir wollen sehen", sprach der
Schweizer, "wer heute gleich das beßte liefern wird, kömmt ans Brett."
Da stürzten alle die Bäcker und Fleischer nach ihren Buden und
hackten und kneteten und rollten und glasirten die Eierwecken und
rissen die Läden auf und stellten Alles hinaus, daß es eine Pracht
war; und so gieng es nun auf allen Seiten von Gelnhausen; alle Krämer
und alle Krauthändler kamen, sahen, staunten und wurden berichtet und
waren voll Freude, daß sie so viel Geld verdienen sollten.

Gockel und Hinkel und Gackeleia aber liefen im Schloß herum und sahen
Alles an; alle die Dienerschaft setzte sich in Bewegung; man kleidete
sich an, man wurde frisirt, man putzte Stiefel und Schuh, man klopfte
Kleider aus, tränkte die Pferde, fütterte Hühner, frühstückte; es war
ein Leben und Weben wie in dem größten Schloß. Die Bürgerschaft, um
ihre Freude zu bezeigen, kam mit fliegenden Fahnen gezogen, jede
Zunft mit dem Bild ihres Schutzpatronen auf der Fahne und schöner
Musik; sie standen Alle vor dem Schloße, feuerten ihre rostigen
Flinten in die Luft und schrieen: "Vivat der Herr Graf Gockel von
Hanau! Vivat die Gräfin Hinkel und die Comtesse Gackeleia! Vivat
hoch! und abermal hoch!"--Gockel und Hinkel und Gackeleia standen auf
dem Balkon am Fenster und warfen Geld unter das Volk. Gockel warf
den Männern hundert Stück neue Gockeld'ors, Hinkel den Frauen hundert
Stück neue Hinkeld'ors, worunter auch eine große Anzahl Basler
Hennenthaler, und Gackeleia den Kindern hundert Stück neue
Gackeleid'ors aus. Sie riefen dabei immer: "theilt untereinander aus,
laßt wechseln, Einer gebe dem Andern heraus!" Weil aber damals der
Cours in Gelnhausen sehr hoch stand und das Gold sehr gesucht und man
mit Scheidemünze und Stübern und mit Waaren, z. B. Nüssen, Feigen,
Schellen und Kappen wohl assortirt war, so ward der Wechsel--und
Tauschhandel sehr lebhaft auf dem Markt. Je mehr das Gold fiel,
desto höher stieg es; der Platz ward mit ausgetheilten, gewechselten,
ausgetauschten, vollwichtigen Nasenstübern, Kopfnüssen, Ohrfeigen,
Maulschellen und gestochenen Kappen überschwemmt und Alles mußte
losschlagen, weil Viele ganz unverzeihlich mit diesen Artikeln
schleuderten. Man hat auch unter der Hand vertrauliche Informationen
eingezogen, daß damals das Haus: "Gebrüder Vatermörder", welches
später die Frankfurter Messe in Wachs poussirt bezog, den ersten
Grund zu seinem Renommee gelegt habe.--Als man sich nun bereits bei
den Haaren um das Gold riß, so daß Keiner mit einem blauen Auge davon
kam, der nicht Haare gelassen hatte, drehte Gockel den Ring Salomonis
und mit ihm den Kellermeister nebst einem Stück Faß Wein aus dem
Keller, und es ward eingeschenkt, jedem der trinken wollte und ein
Gefäß bei sich hatte. Da liefen sie auseinander nach Haus und holten
Eimer und Kübel und Züber und Schöpfkellen und Kessel und Krüge und
was sie fanden, und tranken, da der Goldregen aufgehört, Gockels
Gesundheit am Weinfaß.

Pages:
1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11 | 12 | 13 | 14 | 15
Copyright (c) 2007. knowncrafts.net. All rights reserved.