Book: Gockel, Hinkel und Gackeleia
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Clemens Brentano >> Gockel, Hinkel und Gackeleia
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"Comteßchen", sagte er, "ich halte das Mitleid nicht länger aus, mir
wird wie der große Dichter in der Poesie sagt:
Liebes Kind! was soll mir das?
Wein' nicht so, du wirst ganz naß,
Ich muß lachend dir gestehen,
Gleich werd' ich dich trocken sehn."
"Comteßchen, wischen Sie sich die Augen, putzen Sie sich die Augen,
putzen Sie sich das Näschen an die Schürze, aber an der innern Seite,
damit man's nicht sieht; Heimlichkeit, Verborgenheit sitzt ganz still
und kömmt doch weit. Jetzt geben Sie acht: verbietet uns der Herr
Doctor das Bier, so trinken wir Gerstensaft, die Aepfel, essen wir
süße Pomeranzen, das Brod, essen wir Kuchen--verstehen Sie Comteßchen,
jed Ding will sein Sach haben, man muß dem Beil einen Stiel suchen
und dem Kind ein Püppchen."-"Ach! ich darf aber keine haben",
jammerte Gackeleia, "gewiß, gewiß, ich darf keine Puppe haben"!--"Ganz
gut", sagte der Alte, "bei Leibe nicht! Gehorsam muß seyn, aber
können das Comteßchen lesen? schauen Sie da oben auf die Inschrift
über meinem chinesischen Sonnenschirm, was steht da geschrieben? denn
man muß immer sehen, was geschrieben steht." Da fieng Gackeleia an
zu buchstabiren: k. e. i. kei, n. e. ne keine u.s.w.--keine Puppe,
sondern nur eine schöne Kunstfigur--und sie guckte den Mann und dann
wieder die Puppe in seinem Gürtel mit großen Augen an und sprach:
"wie, das wäre keine Puppe? keine Puppe?"
Nun nahm der Alte die Puppe aus seinem Gürtel in seine Hand und sagte:
"Mit Verstand sind wir erschaffen,
Menschen haben nicht, wie Affen,
Alles nur gleich nachzumachen;
Zu begründen sind die Sachen.
Und so werd' ich auch beweisen,
Daß dies nicht kann Puppe heißen,
Daß Comteßchen ohne List
Sie darf haben, denn es ist
Keine Puppe, sondern nur
Eine schöne Kunstfigur
Nach der Schnur und nach der Uhr,
Und ein Mäuschen von Natur.
Eine Puppe steht ganz starr,
Aber hier der liebe Narr,
Hat da an dem Kettchen fein
Zu der Uhr ein Schlüßelein.
Ich zieh' auf--horch--knirr, knirr, knirr!
Sieh', schon geht sie in's Geschirr!
Wackelt mit dem klugen Köpfchen,
Schüttelt ihre Seidenzöpfchen,
Regt die Aermchen hin und her,
Bis die Stund vorüber wär'.
Alles, Alles nach der Schnur,
Alles, Alles nach der Uhr
Thut kein Püppchen, sondern nur
Eine schöne Kunstfigur."
"Ja", sagte Gackeleia, "das ist einmal richtig, keine Puppe, sondern
nur eine schöne Kunstfigur"; und der Alte fuhr fort:
"Eine Puppe kann nicht laufen,
Man muß stäts herum sie schleppen,
Diese rennt auf Flur und Treppen
Jede Puppe über'n Haufen.
Eine Puppe kann nicht hören,
Diese hier ist leicht zu stören,
Niemand hört sie, doch sie hört,
Wenn ein Blumenblatt sich kehrt,
Wenn ein Holzwurm leise pickt,
Das Figürchen um sich blickt,
Spitzt die Oehrchen und erschrickt;
Und wenn gar die Katze maut,
Schaudert ihr die zarte Haut,
Bang ist ihr, es könnt' die Katze
Halten sie für eine Ratze,
Und sie hielt' mit einem Satze
Sie in ihrer scharfen Tatze;
Und gleich sucht sie eine Ecke,
Daß sie sich darin verstecke.
Keine Puppe, so thut nur
Eine schöne Kunstfigur,
Die trotz Uhr und die trotz Schnur
Ist ein Mäuschen von Natur;
Darum bitt' ich um die Güte,
Daß man sie vor Katzen hüte."
Da sprach Gackeleia:
"Ach ich hüt' mich schon davor,
Vater schrieb mir's hinter's Ohr!"
Der Alte fuhr fort:
"Eine Puppe kann nicht essen,
Die Figur hat's nie vergessen,
Ißt zu der bestimmten Stund'
immer sich hübsch satt und rund;
Braungebackne Semmelrinde
Knuppert sie gern ab geschwinde,
Könnte auch nach ihrem Magen
Speck und Schinken wohl vertragen,
Was sie aber niemals that,
Denn sie ist zu delikat,
Daß des Morgenlands Gesetze
Sie durch solche Kost verletze,
Drum lass' ich steinharten Kuchen
Sie belohnend oft versuchen.
Andern gönnt sie stäts das Beste,
Und sich selbst läßt sie die Reste,
Was so übrig ist geblieben,
Ganz demüthiglich belieben.
Zuseh'n läßt sie sich nicht gerne,
Wenn sie ißt, sonst wär's gar leicht,
Daß man menschlich essen lerne
Und nicht mehr den Thieren gleicht.--
Ja ich zweifle, ob Comtessen
Jemals zierlicher gegessen."
Bei diesen Worten des Alten hob Gackeleia ihr Köpfchen mit einigem
Selbstgefühl in die Höhe, denn sie wußte wohl, daß sie eine Comtesse
sey, und daß sie sehr anständig nach den Tischregeln zu essen gelernt
hatte; ja sie bildete sich etwas darauf ein; daher sprach sie zu dem
Alten etwas in verweisendem Tone:
"Wie Comtessen essen, weiß ich,
Denn ich übe mich gar fleißig.
Die Erzmundwischmeisterin,
Comteß Torschon de Popin,
Lehrte mich, wie stäts bei Tische
Jeder anders, ländlich, sittlich,
Appe--und unappetitlich,
Standsgemäß das Maul sich wische.
Denk', die große Lektion
Vom Maulwischrecht kann ich schon;
Als ich mit Gefühlsbetonung
Sie bei Hof hab' deklamirt,
Wischt' die Königin, gerührt,
Mir das Mäulchen zur Belohnung."
Dann wendete sich Gackeleia gegen die Puppe und erzählte ihr, was ihr
vom anständigen Betragen bei Tisch gelehrt worden war:
"Hör'--nicht Puppe, sondern nur
Allerschönste Kunstfigur
Nach der Uhr und nach der Schnur
Und du Mäuschen von Natur!
Hör', was sittlich und dezent
Nach dem Tischzuchtreglement,
Alles, Alles sag ich dir.
Meine Meist'rin sprach zu mir:
"Alle Prinzen und Prinzessen,
Alle Grafen und Comtessen,
Alle Junker, alle Fräulchen
Wischen sich so Mund als Mäulchen,
Dupse-Däumchen, Fingerlein
An der Serviette rein.
O Comtesse, nie vergesse,
Wie ein Kind von deinem Adel
Mit Delikatesse esse--
Gackeleia ohne Tadel!
Schluck' nicht große Brocken ein,
Spuck' hübsch aus die Pflaumenstein';
Alles esse mit Manier,
Ohne Trägheit, ohne Gier,
Doch mit angeborner Zier;
Prüfe, ordne jeden Bissen
Recht mit zartestem Gewissen,
Ja mit feinem Skrupel schier.
Schiebe mit der Gabelspitze
Zierlich Alles, was nichts nütze,
Nicht an Reinheit ebenbürtig,
Nicht an Feinheit speisewürdig,
Daß du's über's Herzchen bringst
Und in's Mägelchen verschlingst,
Zähe Adern, harte Flechsen,
Harte Fasern von Gewächsen,
Schiebe solche Dingerchen
Leis auf deines Tellers Rand,
Heb' das kleine Fingerchen
Fein dabei an rechter Hand,
O, das steht dir ganz scharmant!
Niemals hör' ein Mensch dich schmatzen
Wie die Teller-Lecker-Katzen,
Die unehrbar unter'm Tisch
Hörbar fressen Fleisch und Fisch.
Nein, mit stäts geschloss'nen Lippen
Mußt du knuppern, und bei'm Trinken
Läßt du sanft die Aeuglein sinken,
Mußt du wie ein Vöglein nippen.
Wie man leckt und schmeckt und kaut,
Werde nie durch einen Laut
Irgendjemand anvertraut,
Eben so, wie man verdaut--
Alles still, gleich wie es thaut.
Gar Nichts lass' zu Grunde geh'n,
Was nicht soll zum Munde geh'n,
Jedes Krümchen noch so klein,
Streue aus den Vögelein!"
Gackeleia hatte ihre Lektion hergesagt und erwartete eine Antwort von
der Puppe, indem sie fortfuhr:
"Wie ich esse sagt' ich dir,
Wie du ißt, auch sage mir,
O! du Puppe, o du nur
Eine schöne Kunstfigur
Nach der Uhr und nach der Schnur
Und ein Mäuschen von Natur!"
So plauderte Gackeleia mit der Puppe, welche mit Kopf und Aermchen in
der Hand des Alten wackelte. Der Alte aber sagte: "Comtesse
Gackeleia, sie wird es Ihnen nicht sagen, Sie sollen sie auch nicht
fragen, ich habe es nie gewagt; es giebt Geheimnisse im
kunstfigürlichen Herzen, es ist gefährlich da eindringen zu wollen
nach den Worten des großen Abulfeda:
"In's Inn're der Natur dringt kein erschaffner Geist,
Zu glücklich, wem sie nur die äußre Schaale weis't.
Zum Kern der Kunstfigur, zu wissen wie sie speis't,
Dringt jener Frevler nur, den in die Nas' sie beißt."
"Sehen kann man es nicht, aber hören sollen Sie es gleich!"-"Hören?"
sagte Gackeleia, "sie schmatzt doch nicht, das wäre nicht artig!
"--"Geduld," sagte der Alte, "geben mir das Comteßchen ihr Körbchen,
haben Sie nichts zu naschen?"--"O ja", sagte Gackeleia, "da sind
Knackmandeln von Jungfer Widder, der Schuljungfer, sie hat sie nach
ihrem Bräutigam geworfen, und Prinz Kronovus hat sie aufgelesen und
mir geschenkt."-"Herrlich," sagte der Alte, "aber eine ist genug,"
und er that die Figur in den Korb und die Knackmandel dazu und den
Deckel darüber, und nun stellte er den Korb dicht ans Gartengitter
und sagte: "Jetzt horchen Sie, wie die Kunstfigur krustilliret.
"-Gackeleia hielt das Ohr an den Korb und hörte die Kunstfigur bald
so artig mit den Zähnchen knuppern, daß sie freudig ausrief:
"Knupper, Knupper Kneischen,
Du knupperst ja im Häuschen,
O du schöne Kunstfigur!
Wie ein Mäuschen von Natur."
Dann nahm der Alte die Kunstfigur wieder heraus, zog das Uhrwerk auf
und sagte: "Jetzt wird ihr zur Verdauung ein Spaziergang gesund seyn,
sonst schläft sie uns ein:
Denn nach Tische soll man stehn,
Oder tausend Schritte gehn,
Sagt der würdige Galen."
Die Puppe aber wackelte mit Kopf und Händchen und da er sie an den
Boden setzte, lief sie gar geschäftig am Gartengitter hin und her,
nickte und winkte und stieß manchmal ans Gitter, weil sie durch
wollte in den Garten, aber nicht konnte, denn die Oeffnungen waren
nicht groß genug.
Gackeleia außer sich vor Freude rief. "ach sie winkt mir, sie winkt
mir, sie möchte zu mir in den Garten--ach lieber alter Mann sage mir
geschwind, was ich dir zu Gefallen thun soll, daß du mir die
Kunstfigur giebst!"--Da steckte der Mann die Kunstfigur wieder in
seinen Gürtel und sprach: "O Comteßchen! es ist nur eine Miniatur von
einer Kleinigkeit von einer Bagatelle; ach! ich bin ein armer,
betrübter, verlassener Mann, ich habe nicht Vater nicht Mutter, nicht
Schwester nicht Bruder, nicht Kind nicht Rind, nicht Kuh und nicht
Kalb, nicht ganz und nicht halb, mir fehlet Alles, was man nicht
begehren darf, seines Nächsten Weib, Knecht, Magd, Ochs, Esel und
Alles, was sein ist, ach! ich habe selbst keine Puppe, sondern nur
diese schöne Kunstfigur nach der Uhr und nach der Schnur und ein
Mäuschen von Natur; aber mein Kummer ist so groß, daß auch sie mich
nicht trösten kann. Doch Sie können es, o Exzellenzchen, daß ich
lustig werde wie ein Lämmerschwänzchen."
Nach diesen Worten fieng der wunderliche Alte so zu weinen und zu
wimmern an, daß Gackeleia mit Thränen in den Augen zu ihm sprach:
"ach weine nur nicht so, du armer Mann! ich will dir ja Alles thun,
was dich trösten kann, wenn du mir die schöne Kunstfigur giebst; sage
mir doch um Gotteswillen, was dich trösten kann."--Da erwiederte der
Alte:
"Dein Vater hat ein Ringelein
Mit einem grünen Edelstein,
Der hat gar einen schönen Schein,
Laß mich nur einmal sehn hinein,
So werd ich gleich durch Mark und Bein
Froh wie ein Lämmerschwänzchen seyn,
Dann soll das Kunstfigürchen fein
Zu dir ins Gärtchen gleich hinein;
Es bleibt mit allen Kleidern sein
O lieb Comteßchen! immer dein,
Damit die Gackeleia klein
Nicht so allein, allein, allein!"
"Ei!" sagte Gackeleia",den Ring kenne ich wohl, er hat auch mich
manchmal schon fröhlich gemacht, wenn ich ihn ansehen durfte. Gehe
nur ein bischen weg, gleich wird mein Vater in einer nahen Laube sein
Mittagsschläfchen halten, da will ich den Ring schon auf ein Weilchen
kriegen. Aber, daß du mir gleich wieder da bist, wenn ich den Ring
bringe."
"Ganz gewiß", sagte der Alte, "ich will Ihnen die Kleider der
Kunstfigur als ein Pfand gleich hier lassen, Sie können sie alle
hübsch glatt streichen und in ihr Körbchen legen, sie sind an dem
Schirm ein bischen aus der Façon gekommen." Da gab er ihr die
Kleider und Kleinigkeiten, die er von dem Schirme ablöste, und
verließ dann mit der Kunstfigur die kleine Gackeleia, die ihm immer
nachrief "aber daß du nur auch ganz gewiß kömmst, der Ring soll dich
recht anlachen!" "Ja, ja ganz gewiß", rief der Alte und verschwand
hinter den Hecken. Gackeleia aber setzte sich in ihre Laube,
musterte und ordnete alle Kleider der Puppe, und dachte schon, wie
die kleine Gärtnerin bei ihr zwischen den Blumenbeeten herumlaufen
würde, und konnte sich zum Voraus vor Freude gar nicht fassen.
Aber schnell bewahrte sie die Kleider in ihrem Korb, da sie den Vater
Gockel auf seinem Stuhle in der Laube schnarchen hörte. Sie schlich
hin, setzte sich zu seinen Füßen, hatte seine Hand in der ihrigen und
sah in den grünen Stein des Ringes. Als sie nun den Stein berührte
und vor sich sagte: "ach wenn ich den Ring nur leise von seinem
Finger herunter hätte!" da that der Ring seine Wirkung. Gockel
schlief fest und schnarchte, und der Ring fiel in das Händchen der
Gackeleia, welche geschwind wie der Wind nach ihrem Gärtchen lief, wo
der alte Mann vor Begierde nach dem Ring sein mageres Gesicht mit dem
Barte schon wie ein alter Ziegenbock über das Gitter herüber streckte.
Gackeleia hielt ihm den Ring entgegen und sprach: "die Kunstfigur
her! die Kunstfigur her! sieh hier ist der Ring; aber ich gebe ihn
nicht, bis du mir erkläret hast, wie man die Figur aufzieht und wie
ich sonst mit ihr umgehen muß, damit sie mir nicht krank wird, und
bis ich sie in den Händen habe, dann kannst du geschwind in den Ring
gucken, denn ich muß ihn schnell in die Laube zurück bringen, ehe der
Vater aufwacht."
Der Alte, der nach dem Ring noch gieriger hin sah, als das Kind nach
der Puppe, nahm diese, steckte ihr das Schlüßelchen, welches sie
anhängen hatte, in das Ohr und sagte: "Comteßchen! links müssen Sie
leise drehen, bis Sie Widerstand fühlen, sonst könnte die Figur
überschnappen. Sie müssen sich nicht wundern, daß man die Kunstfigur
durch das Ohr aufzieht, man zieht ja auch die Kinder auf durch das
Gehör. Man schraubt auch die Jugend auf und verschraubt sie eben so
leicht, daß kein Uhrmacher mehr helfen kann, nur knarrt es ein
bischen mehr bei der Kunstfigur. Aber ich hoffe, die Comtesse werden
ihr dieses wegen anderer trefflicher Eigenschaften zu Gute halten.
Wenn ich nun aufgezogen, knirr, knirr, knirr, nickt sie ein Weilchen
gar lieblich mit dem Kopf und winkt mit den Händchen, ja läuft auch
auf ebenem Boden, weil aber Berg und Thal zusammen kommen, so wird
ihr das Laufen beschwerlich, und muß darum die Natur der Kunst zu
Hülfe kommen, wie umgekehrt bei Menschen die Kunst der Natur oft
nachhelfen muß. Was nun die Kunst dieser Figur betrifft, so lassen
ihr die Comtesse, so sie harthörig würde, manchmal ein Tröpfchen
Mandelöl ins andere Ohr laufen; dann geht sie wieder wie geschmiert.
Was die Natur betrifft, habe ich schon gesagt, was sie gern ißt:
braune Semmelrinde, auch hartes Zuckerbrod und Knackmandeln; ich
rathe nicht zu vielen fetten Speisen, weil sie sich leicht dadurch
ihre Garderobe beflecken könnte. Sie trinkt nicht viel, und setzt
Comteßchen ihr alle Tage ihr Fingerhütchen voll Wasser in den Korb,
ist es zum Trinken, Mundausspühlen und Waschen genug. In das
Körbchen machen Sie ihr Bettchen, Sie brauchen sie nicht schlafen zu
legen, sie legt sich von selbst. Morgens den Fingerhut und was zu
knuppern, Mittags, Abends eben so. Die Kleiderchen halten Sie hübsch
reinlich, und verbleichen sie, so lassen Sie sie färben. Hüten Sie
sie vor Ungeziefer, besonders vor Spinnen und vor Allem vor Katzen.
Ihre Stiefelchen und Tanzschuhe halten Sie besonders in Ordnung, denn
sie hält viel darauf und hat Hühneraugen; darum bitte ich, ihr nicht
auf die Füße zu treten; sie ist sehr empfindlich.--Hören Sie, um Sie
ganz zu überzeugen, daß sie keine Puppe ist, will ich Ihnen ihr
Stimmchen hören lassen." Da zwickte der Alte die Figur an der Spitze
des Füßchens, und sie piepte wie ein Mäuschen, so daß Gackeleia laut
aufschrie: "ach dem Klandestinchen nicht weh, weh thun!" der Alte
aber sagte: "nicht wahr Comteßchen, schreien kann doch
Keine Puppe, sondern nur
Eine schöne Kunstfigur
Nach der Uhr und nach der Schnur
Und ein Mäuschen von Natur."
"Gewiß", sagte Gackeleia und sprach diese Worte mit. Der Alte aber
sagte noch: "Sie müssen ihr nicht beim Essen und Trinken zusehen;
wenn sie heraus ist, lassen Sie sie ruhig laufen, aber nicht wo es
ganz offen ist, sonst läuft sie Ihnen davon." Dann gab er die Puppe
der Gackeleia, und sie gab ihm den Ring, mit dem er sich unter seinem
Mantel verbarg, wo er ihn eifrig zu betrachten schien.
Gackeleia setzte die Puppe in dem Gärtchen nieder und tanzte voll
Entzücken vor ihr her, die ihr überall artig nachschnurrte; Gackeleia
patschte freudig in die kleinen Hände, der Alte aber patschte in
seine großen Hände. "Ach!" rief ihm Gackeleia zu, "gelt, du hast
dich in dem Ring schon recht lustig geguckt? O gieb ihn geschwind,
geschwind zurück, ich höre den Vater schon in der Laube gähnen."-"O
mir ist schon ganz fröhlich", sagte der Alte, "bald werde ich noch
lustiger seyn!" Nun gab er ihr den Ring zurück und wünschte ihr mit
einem häßlichen Gelächter viel Glück zu der schönen Kunstfigur,
worauf er sich in das Gebüsch verlor.
Gackeleia hatte bereits alle Kleiderchen in ihr Körbchen gelegt, sie
legte nun die Kunstfigur oben drauf und deckte den Deckel hübsch
darüber. Das Körbchen am Arm lief sie schnell in die Laube und
setzte sich zu den Füßen Gockels, der wieder eingeschlafen war, und
leise, leise schob sie ihm den Ring wieder an den Finger. Es war ihr,
als hätte sie einen Stein von dem Herzen.
Gackeleia saß nicht so lange zu den Füßen Gockels, als man braucht,
um ein Ei zu sieden, da ertönte in der Ferne ein Oratorium von sechs
Posthörnern von der Composition des Cospetto di Bacco, und von der
berühmten Agatha Gaddi ward darin eine Fuge Solo gesungen nach den
tiefsinnigen Worten des Königlich Gelnhausenischen
General-Ober-Hofpostamts-Dichters, der, seinen Namen zu verschweigen,
aus übertriebener Bescheidenheit allzufrüh mit Tod abgegangen ist:
"Fahr', fahr', fahr' auf der Post,
Frag', frag', frag' nit, was's kost,
Spann' mir sechs Schimmel ein,
Ich will der Postknecht seyn,
Fahr', fahr', fahr' auf der Post!"
Gleich erwachte Gockel und sprach: "ei, es ist schon vorgefahren, gut,
daß du da bist Gackeleia, geschwind laß uns einsteigen, die Mutter
sitzt gewiß schon in der Alamode-Barutsche, wir sind von Eifrasius
auf die Eierburg zum Eiertanz eingeladen." "Ich habe es gewußt",
sagte Gackeleia, "ich bin schon ganz geputzt und habe Alles bei mir.
"--Da eilten sie vors Schloß, wo bereits Frau Hinkel breit in der
Barutsche saß, die mit sechs Schimmeln bespannt war, auf welchen
sechs Postillone das Oratorium bliesen. Die Signora Agatha Gaddi
gieng, die Fuge Solo singend, mit einem Teller unter den versammelten
Bäckern und Metzgern herum und nahm Heller und Pfennige ein, als sie
aber Gockel kommen sah, legte sie ein variirtes Hahnengeschrei in
ihre Partie ein, und Gockel warf ihr eine brilliantene Repetir-Uhr
mit Schnupftabackdosen von Lava besetzt, worauf der Adler des Gesangs,
den Ganymed des Gefühls zum Himmel hinreißend, in Stein gehauen war,
in die Schürze, dabei rief er: "bravissimo! da capissimo! cito
citissimo!"--hob Gackeleia in die Barutsche und sprang mit gleichen
Beinen hinter ihr drein; Alles das zugleich, und die Postillone
knallten ein Finale mit den Peitschen, und sie kamen gerade auf der
Eierburg an, als die Signora ihren Danktriller geendet, der bis zum
Pfarrthurm hinauf stieg. Wir haben es aus seinem Munde vernommen.
--Das heiße ich mir gefahren!--Bei der Eierburg waren viele Menschen
auf einer grünen Wiese versammelt, wo getanzt und gespielt wurde um
Eier; denn es war Ostern, und das große Ordensfest des
Ostereierordens. Man lief und sprang um die Wette nach aufgestellten
Eiern, man warf mit Eiern nach Eiern, man stieß mit Eiern gegen Eier,
und wessen Ei eingeknickt wurde, der hatte verloren. Die Kinder von
ganz Gelnhausen suchten Eier, welche der große königliche geheime
Oberhof-Osterhaas in versteckten Winkeln ins hohe Gras gelegt hatte;
kurz die Freude war allgemein. Bei Gockels Ankunft war das Volk in
einem weiten Kreis unter dem Baume versammelt, auf welchem die
königlichen Hofmusikanten und die Gelnhausener Stadtpfeifer einen
herrlichen Tanz aufspielten, nämlich den Eiertanz, den die königliche
Familie mit der Raugräflichen in höchsteigener Person tanzen wollte.
Auf einem köstlichen Teppich wurden hundert vergoldete Pfaueneier,
immer zehn und zehn, in Reihen gelegt. Nun trat die Königin Eilegia
zu Gockel und verband ihm die Augen mit einem seidenen Tuch, und er
that ihr dasselbe; eben so verbanden der König Eifrasius und Frau
Hinkel, und der Prinz Kronovus und Gackeleia sich die Augen und
wurden nun von den Hofmarschällen auf den Eierteppich geführt, auf
welchem sie mit den zierlichsten Schritten, Sprüngen und Wendungen
zwischen den Eiern herumtanzen mußten, ohne auch nur Eines mit den
Füßen zu berühren. Die Zuschauer sahen mit gespannter Aufmerksamkeit
ganz stille zu, und bewunderten die erstaunliche Agilität der hohen
Herrschaften.
Aber nicht weit davon in einem Gebüsche saßen ein paar alte Männer,
die hatten keine Freude an dem Tanz und guckten mit unabgewendeten
Augen nach dem Fußsteige, der aus der Stadt herlief, ob ihr Geselle,
der dritte, nicht bald komme, und ehe sie sichs versahen, stand er
mitten unter ihnen. "Hast du, hast du?" schrieen sie dem
Neuangekommenen entgegen und machten Finger so spitz wie Krallen
gegen seine festgeschlossene Faust, und er erwiederte: "Ja ich habe
glücklich den Ring durch Gackeleia's Puppensucht ertappt, ich habe
ihr einen ganz ähnlichen mit einem falschen grünen Glasstein gegeben,
welchen Gockel jetzt am Finger hat. Jetzt können wir uns an ihm
rächen, daß er uns bei dem Hahnenkauf betrogen und uns in die
Wolfsgrube hat fallen lassen, wo wir elend verhungert wären, wenn uns
die Bauern nicht herausgeholten hätten."
So sprachen die drei alten morgenländischen Petschierstecher, die
Gockel hatten anführen wollen, und die er angeführt hatte. Sie
hatten sich doch durch ihre List in den Besitz des Ringes gebracht
und wollten jetzt gleich seine Wunderkraft versuchen. Sie faßten
alle drei an den Ring und sprachen zu gleicher Zeit die Worte:
"Salomon du weiser König,
Dem die Geister unterthänig,
Mach' den Gockel wieder alt,
Zumpig, lumpig, mißgestalt,
Mach' Frau Hinkel wieder häßlich,
Zänkisch, ränkisch, griesgram, gräßlich,
Mach' die Gackeleia schmutzig,
Ruppig, stuppig, zuppig, trutzig.
Nehme ihnen Gut und Geld,
Schloß und Roß und Hof und Feld,
Jag' sie wieder Knall und Fall
In den alten Hühnerstall.
Aber uns drei Petschaftstechern,
Bau' ein Haus mit goldnen Dächern,
Mache uns zu Hofagenten,
Hoffactoren, Consulenten,
Rittern und Kommerzienräthen,
Commissären und Propheten.
Gieb uns Gold und Geld und Glanz,
Stell' uns hoch in der Finanz,
Mach' uns schön wie Davids Sohn,
Den scharmanten Absalon,
Mach' uns glücklich ganz enorm,
Orden gieb und Uniform!
Ringlein, Ringlein dreh' dich um,
Mach' es schön, wir bitten drum.
Während sie so am Ring drehten, entstand lautes Murren und Lachen und
Schimpfen unter dem versammelten Volk. "Ei, seht den alten Bettler,
die alte schmutzige Bettlerin, das schmutzige freche Kind, nein das
ist unverschämt; jagt sie fort, pratsch, pratsch, wie sie die Eier
zertreten!"--und bald ward das Geschrei und Getümmel so allgemein,
daß der König Eifrasius und die Königin Eilegia und der Prinz
Kronovus ihre Binden von den Augen rissen, und wie erstaunten sie
nicht, als sie den Raugrafen Gockel und die Frau Hinkel und Fräulein
Gackeleia, die vorher so schön und jung, und prächtig gekleidet
gewesen waren, in eine alte, häßliche, zerrissene Bettlerfamilie
verwandelt sahen, welche alle Eier auf dem köstlichen Teppich
zertreten hatten; auf ihr unwilliges Geschrei rissen nun auch diese
Unglücklichen die Binden von den Augen, und fiengen an, bitterlich zu
weinen und zu klagen über ihren verwandelten Zustand, denn sie
erkannten sich kaum mehr wieder. Gockel griff nach seinem Ring
Salomonis und drehte, aber der falsche verwechselte Ring vermochte
nichts; da sah er den Ring an und erkannte, daß er ausgetauscht war,
und schrie laut aus: "o weh mir! ich bin verloren, ich bin um den
Ring betrogen!"
Er wollte eben dem König Eifrasius zu Füßen fallen und ihm sein
Unglück klagen, aber dieser stieß ihn zurück, zog sein Schwert und
stieß einen Schwur aus, auf welchen seine Adjutanten, ihn in jedem
Falle zurückzuhalten, perennirenden Befehl hatten, damit er nicht das
Alleräußerste thue. Die Königin Eilegia war so entsetzt, daß sie
unter Glucksen und Schluchsen in Nerven-Zuund Umstände und in die
Arme der Ober--und Unter-Eiermarschallin ohnmächtig sank. Gockel und
Hinkel welche diese Erscheinungen theils aus früherer Erfahrung,
theils aus den Annalen der leidenden Menschheit kannten, nahmen die
Beine auf die Schultern und liefen davon, um so mehr und schneller
aber, als die Mitglieder der k. Hofkapelle erstaunliche Leistungen,
mit Eiern nach ihnen werfend, gegen sie zu Stande brachten, worin sie
von der hochlöblichen Gelnhausener bürgerlichen
Scharfschützen-Compagnie patriotisch unterstützt wurden, nachdem der
wachsame Stadthürmer zu Hülfe geblasen hatte.
Das hoffnungsvolle Prinzchen Kronovus allein statuirte abermals ein
Exempel seines standhaften Charakters. Als Gackeleia die Eltern alt,
häßlich und verlumpt fliehen und sich selbst schmutzig und zerrißen
sah, schrie sie weinend: "ach Kronovus, ach wie bin ich so schmutzig
und wa wa geworden! wer hat mich so schmutzig gemacht?" da reichte
mit schöner Fassung ihr Kronovus sein Schnupftuch mit den Worten: "da
Gackeleia wische dich schön ab und putze dir die Nase tüchtig, so--so,
das ist brav, da hast du auch dein Körbchen, ich hab dirs beim
Tanzen aufgehoben."--dann warf er ihr noch einen Thaler in die
Schürze--"da hast du mein Taschengeld. Samstag Abends hinten am
Entenpfuhl, wo die Vergißmeinnicht stehen, sollst du immer ein Ei
finden, worauf Vivat Gackeleia steht, und worin mein Taschengeld
steckt, das hole dir!"--dann zog er eine Bretzel hervor und sagte:
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