Book: Gotzen Dammerung
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Friedrich Wilhelm Nietzsche >> Gotzen Dammerung
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7 Friedrich Nietzsche
Goetzen-Daemmerung
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
Sprueche und Pfeile
Das Problem des Sokrates
Die "Vernunft" in der Philosophie
Wie die "wahre Welt" endlich zur Fabel wurde
Moral als Widernatur
Die vier grossen Irrthuemer
Die "Verbesserer" der Menschheit
Was den Deutschen abgeht
Streifzuege eines Unzeitgemaessen
Was ich den Alten verdanke
Der Hammer redet
Goetzen-Daemmerung
oder
Wie man mit dem Hammer philosophirt.
Vorwort.
Inmitten einer duestern und ueber die Maassen verantwortlichen
Sache seine Heiterkeit aufrecht erhalten ist nichts Kleines von -
Kunststueck: und doch, was waere noethiger als Heiterkeit? Kein Ding
geraeth, an dem nicht der Uebermuth seinen Theil hat. Das Zuviel von
Kraft erst ist der Beweis der Kraft. - Eine Umwerthung aller Werthe,
dies Fragezeichen so schwarz, so ungeheuer, dass es Schatten auf Den
wirft, der es setzt - ein solches Schicksal von Aufgabe zwingt jeden
Augenblick, in die Sonne zu laufen, einen schweren, allzuschwer
gewordnen Ernst von sich zu schuetteln. Jedes Mittel ist dazu recht,
jeder "Fall" ein Gluecksfall. Vor Allem der Krieg. Der Krieg war immer
die grosse Klugheit aller zu innerlich, zu tief gewordnen Geister;
selbst in der Verwundung liegt noch Heilkraft. Ein Spruch, dessen
Herkunft ich der gelehrten Neugierde vorenthalte, war seit langem mein
Wahlspruch:
increscunt animi, virescit volnere virtus.
Eine andere Genesung, unter Umstaenden mir noch erwuenschter, ist
Goetzen aushorchen... Es giebt mehr Goetzen als Realitaeten in der
Welt: das ist mein "boeser Blick" fuer diese Welt, das ist auch
mein "boeses Ohr"... Hier einmal mit dem Hammer Fragen stellen und,
vielleicht, als Antwort jenen beruehmten hohlen Ton hoeren, der von
geblaehten Eingeweiden redet - welches Entzuecken fuer Einen, der
Ohren noch hinter den Ohren hat, - fuer mich alten Psychologen und
Rattenfaenger, vor dem gerade Das, was still bleiben moechte, laut
werden muss...
Auch diese Schrift - der Titel verraeth es - ist vor Allem eine
Erholung, ein Sonnenfleck, ein Seitensprung in den Muessiggang eines
Psychologen. Vielleicht auch ein neuer Krieg? Und werden neue Goetzen
ausgehorcht?... Diese kleine Schrift ist eine grosse Kriegserklaerung;
und was das Aushorchen von Goetzen anbetrifft, so sind es dies Mal
keine Zeitgoetzen, sondern ewige Goetzen, an die hier mit dem Hammer
wie mit einer Stimmgabel geruehrt wird, - es giebt ueberhaupt keine
aelteren, keine ueberzeugteren, keine aufgeblaseneren Goetzen... Auch
keine hohleren... Das hindert nicht, dass sie die geglaubtesten sind;
auch sagt man, zumal im vornehmsten Falle, durchaus nicht Goetze...
Turin, am 30. September 1888,
am Tage, da das Buch der Umwerthung
aller Werthe zu Ende kam.
FRIEDRICH NIETZSCHE.
Sprueche und Pfeile.
1.
Muessiggang ist aller Psychologie Anfang. Wie? waere Psychologie ein -
Laster?
2.
Auch der Muthigste von uns hat nur selten den Muth zu dem, was er
eigentlich weiss...
3.
Um allein zu leben, muss man ein Thier oder ein Gott sein -
sagt Aristoteles. Fehlt der dritte Fall: man muss Beides sein -
Philosoph...
4.
"Alle Wahrheit ist einfach." - Ist das nicht zwiefach eine Luege? -
5.
Ich will, ein fuer alle Mal, Vieles nicht wissen. - Die Weisheit zieht
auch der Erkenntniss Grenzen.
6.
Man erholt sich in seiner wilden Natur am besten von seiner Unnatur,
von seiner Geistigkeit...
7.
Wie? ist der Mensch nur ein Fehlgriff Gottes? Oder Gott nur ein
Fehlgriff des Menschen? -
8.
Aus der Kriegsschule des Lebens. - Was mich nicht umbringt, macht mich
staerker.
9.
Hilf dir selber: dann hilft dir noch Jedermann. Princip der
Naechstenliebe.
10.
Dass man gegen seine Handlungen keine Feigheit begeht! dass man
sie nicht hinterdrein im Stiche laesst! - Der Gewissensbiss ist
unanstaendig.
11.
Kann ein Esel tragisch sein? - Dass man unter einer Last zu Grunde
geht, die man weder tragen, noch abwerfen kann?... Der Fall des
Philosophen.
12.
Hat man sein warum? des Lebens, so vertraegt man sich fast mit jedem
wie? - Der Mensch strebt nicht nach Glueck; nur der Englaender thut
das.
13.
Der Mann hat das Weib geschaffen - woraus doch? Aus einer Rippe seines
Gottes, - seines "Ideals"...
14.
Was? du suchst? du moechtest dich verzehnfachen, verhundertfachen? du
suchst Anhaenger? - Suche Nullen.
15.
Posthume Menschen - ich zum Beispiel - werden schlechter verstanden
als zeitgemaesse, aber besser gehoert. Strenger: wir werden nie
verstanden - und daher unsre Autoritaet...
16.
Unter Frauen. - "Die Wahrheit? Oh Sie kennen die Wahrheit nicht! Ist
sie nicht ein Attentat auf alle unsre pudeurs?" -
17.
Das ist ein Kuenstler, wie ich Kuenstler liebe, bescheiden in seinen
Beduerfnissen: er will eigentlich nur Zweierlei, sein Brod und seine
Kunst, - panem et Circen...
18.
Wer seinen Willen nicht in die Dinge zu legen weiss, der legt
wenigstens einen Sinn noch hinein: das heisst, er glaubt, dass ein
Wille bereits darin sei (Princip des "Glaubens").
19.
Wie? ihr waehltet die Tugend und den gehobenen Busen und seht zugleich
scheel nach den Vortheilen der Unbedenklichen? - Aber mit der
Tugend verzichtet man auf "Vortheile"... (einem Antisemiten an die
Hausthuer.)
20.
Das vollkommene Weib begeht Litteratur, wie es eine kleine Suende
begeht: zum Versuch, im Voruebergehn, sich umblickend, ob es Jemand
bemerkt und dass es Jemand bemerkt...
21.
Sich in lauter Lagen begeben, wo man keine Scheintugenden haben darf,
wo man vielmehr, wie der Seiltaenzer auf seinem Seile, entweder
stuerzt oder steht - oder davon kommt...
22.
"Boese Menschen haben keine Lieder." - Wie kommt es, dass die Russen
Lieder haben?
23.
"Deutscher Geist": seit achtzehn Jahren eine contradictio in adjecto.
24.
Damit, dass man nach den Anfaengen sucht, wird man Krebs. Der
Historiker sieht rueckwaerts; endlich glaubt er auch rueckwaerts.
25.
Zufriedenheit schuetzt selbst vor Erkaeltung. Hat je sich ein Weib,
das sich gut bekleidet wusste, erkaeltet? - Ich setze den Fall, das es
kaum bekleidet war.
26.
Ich misstraue allen Systematikern und gehe ihnen aus dem Weg. Der
Wille zum System ist ein Mangel an Rechtschaffenheit.
27.
Man haelt das Weib fuer tief - warum? weil man nie bei ihm auf den
Grund kommt. Das Weib ist noch nicht einmal flach.
28.
Wenn das Weib maennliche Tugenden hat, so ist es zum Davonlaufen; und
wenn es keine maennlichen Tugenden hat, so laeuft es selbst davon.
29.
"Wie viel hatte ehemals das Gewissen zu beissen? welche guten Zaehne
hatte es? - Und heute? woran fehlt es?" - Frage eines Zahnarztes.
30.
Man begeht selten eine Uebereilung allein. In der ersten Uebereilung
thut man immer zu viel. Eben darum begeht man gewoehnlich noch eine
zweite - und nunmehr thut man zu wenig...
31.
Der getretene Wurm kruemmt sich. So ist es klug. Er verringert damit
die Wahrscheinlichkeit, von Neuem getreten zu werden. In der Sprache
der Moral: Demuth. -
32.
Es giebt einen Hass auf Luege und Verstellung aus einem reizbaren
Ehrbegriff; es giebt einen ebensolchen Hass aus Feigheit, insofern
die Luege, durch ein goettliches Gebot, verboten ist. Zu feige, um zu
luegen...
33.
Wie wenig gehoert zum Gluecke! Der Ton eines Dudelsacks. - Ohne Musik
waere das Leben ein Irrthum. Der Deutsche denkt sich selbst Gott
liedersingend.
34.
On ne peut penser et ecrire qu'assis (G. Flaubert). - Damit habe
ich dich, Nihilist! Das Sitzfleisch ist gerade die Suende wider den
heiligen Geist. Nur die ergangenen Gedanken haben Werth.
35.
Es giebt Faelle, wo wir wie Pferde sind, wir Psychologen, und in
Unruhe gerathen: wir sehen unsren eignen Schatten vor uns auf und
niederschwanken. Der Psychologe muss von sich absehn, um ueberhaupt zu
sehn.
36.
Ob wir Immoralisten der Tugend Schaden thun? - Eben so wenig, als die
Anarchisten den Fuersten. Erst seitdem diese angeschossen werden,
sitzen sie wieder fest auf ihrem Thron. Moral: man muss die Moral
anschiessen.
37.
Du laeufst voran? - Thust du das als Hirt? oder als Ausnahme? Ein
dritter Fall waere der Entlaufene... Erste Gewissensfrage.
38.
Bist du echt? oder nur ein Schauspieler? Ein Vertreter? oder das
Vertretene selbst? - Zuletzt bist du gar bloss ein nachgemachter
Schauspieler... Zweite Gewissensfrage.
39.
Der Enttaeuschte spricht. - Ich suchte nach grossen Menschen, ich fand
immer nur die Affen ihres Ideals.
40.
Bist du Einer, der zusieht? oder der Hand anlegt? - oder der wegsieht,
bei Seite geht?... Dritte Gewissensfrage.
41.
Willst du mitgehn? oder vorangehn? oder fuer dich gehn?... Man muss
wissen, was man will und dass man will. Vierte Gewissensfrage.
42.
Das waren Stufen fuer mich ich bin ueber sie hinaufgestiegen, - dazu
musste ich ueber sie hinweg. Aber sie meinten, ich wollte mich auf
ihnen zur Ruhe setzen...
43.
Was liegt daran, das ich Recht behalte! Ich habe zu viel Recht. - Und
wer heute am besten lacht, lacht auch zuletzt.
44.
Formel meines Gluecks: ein Ja, ein Nein, eine gerade Linie ein Ziel...
Das Problem des Sokrates.
1.
Ueber das Leben haben zu allen Zeiten die Weisesten gleich geurtheilt:
es taugt nichts... Immer und ueberall hat man aus ihrem Munde
denselben Klang gehoert, - einen Klang voll Zweifel, voll Schwermuth,
voll Muedigkeit am Leben, voll Widerstand gegen das Leben. Selbst
Sokrates sagte, als er starb: "leben - das heisst lange krank sein:
ich bin dem Heilande Asklepios einen Hahn schuldig." Selbst Sokrates
hatte es satt. - Was beweist das? Worauf weist das? - Ehemals
haette man gesagt (- oh man hat es gesagt und laut genug und unsre
Pessimisten voran!): "Hier muss jedenfalls Etwas wahr sein! Der
consensus sapientium beweist die Wahrheit." - Werden wir heute noch
so reden? Duerfen wir das? "Hier muss jedenfalls Etwas krank sein" -
geben wir zur Antwort: diese Weisesten aller Zeiten, man sollte sie
sich erst aus der Naehe ansehn! Waren sie vielleicht allesammt auf
den Beinen nicht mehr fest? spaet? wackelig? decadents? Erschiene die
Weisheit vielleicht auf Erden als Rabe, den ein kleiner Geruch von Aas
begeistert?...
2.
Mir selbst ist diese Unehrerbietigkeit, dass die grossen Weisen
Niedergangs-Typen sind, zuerst gerade in einem Falle aufgegangen,
wo ihr am staerksten das gelehrte und ungelehrte Vorurtheil
entgegensteht: ich erkannte Sokrates und Plato als Verfalls-Symptome,
als Werkzeuge der griechischen Aufloesung, als pseudogriechisch,
als antigriechisch ("Geburt der Tragoedie" 1872), jener consensus
sapientium - das begriff ich immer besser - beweist am wenigsten, dass
sie Recht mit dem hatten, worueber sie uebereinstimmten: er beweist
vielmehr, dass sie selbst, diese Weisesten, irgend worin physiologisch
uebereinstimmten, um auf gleiche Weise negativ zum Leben zu stehn, -
stehn zu muessen. Urtheile, Werthurtheile ueber das Leben, fuer oder
wider, koennen zuletzt niemals wahr sein: sie haben nur Werth als
Symptome, sie kommen nur als Symptome in Betracht, - an sich sind
solche Urtheile Dummheiten. Man muss durchaus seine Finger darnach
ausstrecken und den Versuch machen, diese erstaunliche finesse zu
fassen, dass der Werth des Lebens nicht abgeschaetzt werden kann. Von
einem Lebenden nicht, weil ein solcher Partei, ja sogar Streitobjekt
ist und nicht Richter; von einem Todten nicht, aus einem andren
Grunde. - Von Seiten eines Philosophen im Werth des Lebens ein Problem
sehn bleibt dergestalt sogar ein Einwurf gegen ihn, ein Fragezeichen
an seiner Weisheit, eine Unweisheit. - Wie? und alle diese grossen
Weisen - sie waeren nicht nur decadents, sie waeren nicht einmal weise
gewesen? - Aber ich komme auf das Problem des Sokrates zurueck.
3.
Sokrates gehoerte, seiner Herkunft nach, zum niedersten Volk: Sokrates
war Poebel. Man weiss, man sieht es selbst noch, wie haesslich er
war. Aber Haesslichkeit, an sich ein Einwand, ist unter Griechen
beinahe eine Widerlegung. War Sokrates ueberhaupt ein Grieche? Die
Haesslichkeit ist haeufig genug der Ausdruck einer gekreuzten, durch
Kreuzung gehemmten Entwicklung. Im andren Falle erscheint sie als
niedergehende Entwicklung.
Die Anthropologen unter den Criminalisten sagen uns, dass der typische
Verbrecher haesslich ist: monstrum in fronte, monstrum in animo.
Aber der Verbrecher ist ein decadent. War Sokrates ein typischer
Verbrecher? - Zum Mindesten widerspraeche dem jenes beruehmte
Physiognomen-Urtheil nicht, das den Freunden des Sokrates so
anstoessig klang. Ein Auslaender, der sich auf Gesichter verstand,
sagte, als er durch Athen kam, dem Sokrates in's Gesicht, er sei ein
monstrum, - er berge alle schlimmen Laster und Begierden in sich. Und
Sokrates antwortete bloss: "Sie kennen mich, mein Herr!" -
4.
Auf decadence bei Sokrates deutet nicht nur die zugestandne
Wuestheit und Anarchie in den Instinkten: eben dahin deutet auch die
Superfoetation des Logischen und jene Rhachitiker-Bosheit, die ihn
auszeichnet. Vergessen wir auch jene Gehoers-Hallucinationen nicht,
die, als "Daemonion des Sokrates", in's Religioese interpretirt worden
sind. Alles ist uebertrieben, buffo, Karikatur an ihm, Alles ist
zugleich versteckt, hintergedanklich, unterirdisch. - Ich suche zu
begreifen, aus welcher Idiosynkrasie jene sokratische Gleichsetzung
von Vernunft = Tugend = Glueck stammt: jene bizarrste Gleichsetzung,
die es giebt und die in Sonderheit alle Instinkte des aelteren
Hellenen gegen sich hat.
5.
Mit Sokrates schlaegt der griechische Geschmack zu Gunsten der
Dialektik um: was geschieht da eigentlich? Vor Allem wird damit ein
vornehmer Geschmack besiegt; der Poebel kommt mit der Dialektik
obenauf. Vor Sokrates lehnte man in der guten Gesellschaft die
dialektischen Manieren ab: sie galten als schlechte Manieren, sie
stellten bloss. Man warnte die Jugend vor ihnen. Auch misstraute man
allein solchen Praesentiren seiner Gruende. Honnette Dinge tragen,
wie honnette Menschen, ihre Gruende nicht so in der Hand. Es ist
unanstaendig, alle fuenf Finger zeigen. Was sich erst beweisen lassen
muss, ist wenig werth. Ueberall, wo noch die Autoritaet zur guten
Sitte gehoert, wo man nicht "begruendet", sondern befiehlt, ist der
Dialektiker eine Art Hanswurst: man lacht ueber ihn, man nimmt ihn
nicht ernst. - Sokrates war der Hanswurst, der sich ernst nehmen
machte: was geschah da eigentlich? -
6.
Man waehlt die Dialektik nur, wenn man kein andres Mittel hat. Man
weiss, dass man Misstrauen mit ihr erregt, dass sie wenig ueberredet.
Nichts ist leichter wegzuwischen als ein Dialektiker-Effekt: die
Erfahrung jeder Versammlung, wo geredet wird, beweist das. Sie kann
nur Nothwehr sein, in den Haenden Solcher, die keine andren Waffen
mehr haben. Man muss sein Recht zu erzwingen haben: eher macht man
keinen Gebrauch von ihr. Die Juden waren deshalb Dialektiker; Reinecke
Fuchs war es: wie? und Sokrates war es auch? -
7.
- Ist die Ironie des Sokrates ein Ausdruck von Revolte? von
Poebel-Ressentiment? geniesst er als Unterdrueckter seine eigne
Ferocitaet in den Messerstichen des Syllogismus? Raecht er sich an
den Vornehmen, die er fascinirt? - Man hat, als Dialektiker, ein
schonungsloses Werkzeug in der Hand; man kann mit ihm den Tyrannen
machen; man stellt bloss, indem man siegt. Der Dialektiker ueberlaesst
seinem Gegner den Nachweis, kein Idiot zu sein: er macht wuethend, er
macht zugleich huelflos. Der Dialektiker depotenzirt den Intellekt
seines Gegners. - Wie? ist Dialektik nur eine Form der Rache bei
Sokrates?
8.
Ich habe zu verstehn gegeben, womit Sokrates abstossen konnte: es
bleibt um so mehr zu erklaeren, dass er fascinirte. - Dass er eine
neue Art Agon entdeckte, dass er der erste Fechtmeister davon fuer die
vornehmen Kreise Athen's war, ist das Eine. Er fascinirte, indem er an
den agonalen Trieb der Hellenen ruehrte, - er brachte eine Variante in
den Ringkampf zwischen jungen Maennern und Juenglingen. Sokrates war
auch ein grosser Erotiker.
9.
Aber Sokrates errieth noch mehr. Er sah hinter seine vornehmen
Athener; er begriff, dass sein Fall, seine Idiosynkrasie von Fall
bereits kein Ausnahmefall war. Die gleiche Art von Degenerescenz
bereitete sich ueberall im Stillen vor: das alte Athen gieng zu Ende.
- Und Sokrates verstand, dass alle Welt ihn noethig hatte, - sein
Mittel, seine Kur, seinen Personal-Kunstgriff der Selbst-Erhaltung...
Ueberall waren die Instinkte in Anarchie; ueberall war man fuenf
Schritt weit vom Excess: das monstrum in animo war die allgemeine
Gefahr. "Die Triebe wollen den Tyrannen machen; man muss einen
Gegentyrannen erfinden, der staerker ist"... Als jener Physiognomiker
dem Sokrates enthuellt hatte, wer er war, eine Hoehle aller schlimmen
Begierden, liess der grosse Ironiker noch ein Wort verlauten, das den
Schluessel zu ihm giebt. "Dies ist wahr, sagte er, aber ich wurde
ueber alle Herr." Wie wurde Sokrates ueber sich Herr? - Sein Fall war
im Grunde nur der extreme Fall, nur der in die Augen springendste von
dem, was damals die allgemeine Noth zu werden anfieng: dass Niemand
mehr ueber sich Herr war, dass die Instinkte sich gegen einander
wendeten. Er fascinirte als dieser extreme Fall - seine
furchteinfloessende Haesslichkeit sprach ihn fuer jedes Auge aus: er
fascinirte, wie sich von selbst versteht, noch staerker als Antwort,
als Loesung, als Anschein der Kur dieses Falls. -
10.
Wenn man noethig hat, aus der Vernunft einen Tyrannen zu machen, wie
Sokrates es that, so muss die Gefahr nicht klein sein, dass etwas
Andres den Tyrannen macht. Die Vernuenftigkeit wurde damals errathen
als Retterin, es stand weder Sokrates, noch seinen "Kranken" frei,
vernuenftig zu sein, - es war de rigueur, es war ihr letztes Mittel.
Der Fanatismus, mit dem sich das ganze griechische Nachdenken auf die
Vernuenftigkeit wirft, verraeth eine Nothlage: man war in Gefahr,
man hatte nur Eine Wahl: entweder zu Grunde zu gehn oder -
absurd-vernuenftig zu sein... Der Moralismus der griechischen
Philosophen von Plato ab ist pathologisch bedingt; ebenso ihre
Schaetzung der Dialektik. Vernunft = Tugend = Glueck heisst bloss: man
muss es dem Sokrates nachmachen und gegen die dunklen Begehrungen ein
Tageslicht in Permanenz herstellen - das Tageslicht der Vernunft. Man
muss klug, klar, hell um jeden Preis sein: jedes Nachgeben an die
Instinkte, an's Unbewusste fuehrt hinab...
11.
Ich habe zu verstehn gegeben, womit Sokrates fascinirte: er schien
ein Arzt, ein Heiland zu sein. Ist es noethig, noch den Irrthum
aufzuzeigen, der in seinem Glauben an die "Vernuenftigkeit um jeden
Preis" lag? - Es ist ein Selbstbetrug seitens der Philosophen und
Moralisten, damit schon aus der decadence herauszutreten, dass sie
gegen dieselbe Krieg machen. Das Heraustreten steht ausserhalb ihrer
Kraft: was sie als Mittel, als Rettung waehlen, ist selbst nur wieder
ein Ausdruck der decadence - sie veraendern deren Ausdruck, sie
schaffen sie selbst nicht weg. Sokrates war ein Missverstaendniss;
die ganze Besserungs-Moral, auch die christliche, war ein
Missverstaendniss... Das grellste Tageslicht, die Vernuenftigkeit um
jeden Preis, das Leben hell, kalt, vorsichtig, bewusst, ohne Instinkt,
im Widerstand gegen Instinkte war selbst nur eine Krankheit, eine
andre Krankheit - und durchaus kein Rueckweg zur "Tugend", zur
"Gesundheit", zum Glueck... Die Instinkte bekaempfen muessen - das ist
die Formel fuer decadence: so lange das Leben aufsteigt, ist Glueck
gleich Instinkt. -
12.
- Hat er das selbst noch begriffen, dieser Kluegste aller
Selbstueberlister? Sagte er sich das zuletzt, in der Weisheit seines
Muthes zum Tode?... Sokrates wollte sterben: - nicht Athen, er gab
sich den Giftbecher, er zwang Athen zum Giftbecher... Sokrates ist
kein Arzt sprach er leise zu sich: "der Tod allein ist hier Arzt...
Sokrates selbst war nur lange krank..."
Die "Vernunft" in der Philosophie.
1.
Sie fragen mich, was Alles Idiosynkrasie bei den Philosophen ist?...
Zum Beispiel ihr Mangel an historischem Sinn, ihr Hass gegen die
Vorstellung selbst des Werdens, ihr Aegypticismus. Sie glauben
einer Sache eine Ehre anzuthun, wenn sie dieselbe enthistorisiren,
sub specie aetemi, - wenn sie aus ihr eine Mumie machen. Alles,
was Philosophen seit Jahrtausenden gehandhabt haben, waren
Begriffs-Mumien; es kam nichts Wirkliches lebendig aus ihren Haenden.
Sie toedten, sie stopfen aus, diese Herren Begriffs-Goetzendiener,
wenn sie anbeten, - sie werden Allem lebensgefaehrlich, wenn sie
anbeten. Der Tod, der Wandel, das Alter ebensogut als Zeugung und
Wachsthum sind fuer sie Einwaende, - Widerlegungen sogar. Was
ist, wird nicht; was wird ist nicht... Nun glauben sie Alle, mit
Verzweiflung sogar, an's Seiende. Da sie aber dessen nicht habhaft
werden, suchen sie nach Gruenden, weshalb man's ihnen vorenthaelt. "Es
muss ein Schein, eine Betruegerei dabei sein, dass wir das Seiende
nicht wahrnehmen: wo steckt der Betrueger?" - "Wir haben ihn, schreien
sie glueckselig, die Sinnlichkeit ist's! Diese Sinne, die auch sonst
so unmoralisch sind, sie betruegen uns ueber die wahre Welt. Moral:
loskommen von dem Sinnentrug, vom Werden, von der Historie, von der
Luege, - Historie ist nichts als Glaube an die Sinne, Glaube an die
Luege. Moral: Neinsagen zu Allem, was den Sinnen Glauben schenkt, zum
ganzen Rest der Menschheit: das ist Alles `Volk`. Philosoph sein,
Mumie sein, den Monotono-Theismus durch eine Todtengraeber-Mimik
darstellen! - Und weg vor Allem mit dem Leibe, dieser
erbarmungswuerdigen idee fixe der Sinne! behaftet mit allen Fehlern
der Logik, die es giebt, widerlegt, unmoeglich sogar, ob er schon
frech genug ist, sich als wirklich zu gebaerden!"...
2.
Ich nehme, mit hoher Ehrerbietung, den Namen Heraklit's bei Seite.
Wenn das andre Philosophen-Volk das Zeugniss der Sinne verwarf,
weil dieselben Vielheit und Veraenderung zeigten, verwarf er deren
Zeugniss, weil sie die Dinge zeigten, als ob sie Dauer und Einheit
haetten. Auch Heraklit that den Sinnen Unrecht. Dieselben luegen weder
in der Art, wie die Eleaten es glauben, noch wie er es glaubte, - sie
luegen ueberhaupt nicht. Was wir aus ihrem Zeugniss machen, das legt
erst die Luege hinein, zum Beispiel die Luege der Einheit, die Luege
der Dinglichkeit, der Substanz, der Dauer... Die "Vernunft" ist die
Ursache, dass wir das Zeugniss der Sinne faelschen. Sofern die Sinne
das Werden, das Vergehn, den Wechsel zeigen, luegen sie nicht... Aber
damit wird Heraklit ewig Recht behalten, dass das Sein eine leere
Fiktion ist. Die "scheinbare" Welt ist die einzige: die wahre Welt ist
nur hinzugelogen...
3.
- Und was fuer feine Werkzeuge der Beobachtung haben wir an unsren
Sinnen! Diese Nase zum Beispiel, von der noch kein Philosoph mit
Verehrung und Dankbarkeit gesprochen hat, ist sogar einstweilen das
delikateste Instrument, das uns zu Gebote steht: es vermag noch
Minimaldifferenzen der Bewegung zu constatiren, die selbst das
Spektroskop nicht constatirt. Wir besitzen heute genau so weit
Wissenschaft, als wir uns entschlossen haben, das Zeugniss der Sinne
anzunehmen, - als wir sie noch schaerfen, bewaffnen, zu Ende denken
lernten. Der Rest ist Missgeburt und Noch-nicht-Wissenschaft: will
sagen Metaphysik, Theologie, Psychologie, Erkenntnisstheorie. Oder
Formal-Wissenschaft, Zeichenlehre: wie die Logik und jene angewandte
Logik, die Mathematik. In ihnen kommt die Wirklichkeit gar nicht vor,
nicht einmal als Problem; ebensowenig als die Frage, welchen Werth
ueberhaupt eine solche Zeichen-Convention, wie die Logik ist, hat. -
4.
Die andre Idiosynkrasie der Philosophen ist nicht weniger gefaehrlich:
sie besteht darin, das Letzte und das Erste zu verwechseln. Sie setzen
Das, was am Ende kommt - leider! denn es sollte gar nicht kommen! -
die "hoechsten Begriffe", das heisst die allgemeinsten, die leersten
Begriffe, den letzten Rauch der verdunstenden Realitaet an den Anfang
als Anfang. Es ist dies wieder nur der Ausdruck ihrer Art zu verehren:
das Hoehere darf nicht aus dem Niederen wachsen, darf ueberhaupt nicht
gewachsen sein... Moral: Alles, was ersten Ranges ist, muss causa
sui sein. Die Herkunft aus etwas Anderem gilt als Einwand, als
Werth-Anzweifelung. Alle obersten Werthe sind ersten Ranges, alle
hoechsten Begriffe, das Seiende, das Unbedingte, das Gute, das Wahre,
das Vollkommne - das Alles kann nicht geworden sein, muss folglich
causa sui sein. Das Alles aber kann auch nicht einander ungleich, kann
nicht mit sich im Widerspruch sein... Damit haben sie ihren stupenden
Begriff "Gott"... Das Letzte, Duennste, Leerste wird als Erstes
gesetzt, als Ursache an sich, als ens realissimum... Dass die
Menschheit die Gehirnleiden kranker Spinneweber hat ernst nehmen
muessen! - Und sie hat theuer dafuer gezahlt!...
5.
- Stellen wir endlich dagegen, auf welche verschiedne Art wir (-
ich sage hoeflicher Weise wir... ) das Problem des Irrthums und der
Scheinbarkeit in's Auge fassen. Ehemals nahm man die Veraenderung,
den Wechsel, das Werden ueberhaupt als Beweis fuer Scheinbarkeit, als
Zeichen dafuer, dass Etwas da sein muesse, das uns irre fuehre. Heute
umgekehrt sehen wir, genau so weit als das Vernunft-Vorurtheil uns
zwingt, Einheit, Identitaet, Dauer, Substanz, Ursache, Dinglichkeit,
Sein anzusetzen, uns gewissermaassen verstrickt in den Irrthum,
necessitirt zum Irrthum; so sicher wir auf Grund einer strengen
Nachrechnung bei uns darueber sind, dass hier der Irrthum ist. Es
steht damit nicht anders als mit den Bewegungen des grossen Gestirns:
bei ihnen hat der Irrthum unser Auge, hier hat er unsre Sprache zum
bestaendigen Anwalt. Die Sprache gehoert ihrer Entstehung nach in
die Zeit der rudimentaersten Form von Psychologie: wir kommen in ein
grobes Fetischwesen hinein, wenn wir uns die Grundvoraussetzungen der
Sprach-Metaphysik, auf deutsch: der Vernunft, zum Bewusstsein bringen.
Das sieht ueberall Thaeter und Thun: das glaubt an Willen als Ursache
ueberhaupt; das glaubt an's "Ich", an's Ich als Sein, an's Ich als
Substanz und projicirt den Glauben an die Ich-Substanz auf alle Dinge
- es schafft erst damit den Begriff "Ding"... Das Sein wird ueberall
als Ursache hineingedacht, untergeschoben; aus der Conception "Ich"
folgt erst, als abgeleitet, der Begriff "Sein"... Am Anfang steht das
grosse Verhaengniss von Irrthum, dass der Wille Etwas ist, das wirkt,
- dass Wille ein Vermoegen ist... Heute wissen wir, dass er bloss ein
Wort ist... Sehr viel spaeter, in einer tausendfach aufgeklaerteren
Welt kam die Sicherheit, die subjektive Gewissheit in der Handhabung
der Vemunft-Kategorien den Philosophen mit Ueberraschung zum
Bewusstsein: sie schlossen, dass dieselben nicht aus der Empirie
stammen koennten, - die ganze Empirie stehe ja zu ihnen in
Widerspruch. Woher also stammen sie? - Und in Indien wie in
Griechenland hat man den gleichen Fehlgriff gemacht: "wir muessen
schon einmal in einer hoeheren Welt heimisch gewesen sein (- statt
in einer sehr viel niederen: was die Wahrheit gewesen waere!), wir
muessen goettlich gewesen sein, denn wir haben die Vernunft!"... In
der That, Nichts hat bisher eine naivere Ueberredungskraft gehabt als
der Irrthum vom Sein, wie er zum Beispiel von den Eleaten formulirt
wurde: er hat ja jedes Wort fuer sich, jeden Satz fuer sich, den
wir sprechen! - Auch die Gegner der Eleaten unterlagen noch der
Verfuehrung ihres Seins-Begriffs: Demokrit unter Anderen, als er sein
Atom erfand... Die "Vernunft" in der Sprache: oh was fuer eine alte
betruegerische Weibsperson! Ich fuerchte, wir werden Gott nicht los,
weil wir noch an die Grammatik glauben...
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