Book: Gockel, Hinkel und Gackeleia
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Clemens Brentano >> Gockel, Hinkel und Gackeleia
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"ziehe!"--da zogen sie, und jedes riß ein Stück davon;--und einen
Bubenschenkel und sprach: "reiße!" und jedes riß die Hälfte davon;
dann sprach er: "jedes von uns bewahre seinen Theil, und wenn wir uns
wieder sehen und jeder bringt seinen Theil wieder, und die Stücke
passen noch hübsch zusammen, dann sind wir recht brave, treue
Spielkameraden gewesen, und ich schwöre dir, wie du mir, bei dem Grab
des alten Urgockels, von dem du mir erzählet hast, daß wir dann immer
beisammen bleiben wollen!"--da hoben sie beide die Hände auf und
schworen.--Gackeleia weinte in dem feierlichen Momente und wollte
Kronovus umarmen, da rief Gockel: "Gackeleia tummle dich geschwind,
der Bettelvogt kömmt!"--worauf Kronovus diesem zurief: "halte er sich
zurück, Meister Schelm, ich werde das Comteßchen selbst fortführen";
in demselben Augenblicke kam aber ein Adjutant des Eifrasius,
forderte dem Prinzchen seinen Degen ab und führte ihn fort in das
königliche Oberhof-Ofenloch. Kronovus aber sagte vorher noch dem
Bettelvogt: "daß er sich nicht untersteht, meine liebe Spielkamerädin,
das Comteßchen anzurühren!" reichte ihr die Hand und sprach: "leide
geduldig, aber jetzt laufe, was du kannst!" da lief Gackeleia, was
giebst du, was hast du? ihren Eltern mit ihrem Körbchen nach, und der
Bettelvogt begleitete die unglückliche Familie, mehr um sie mit
seinem ausgespannten Regenschirm gegen den Regen von Eiern zu
schützen, welchen die unartigen Gassenbuben auf sie schleuderten, als
daß er sie fortgetrieben hätte. Auf dem Eiercirkus war große
Verwirrung eingetreten; der König Eifrasius war allzusehr außer sich,
die Königin Eilegia allzusehr inner sich gekommen. Eifrasius hatte
sein Schwert gezogen, er wollte dem Gockel ans Leben, er strampelte
mit allen vier Füßen, da er aber den allerhöchsten Familienschwur
ausstieß: "in Kraft sechzig destillirter Eierschnäpse, ich fresse den
Kerl auf einem Butterbrod!" so faßten ihn der Kommandant der
Leibgarde unter den Armen und der Obrist des Garde-Zwergen-Korps
hielt ihm ein Bein fest, bis die erste Courage beruhiget und die
Außersichkeit wieder nach Haus gekommen war. Die Königin Eilegia
forderte noch größere Anstrengung, um sie aus ihrer Innerlichkeit
wieder ans Tageslicht zu bringen; sie war in sich selbst, wie in
einen tiefen Ziehbrunnen, vor Schrecken hinabgestürzt. Die Nerven,
an welchen bekanntlich der goldene Eimer hängt, in dem die Seele des
Menschen sitzt, waren bei Eilegia von so großer Zartheit und Feinheit,
daß sie vor Schrecken zerrissen und die hehre Seele mit sammt dem
goldenen Eimer tief, tief, tief in ihr schönes Gemüth hinunter
plumps'te. Eilegia war unter einem lauten Schrei: "horreur! welche
Bettelbagage!" der Oberhof-Eiermarschallin ohnmächtig in die Arme
gesunken. Nur den vereinten Anstrengungen der Akademie der
Rettungswissenschaften für Verunglückte, welche sogleich eine
außerordentliche Sitzung hielt, gelang es, die theure Innige wieder
zurückzurufen; die geheime Kammer-Schnürdame schnürte sie auf, um
ihrem hehren Gemüthe mehr Luft zu geben; der so ganz fürs Vaterland
glühende Oberhof-Osterhaas legte sinnig in kürzester Bälde ein
frisches Osterei mit der Inschrift: "Vivat Eilegia!", mit welchem die
Ohnmächtige angestrichen ward; und der für das Beßte der leidenden
Menschheit immer auf dem Sprung stehende Leibchirurg und
Aderlaßschnepper rief die Seele der edeln, sinnigen, innigen Eilegia
durch eine, mit eben so viel Geschmack, als Wirkung, mit eben so viel
Grazie als Präzision geleistete Blutentlassung wieder aus der innern
Tiefe ihres herrlichen Gemüthes auf ihr edles Antlitz zurück--ach!
--und ihr erstes schönes Thun war, ihre geliebten Gelnhausener
anzulächeln. Die Hofkapelle spielte eine patriotische Dankgallopade,
unter welcher Eifrasius und Eilegia in zwei Portchaisen sitzend in
die Eierburg zurückwalzten, um sich ganz zu erholen; Prinz Kronovus
aber mußte die Nacht im Oberhof-Ofenloch bei Bisquit-Torte und süßem
Wein einen strengen Arrest aushalten.
Alles Volk zog nach Gelnhausen lärmend zurück, um Gockels Palast zu
plündern und dem Boden gleich zu machen, aber sie kehrten unterwegs
so oft in den Wirthshäusern ein, daß sie erst in tiefer Nacht auf dem
Markte ankamen, wo ihnen der Nachtwächter entgegen sang:
"Hört ihr Herrn und laßt euch sagen,
Die Glocke hat zwölf Uhr geschlagen,
Aber das ist noch gar nicht viel
Gegen ein Schloß, das in Staub zerfiel;
Hier hat's gestanden lang und breit,
Wir leben in wunderbarer Zeit;
Der Markt ist leer als wie zuvor,
Die Kuh steht wieder vor dem alten Thor,
Schaut an ihr Herren dieses Wunder
Gieng schnell, wie es entstanden, unter;
Bewahrt das Feuer und das Licht,
Daß nicht der Stadt selbst Unglück g'schiecht,
Und lobet Gott den Herrn."
Wirklich war auch das herrliche Schloß Gockels und alle seine Gärten
und Alles, was darin war, mit Mann und Maus verschwunden; auf dem
Markte plätscherte der alte Stadtbrunnen, als wenn er gar nichts
wüßte. Die guten Bürger giengen nach Hause, nachdem sie lange in die
leere Luft geschaut hatten, und überlegten, wo sie mit allen ihren
Semmeln und Braten hin sollten, da der große Hofstaat Gockels nicht
mehr bei ihnen einkaufen würde.--Die guten Gelnhausener konnten aber
doch nicht viel schlafen, denn der Bürgermeister hatte von der
Eierburg bis auf das Rathhaus eine lange Reihe von Nachtwächtern
aufgestellt, welche sich einander zubliesen, wie Eifrasius und
Eilegia sich befänden, was der Leibarzt alle Viertelstunden auf der
Schloßwache melden ließ, und was die Nachtswächter sich in der ganzen
Stadt wieder zuflüsterten, wozu die unzähligen Metzgerhunde bellten
und heulten und alle Hähne krähten. Es war eine beispiellos
angestrengte, theilnahmvolle, schlaflose, patriotische Nacht für
Gelnhausen. Kaum hatten die Bürger die Schlafkappen aufgesetzt, als
plötzlich alle Nachtwächter an den Fensterladen pochten und ausriefen:
"Patriotisches Gelnhausen jubilire,
Deine Fenster gleich all' illuminire,
Hochlöbliche städtische Metzgerschaft
Beurkunde jetzt deiner Treue Kraft;
Liefre Schweinsblasen viel und billig,
Zeig' edles Gelnhausen dich willig,
Lass' donnern den hehren Feierknall,
Erfülle die Nacht mit Freudenschall;
Eifrasius und Eilegia theuer
Geruhen harmonisch ungeheuer
Zu ruhen, zu schlafen und zu schnarchen,
Wer kanns ihnen unterthänigst verargen?
Es war ja, was ich schier heiser sag,
Wohl gestern fürwahr ein heißer Tag.
Prinz Kronovus im Oberhof-Ofenloch
Ist ganz wohl auf und singt munter noch:
"Gackeleia, liebste Gackeleia mein,
"Wann werden wir wieder beisammen seyn."
Postskriptum.
"Jetzt allgemeine Illumination,
Nebst großer Blasendetonation;
Morgen früh vor dem Hanauerthor
Große Parade vom Nachtwächterchor,
Dann nach Eierburg Deputation
Vom weißgekleideten Bataillon
Der Mädchen, Blumen zu streuen,
Sie können heute Nacht noch heuen
Im Mondschein auf städtischer Weide;
Daß keinen Schaden doch leide
Die Au bürgermeisterlicher Schafe
Wird geboten bei fünf Gulden Strafe."
Auf diese Bekanntmachung hatten schon mehrere Bürger ihre
Nachtlichter ans Fenster gestellt, da kam ein anderer Befehl:
"Der Patriotismus soll sich noch fassen
Und alles Obige unterlassen;
Nach einem ärztlichen Consulte
Sind zu vermeiden alle Tumulte.
Ein Genesungsfest in leisester Stille
Ist Eifrasii allerweisester Wille."
Die guten Bürger waren so müd und schläfrig, daß sie ihren
Patriotismus diesmal beruhigen ließen, und ganz Gelnhausen in das
tiefe Schnarchen der Eierburger einstimmte.--Auf dem Markt am
folgenden Tag stieg der Eierpreis um 3 und 7/87 Procent. Der arme
Gockel, die arme Frau Hinkel, die arme Gackeleia zogen wieder wie
ehedem durch den wilden Wald nach dem alten Schloß; aber sie waren
viel trauriger und redeten kein Wort, ja Frau Hinkel hatte gar die
Schürze über den Kopf gehängt, weil sie sich schämte, so häßlich
geworden zu seyn. Als sie auf einer Höhe angekommen waren, wo man
Gelnhausen noch einmal sehen konnte, drehte sich Gockel um, und
sprach: "unseliger Ort, wo ich um den köstlichen Ring Salomonis
betrogen ward; abscheulicher, undankbarer Eifrasius, wie schändlich
hast du mich in meinem Unglück verstoßen, und hast nicht daran
gedacht, mir die hundert Stück neue Gockeld'ors wieder zu geben, die
du in glücklicher Zeit von mir geborgt." Frau Hinkel aber rief aus:
"o Königin Eilegia! wie manches indianische Vogelnest sammt den Eiern
habe ich dir zum Geschenk gemacht, wie viele Eierspeisen habe ich
dich bereiten gelehrt, wie viel hundert Ostereier habe ich dir mit
schönen Blumen und Blättern bunt gesotten, die schönsten Muster zu
Hauben und Garnituren a l'öff de Puffpuff habe ich dir mitgetheilt,
und nun, da wir den Ring verloren und arm geworden, lässest du
Undankbare mich zerlumpt und hungernd über die Gränze führen!"--Nun
erhob auch Gackeleia ihre Stimme und sprach: "Ach du herzliebes
Prinzchen Kronovus, du bist doch der Beste von Allen, du hast mir
deinen Thaler geschenkt und dein Taschentuch gereicht, daß ich mich
abwischen konnte; du willst mir dein Taschengeld alle Sonnabend am
Entenpfuhl bei den Vergißmeinnicht in ein Ei verstecken; ach, du bist
doch mein guter Kronovus geblieben und hast die arme, schmutzige
Gackeleia nicht von dir weggestoßen. Ach, es thut mir recht leid,
daß ich in der Angst vergessen, dir meine herrliche Puppe zum
Andenken zu schenken."
Kaum hatte Gackeleia das Wort Puppe ausgesprochen, als Gockel zornig
nach ihr blickte und sprach: "du unseliges Kind! du hast eine Puppe?
welche Puppe? woher hast du die Puppe? weißt du nicht mehr das
Urtheil bei dem hochnothpeinlichen Halsgericht wegen der Ermordung
Gallina's, daß du von nun an und nimmermehr keine Puppe haben darfst!
--ach, ich ahnde die Ursache meines Verderbens!" Und da er hierauf
die kleine Gackeleia ergreifen wollte, lief sie vor dem erzürnten
Vater nach dem äußersten Rande eines Felsens hin, der über einen
schroffen Abhang hinausragte. Frau Hinkel schrie: "um Gotteswillen,
das Kind fällt sich zu Tode!" und hielt Gockel beim Arme zurück.
Gackeleia aber kniete auf dem äußersten Rande des Felsens, breitete
ihre Aermchen gegen den Vater aus und sprach:
"Vater Gockel ach verzeih',
Mutter Hinkel steh' mir bei,
Oder Gackeleia klein
Springt und bricht sich Hals und Bein!"
Da bat die Frau Hinkel den Gockel sehr, er solle dem Kind verzeihen,
und Gockel sagte: sie solle nur Alles erzählen, was sie angestellt,
er werde sie nicht umbringen. "Erzähle Gackeleia", sagte die Mutter,
"wo hast du eine Puppe herbekommen?" Da war Gackeleia in großer
Angst, denn der Vater riß während der Erzählung an einer Birke, die
bei dem Felsen stand, dann und wann ein Zweiglein ab, und es sah so
ziemlich aus, als wenn er, wo nicht einen Besen, doch wenigstens eine
Ruthe binden wolle; aber was half Alles, das Kind mußte sprechen und
sprach:
"An mein Gärtchen kam heut Morgen
Ein alt Männchen ganz voll Sorgen,
Ließ vor mir im Tanz sich drehn
Ach! ein Püppchen, wunderschön."
"Da haben wir es", rief Gockel und riß ein starkes Birkenreis ab, "da
haben wir die saubere Bescheerung, eine Puppe, o es ist
himmelschreiend!" Gackeleia aber sagte geschwind:
"
Keine Puppe, es ist nur
Eine schöne Kunstfigur,
Eine kleine Gärtnerin,
Lehrerin und Tänzerin,
Wirthin, Hirtin und so weiter,
Jede hat besondre Kleider."
"Abscheulich, abscheulich!" sagte Gockel, aber Gackeleia fuhr fort:
"Allerliebst, kaum auszusprechen,
Mir wollt' schier das Herz zerbrechen
Nach dem schönen Wunderding;
Als es an zu laufen fieng,
Als die Räder in ihm knarrten,
Wollt' es zu mir in den Garten,
Lief am Gitter hin und her,
Als ob es lebendig wär'.
Und ich glaubt' des Alten Schwur,
Daß es eine Kunstfigur,
Daß es keine Puppe sey,
Dacht' nichts Arges mir dabei."
"Schöne Ausreden", sagte Gockel unwillig und riß wieder ein
Birkenreis ab; Gackeleia gefiel das gar nicht, und sie sagte:
"Vater, bitte, bitte schön,
Laß das Birkenreis doch stehn,
Ach ich sorg' vor Angst verwirrt,
Daß es eine Ruthe wird."
Da sprach Gockel ernsthaft:
"Gackeleia glaub' du nur,
Daß es eine Kunstfigur,
Daß es keine Ruthe sey,
Denk' nichts Arges dir dabei."
Da sagte Gackeleia:
"Kunstfigur von Birkenreis?
Ach du machst mir gar zu heiß!"
Und Gockel sagte:
"Kunstfigur für Kunstfigur,
Ruthe für die Puppe nur."
Da ward Gackeleia wieder sehr betrübt und schrie wieder ganz
erbärmlich:
"Vater Gockel ach verzeih',
Mutter Hinkel steh' mir bei,
Oder Gackeleia klein,
Springt und bricht sich Hals und Bein!"
Frau Hinkel bat sehr, und Gockel sagte: "ich werde sie nicht
umbringen, sie soll nur erzählen, was der Alte weiter gesagt hat, und
was sie ihm für die Kunstfigur gegeben hat." Da fuhr Gackeleia fort:
"Ach der Alte weinte sehr,
Hätt' nicht Vater, Mutter mehr,
Bruder nicht, noch Schwesterlein,
Keinen Sohn, kein Töchterlein,
Keinen Vetter, keine Base,
Nichts als eine lange Nase,
Einen Bart ganz weiß und lang,
War betrübt und angst und bang."
"Der alte Schelm", rief da Frau Hinkel aus und riß nun auch ein
starkes Birkenreis ab, "der alte Schelm ist schuld, daß ich auch
wieder eine so häßliche lange Nase habe." Und Gockel sagte: "Schau,
Frau Hinkel, jetzt merkst du auch, was wir ihm zu danken haben, du
die Nase und ich den Bart. O unglückselige Kunstfigur, was sind wir
für abscheuliche Figuren durch dich geworden. Aber erzähle weiter
Gackeleia, was wollte er für die Puppe"? Da erwiederte Gackeleia mit
großer Angst:
"Für die schöne Kunstfigur
Wollt' in deinen Ring er nur
Einmal ein klein bischen blicken,
Seinen Kummer zu erquicken."
"O du abgefeimter Gaudieb", rief Gockel aus, "o du unseliges,
leichtsinniges, spielsüchtiges Kind!--und da zogst du mir den Ring im
Schlafe ab, und gabst dem Schelmen den Ring, sprich, sprich, hast du
das gethan? sprich gleich, oder ich werfe dich auf der Stelle vom
Felsen hinab." Da rief Gackeleia wieder in großer Angst:
"Vater Gockel ach verzeih',
Mutter Hinkel steh' mir bei;
Ja als Vater Gockel schlief,
Mit dem Ring ich zu ihm lief,
Doch er sah nicht lang hinein,
Gab zurück den Edelstein,
Den ich schnell zurückgebracht,
Eh' der Vater aufgewacht.
Ach ich will's nicht wieder thun,
Einmal ist das Unglück nun
Durch mich böses Kind geschehn.
Werdet ihr die Puppe sehn--
Nein nicht Puppe, es ist nur
Eine schöne Kunstfigur,
Ganz natürlich nach dem Leben--
Ach ihr müßt mir dann vergeben."
Und nun nahm sie die Puppe aus ihrem Körbchen, das sie am Arm hängen
hatte, zog das Uhrwerk auf, und die kleine Reisende schnurrte so
artig zwischen dem Thymian auf dem Felsen herum, daß Gackeleia ihr,
in die Hände patschend, nachlief. Da erwischte der alte Gockel das
Kind beim Arm und sagte: "Nun habe ich dich, habe ich dir nicht
tausendmal verboten, meinen Ring ohne meine Erlaubniß anzurühren? Du
hast ihn aber dem alten Betrüger gegeben, und der hat ihn mit einem
andern vertauscht, der keinen Heller werth ist, und so hast du deine
Eltern und dich in Schande und Armuth gebracht durch deine Begierde
nach einer elenden Puppe". Da schrie Gackeleia ganz erbärmlich:
"Keine Puppe, es ist nur
Eine schöne Kunstfigur.
Vater, Vater laß mich los!
Ach sie läuft durch Stein und Moos
Von dem Fels in vollem Lauf,
Mutter Hinkel halt' sie auf!
Daß sie nicht den Hals zerbricht;
Denn sie kennt die Wege nicht."
Die kleine Puppe lief auch ganz wie toll den Felsen hinunter, und
Frau Hinkel wollte sie aufhalten, aber glitt auf dem glatten Rasen
aus und rutschte ein ziemlich Stück Weg hinab. Darüber wurde der
alte Gockel noch viel ungeduldiger und sagte: "nun sieh, das Unglück,
deine Mutter bricht noch schier ein Bein über der abscheulichen Puppe.
Recht muß seyn, du hast unverzeihlich gefehlt; jetzt wähle
Gackeleia: entweder kriegst du hier recht tüchtig die Ruthe, oder du
läßt die Puppe laufen", und da Gackeleia wieder schrie:
"Keine Puppe, es ist nur
Eine schöne Kunstfigur,
Nach der Uhr und nach der Schnur,
Und ein Mäuschen von Natur."-legte Gockel sie über das Knie und gab
ihr tüchtig die Ruthe mit den Worten:
"Keine Ruthe, es ist nur
Eine Birken-Kunstfigur,
Und du kriegst sie nach der Schnur,
O du Nichtsnutz von Natur!"
Und Gackeleia schrie:
"Mutter halt', o Jemine!
Halt' sie auf, sie thut sich weh."
Und Gockel schlug immer zu und schrie:
"Fitze, fitze, Domine
Thut die ganze Woche weh!"
Er hätte auch noch länger zugeschlagen, aber Frau Hinkel schrie so
erbärmlich, sie könne nicht wieder herauf, daß Gockel das Kind los
ließ und hinabgieng, ihr zu helfen. Kaum aber war Gackeleia los, so
rüttelte und schüttelte sie sich über die fatale Kunstfigur, die sie
empfunden hatte, und lief ihrer flüchtig gewordenen schönen
Kunstfigur nach, die sie eben unten im Thale über den Steg eines
Baches laufen sah; die Puppe lief, als ob sie vier Beine hätte, über
den Steg und links um und in den Wald hinein und Gackeleia immer
hinter ihr drein.
Gockel hatte indessen Frau Hinkel durch einen Umweg wieder auf die
Höhe hinauf gebracht, und sie klagten sich unterwegs einander, wie
der Schelm, der sie durch Gackeleia's Spielsucht um den köstlichen
Ring Salomonis gebracht, gewiß einer von den alten Petschierstechern
sey, die ihn einst um den Hahn Alektryo hatten betrügen wollen. Als
sie unter solchen Reden auf den Fels zurückkamen und die Gackeleia
nicht mehr sahen, riefen sie nach allen Seiten nach dem Kinde, aber
nirgends hörten und sahen sie etwas von ihr. Da ward ihr Kummer um
allen ihren Verlust in eine große Sorge um ihr Kind verwandelt, sie
liefen hin und her und schrieen durch den Wald: "Gackeleia, Gackeleia!"
und wenn das Echo wieder rief. Eia, Eia! glaubten sie, das Kind
antworte, und so verirrten sie sich immer tiefer in der Wildniß, bis
sie endlich beide, ach aber ohne Gackeleia, sich bei ihrem
Stammschlosse wieder fanden. Die Vögel wachten alle auf und flogen
wie alte Bekannte um sie her und grüßten sie, aber Gockel und Hinkel
riefen immer in alle Büsche hinein:
"Gackeleia, komm doch nur,
S'ist ja eine Kunstfigur,
Komm' es soll dir nichts geschehn,
Wenn wir dich nur wieder sehn."
Aber keine Antwort von keiner Seite. Da saßen die zwei armen Eltern
auf der Schwelle des alten Hühnerstalles nieder und weinten die ganze
Nacht bitterlich, und alle Vögelein weinten mit. Am Morgen aber
schnitt sich Gockel einen tüchtigen Knotenstock und gab auch der Frau
Hinkel einen und sagte: "Liebe Frau! wir sind arme Leute geworden;
aber es gebührt einem Raugrafen Gockel von Hanau und einer Raugräfin
Hinkel von Hennegau nicht, im Unglücke zu verzweifeln; laß uns auf
Gott vertrauen und unser Fräulein Tochter Gackeleia durch die weite
Welt suchen, und sollten wir unterwegs Hungers sterben. Geh' du
links, und ich geh' rechts. Alle Monate kommen wir hier wieder
zusammen und sagen uns einander, was wir entdeckt haben, dabei können
wir zugleich dem Dieb unsers Ringes nachforschen." Frau Hinkel war
das zufrieden, sie umarmten sich beide unter bitteren Thränen und
wanderten dann auf getrennten Wegen, Herr Gockel rechts, Frau Hinkel
links. Und wenn sie in die Dörfer oder Städte kamen, sangen sie vor
allen Thüren:
"Habt ihr nicht ein Kind gesehn?
Ein klein Mägdlein wunderschön,
Blaue Augen, rothe Backen,
Zähnchen weiß zum Nüsseknacken,
Einen rothen Kirschenmund,
Frisch und froh und dick und rund,
Glänzend wie ein Mandelkern,
Hüpft und spielt und singt so gern.
Es hat einen blonden Zopf,
Einen Strohhut auf dem Kopf,
Trägt auch eine alte Juppe
Und läuft hinter einer Puppe
Her und schreit, es sey ja nur
Eine schöne Kunstfigur.
Barfuß läuft es ohne Schuh,
Fragt man es, wie heißest du?
Sagt es gleich ganz freundlich: "Eja
Ich bin Gockels Gackeleia."
Ach das Kind hab' ich verloren
Und hab' einen Eid geschworen,
Nicht zu ruhn, bis ich das Kind
Gackeleia wieder find'!"
Aber immer sagten die Leute:
"Wir haben so kein Kind gesehn,
Ihr armer Mensch müßt weiter gehn;
Da habet ihr ein Stücklein Brod,
Gott helfe euch in eurer Noth!"
Da nahmen sie dann das Brod, die armen Eltern, und assen es mit
Thränen und setzten ihren Stab traurig weiter.
So waren sie schon dreimal wieder in dem alten Schloße ohne Gackeleia
zusammen gekommen, hatten mit großem Jammer im alten Hühnerstall
geschlafen, und sich ihre vergeblichen Nachforschungen einander
mitgetheilt. "Ach Gott", sagte Frau Hinkel, "das arme Kind ist gewiß
umgekommen, hättest du es doch nicht so hart wegen der Puppe
behandelt." Da erwiederte Gockel: "Und hättest du besser auf sie
Acht gegeben, so hätten wir den Ring und das Kind nicht verloren;
nichts ist leichter zu sagen, als--hättest du. Lasse uns lieber auf
dem Grabe des Alektryo in der Kapelle recht herzlich beten, daß wir
das Kind morgen zum viertenmale nicht vergebens suchen mögen."
Hierauf giengen sie nach der Kapelle und beteten recht eifrig, legten
sich dann auf ihr Mooslager und schliefen einen gar süßen Schlaf und
träumten von Gackeleia.
Gegen Morgen hörte Gockel noch halb im Schlafe etwas um sich her
rasseln, es war noch sehr dunkel in dem Stalle; aber er sah etwas an
der Erde hinlaufen und verschwinden, er stieß Frau Hinkel und sagte:
"Mir war gerade, als wenn die fatale Puppe der Gackeleia vorüber
gelaufen wäre." Da sprach eine Stimme:
"Keine Puppe, es ist nur
Eine schöne Kunstfigur."
Gockel meinte, Frau Hinkel habe das gesagt, und verwies ihr, daß auch
sie so eigensinnig wie Gackeleia spreche. Frau Hinkel hatte
schlaftrunken die Worte gehört und behauptete, er habe es selbst
gesagt. Sie wollten eben zu zanken anfangen, als sie leise an der
Thüre pochen hörten. Sie fuhren ordentlich vor Schrecken zusammen,
wer das wohl seyn könne, der in dem wüsten zerstörten Schlosse so
leise anpoche. Da es aber zum drittenmale pochte, fragte Gockel laut:
"Wer ist draus?" und es antwortete eine männliche Stimme: "ich bitte
allerunterthänigst um Verzeihung, Herr Graf, daß ich so früh störe,
aber die Eseltreiber lassen mir keine Ruhe; sie sagen, daß ich ihnen
drei Zentner Käse aus der gräflichen Käsefabrik auf ihre Thiere
packen soll, nun wollte ich doch den Befehl des Herrn Grafen selbst
abholen."
Gockel wußte auf diese Rede gar nicht, wo ihm der Kopf stand; "drei
Zentner Käse", sagte er, "aus der gräflichen Käsefabrik, hast du
gehört Hinkel?" "Ja", sagte Frau Hinkel, "was kann das seyn? ich
weiß nicht, ob ich träume oder wache." Da der Mann aber immer von
neuem pochte und um die Erlaubniß bat, die Käse abzuliefern, schrie
Gockel heftig: "bist du, der da pochet, toll oder ein Spötter, der
einen armen Greis zum Narren haben will? so nehme dich in Acht, oder
ich komme mit dem Knotenstock über dich. Wo habe ich denn Käse oder
eine Käsefabrik? Gehe von dannen und gönne den Armen ihr einziges
Gut: die Ruhe und den Schlaf." Da antwortete die Stimme wieder:
"Gnädigster Graf, vergebet mir, daß ich euch erweckte, ich sehe wohl,
daß ihr den Leuten die Käse nicht abliefern lassen wollet, ich werde
sie abweisen!"
Nun hörte Gockel draußen auf dem Hofe sprechen und hin und wieder
gehen, und seine Verwunderung, was das zu bedeuten habe, wuchs immer
mehr. "Ach", sagte er zu seiner Frau, "ich fürchte fast, es ist
irgend eine Nachstellung von unsern Feinden aus Gelnhausen, die uns
ermorden wollen." "Das wäre entsetzlich", erwiederte Frau Hinkel und
drückte sich in der Angst dicht an ihn. Da pochte es wieder an der
Thüre, und Gockel rief zwar erschrocken, aber doch ziemlich laut:
"Wer da?" Da antwortete eine andere Stimme: "Eurer Hochgräflichen
Gnaden unterthänigster Küchenmeister fragt an, ob er einen Zentner
Schinken aus der gräflichen Rauchkammer abliefern darf, welche auf
den drei Eseln, die vom König Sissi angekommen sind, abgeholt werden
sollen?" Gockel, dem bei diesen Reden zu Muthe ward, wie einem Hahn
ohne Kopf, rief aus: "Warte, ich will dir Schinken geben, du
nichtswürdiger Spötter!" indem er aufsprang und nach seinem Stocke
suchte. Als er aber ganz klar und deutlich drei Esel vor der Thüre
schreien hörte, rief er und Frau Hinkel zugleich: "Herr Jemine, die
Esel sind wirklich da." Es war noch dunkel in dem Stalle, der kein
Fenster hatte, und dessen verschlossene Thüre nur durch einen Spalt
einen Schimmer des Tages hereinfallen ließ. Gockel tappte an der
Wand nach seinem Knotenstock herum, und plötzlich wurde er von ein
paar zarten Armen herzlich umschlossen, so daß er laut aufschrie: "um
Gotteswillen, wer ist das?" Aber die Unbekannte hörte nicht auf, ihn
mit den zärtlichsten Küssen zu bedecken, und als Frau Hinkel auch
dazu kam, gieng es derselben nicht besser; und da sie sich in diese
Liebkosungen gar nicht finden konnten, sagte endlich das unbekannte
Wesen mit einer wohlbekannten Stimme zu ihnen: "Ach! kennt ihr denn
euer Töchterlein Gackeleia gar nicht mehr?"-"Du, Gackeleia?" riefen
Beide aus, "nein das ist nicht möglich, du bist ja eine erwachsene
Jungfrau."--"Ach, groß oder klein", antwortete es, "ich bin doch eure
Gackeleia", und da riß sie die Thüre auf, und es fiel zu gleicher
Zeit so viel Fremdes und Wunderbares in die Augen des alten Gockels
und der Frau Hinkel, daß sie sich einander in die Arme sanken und
weinen mußten.
Erstens sahen sie wirklich die ganze Gackeleia vor sich, aber nicht
mehr als ein kleines Mädchen, sondern als eine blühende, wunderschöne,
allerliebst geputzte Jungfrau; und zweitens sahen sie sich selbst
beide nicht mehr alt und in Lumpen, sondern als zwei schöne
wohlbekleidete Leute in den besten Jahren; und drittens sahen sie
durch die Thüre nicht mehr in einen verfallenen, mit Schutt und
wildem Unkraut bewachsenen Burghof hinaus, sondern in einen schön
gepflasterten, reinlichen Hof von schönen Schloßgebäuden, Ställen,
Gärten und Terrassen umgeben; in der Mitte des Hofes aber, an einem
plätschernden Springbrunnen, sahen sie drei verdrießliche alte Esel
mit langen Ohren angebunden, welche die Köpfe zusammendrückten, als
ob sie sich schämten. Auch sahen sie allerlei Bediente in schönen
Livreen geschäftig auf und niedergehen, die immer, so oft sie am
Hühnerstall vorüber kamen, tiefe Verbeugungen machten und schönen
guten Morgen wünschten.
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