Book: Was ihr wollt
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Produced by Delphine Lettau
Was ihr wollt.
William Shakespeare
Ein Lustspiel.
Uebersetzt von Christoph Martin Wieland
Personen.
Orsino, Herzog von Illyrien.
Sebastiano, ein junger Edelmann, Bruder der Viola.
Antonio, ein Schiff-Capitain.
Valentin und Curio, Hofleute des Orsino.
Sir Tobias Ruelps, Olivia's Oheim.
Sir Andreas Fieberwange, sein Zechbruder.
Ein Schiffhauptmann, Viola's Freund.
Fabian, Diener der Olivia.
Malvolio, ihr Hausmeister.
Hans Wurst.
Olivia, eine Dame von grosser Schoenheit, Stand und Reichthum, in
die Orsino verliebt ist.
Viola, in den Herzog verliebt.
Maria, Olivia's Kammer-Jungfer.
Ein Priester, Matrosen, Offizianten und andre stumme Personen.
Die Scene, eine Stadt an der Kueste von Illyrien.
Erster Aufzug.
Erste Scene.
(Der Pallast.)
(Der Herzog, Curio, und etliche Herren vom Hofe treten auf.)
Herzog.
Wenn Musik die Nahrung der Liebe ist, so spielt fort; stopft mich
voll damit, ob vielleicht meine Liebe von Ueberfuellung krank werden,
und so sterben mag--Dieses (Passage) noch einmal;--es hat einen so
sterbenden Fall: O, es schluepfte ueber mein Ohr hin, wie ein sanfter
Suedwind, der Gerueche gebend und stehlend ueber ein Violen-Bette
hinsaeuselt.--Genug! nichts mehr! Es ist nicht mehr so anmuthig, als
es vorhin war. O Geist der Liebe, wie sprudelnd und launisch bist
du! weit und unersaettlich wie die See, aber auch darinn ihr aehnlich,
dass nichts da hineinkoemmt, von so hohem Werth es auch immer sey,
das nicht in einer Minute von seinem Werth herab und zu Boden sinke
--
Curio.
Wollt ihr jagen gehen, Gnaedigster Herr?
Herzog.
Was?
Curio.
Den Hirsch.
Herzog.
--Wie? das waere das edelste was ich habe: O, wie ich Olivia zum
erstenmal sah, daeuchte mich, sie reinigte die Luft von einem
giftigen Nebel; von diesem Augenblik an ward' ich in einen Hirsch
verwandelt, und meine Begierden, gleich wilden, hungrigen Hunden,
verfolgen mich seither--
(Valentin tritt auf.)
Nun, was fuer eine Zeitung bringt ihr mir von ihr?
Valentin.
Gnaedigster Herr, ich wurde nicht vorgelassen; alles was ich statt
einer Antwort erhalten konnte, war, dass ihr Kammer-Maedchen mir
sagte, die Luft selbst sollte in den naechsten sieben Jahren ihr
Gesicht nicht bloss zu sehen kriegen; sondern gleich einer Kloster-
Frau will sie in einem Schleyer herum gehen, und alle Tage ein mal
ihr Zimmer rund herum mit Thraenen begiessen: Alles diss aus Liebe zu
einem verstorbenen Bruder, dessen Andenken sie immer frisch und
lebendig in ihrem Herzen erhalten will.
Herzog.
O, Sie, die ein so fuehlendes Herz hat, dass sie einen Bruder so sehr
zu lieben faehig ist; wie wird sie lieben, wenn Amors goldner Pfeil
die ganze Heerde aller andern Zuneigungen, ausser einer einzigen,
in ihrer Brust getoedtet hat? Wenn Leber, Gehirn und Herz, drey
unumschraenkte Thronen, alle von Einem (o entzuekende Vorstellung)
von Einem und demselben Koenig besezt und ausgefuellt sind! Folget
mir in den Garten--Verliebte Gedanken ligen nirgends schoener, als
unter einem gruenen Thron-Himmel, auf Polstern von Blumen.
(Sie gehen ab.)
Zweyte Scene.
(Die Strasse.)
(Viola, ein Schiffs-Capitain, und etliche Matrosen.)
Viola.
In was fuer einem Lande sind wir, meine Freunde.
Capitain.
In Illyrien, Gnaediges Fraeulein.
Viola.
Und was soll ich in Illyrien machen, da mein Bruder im Elysium ist?--
Doch vielleicht ist er nicht umgekommen; was meynt ihr, meine
Freunde?
Capitain.
Es ist ein blosses Gluek, dass ihr selbst gerettet worden seyd.
Viola.
O mein armer Bruder!--aber, haett' er dieses Gluek nicht auch haben
koennen?
Capitain.
Es ist wahr; und wenn die Hoffnung eines glueklichen (Vielleicht) Eu.
Gnaden beruhigen kan, so versichre ich euch, wie unser Schiff
strandete, und ihr und diese wenigen, die mit euch gerettet wurden,
an unserm Boot hiengen, da sah ich euern Bruder, selbst in dieser
aeussersten Gefahr, Muth und Vorsicht nicht verliehrend, sich selbst
an einen starken Mast binden, der auf der See umhertrieb; und auf
diese Art schwamm er, wie Arion auf dem Rueken des Delphins, durch
die Wellen fort, bis ich ihn endlich aus den Augen verlohr.
Viola.
Hier ist Gold fuer diese gute Nachricht. Meine eigne Rettung laesst
mich auch die seinige hoffen, und dein Bericht bestaerkt mich
hierinn. Bist du in dieser Gegend bekannt?
Capitain.
Ja, Madam, sehr wohl; der Ort wo ich gebohren und erzogen wurde,
ist nicht drey Stunden Wegs von hier entfernt.
Viola.
Wer regiert hier?
Capitain.
Ein edler Herzog, den Eigenschaften und dem Namen nach.
Viola.
Wie nennt er sich?
Capitain.
Orsino.
Viola.
Orsino? Ich erinnre mich, dass ich von meinem Vater ihn nennen hoerte;
er war damals noch unvermaehlt.
Capitain.
Er ist's auch noch, oder war's doch vor kurzem; denn es ist nicht
ueber einen Monat, dass ich von her abreisete, und damals murmelte
man nur einander in die Ohren, (ihr wisst, wie gerne die Kleinern
von dem, was die Grossen thun, schwazen,) dass er sich um die Liebe
der schoenen Olivia bewerbe.
Viola.
Wer ist diese Olivia?
Capitain.
Eine junge Dame von grossen Eigenschaften, die Tochter eines Grafen,
der vor ungefehr einem Jahr starb, und sie unter dem Schuz seines
Sohns, ihres Bruders, hinterliess; aber auch diesen hat sie erst
kuerzlich durch den Tod verlohren; und man sagt, sie sey so betruebt
darueber, dass sie die Gesellschaft, ja so gar den blossen Anblik der
Menschen verschworen habe.
Viola.
Wenn ich nur ein Mittel wisste, in die Dienste dieser Dame zu kommen,
ohne eher in der Welt fuer das was ich bin bekannt zu werden, als
ich es selbst meinen Absichten vertraeglich finden werde.
Capitain.
Das wird schwer halten; denn sie laesst schlechterdings niemand vor
sich, sogar den Herzog nicht.
Viola.
Du hast das Ansehen eines rechtschaffnen Manns, Capitain; und
obgleich die Natur manchmal den haesslichsten Unrath mit einer
schoenen Mauer einfasst, so will ich doch von dir glauben, dass dein
Gemueth mit diesem feinen aeusserlichen Schein uebereinstimme: Ich
bitte dich also, (und ich will deine Muehe reichlich belohnen,)
verheele was ich bin, und verhilf mir zu einer Verkleidung, die
meinen Absichten befoerderlich seyn mag. Ich will mich in die
Dienste dieses Herzogs begeben; stelle mich ihm als einen Castraten
vor; es kan deiner Muehe werth seyn; ich kan singen, ich spiele
verschiedene Instrumente, und bin also nicht ungeschikt ihm die
Zeit zu verkuerzen; was weiter begegnen kan, will ich der Zeit
ueberlassen; nur beobachte du auf deiner Seite ein gaenzliches
Stillschweigen ueber mein Geheimniss.
Capitain.
Seyd ihr sein Castrat, ich will euer Stummer seyn. Verlasst euch auf
meine Redlichkeit.
Viola.
Ich danke dir; fuehre mich weiter.
(Sie gehen ab.)
Dritte Scene.
(Verwandelt sich in ein Zimmer in Olivias Hause.)
(Sir Tobias und Maria treten auf.)
Vierte Scene.
(Sir Andreas zu den Vorigen.)
(Der Character des Sir Tobias und seines Freundes gehoert in die
unterste Tiefe des niedrigen Comischen; ein paar maessige, luederliche,
rauschichte Schlingels, deren platte Scherze, Wortspiele und tolle
Einfaelle nirgends als auf einem Englaendischen Theater, und auch da
nur die Freunde des Ostadischen Geschmaks und den Poebel belustigen
koennen. Wir lassen also diese Zwischen-Scenen um so mehr weg, als
wir der haeuffigen Wortspiele wegen, oefters Lueken machen muessten.
Alles was in diesen beyden Scenen einigen Zusammenhang mit unserm
Stueke hat, ist dieses, dass Sir Tobias seinen Zechbruder, Sir
Andreas, als einen Liebhaber der schoenen Olivia ins Haus einfuehrt
und ganz ernsthaft der Meynung ist, dass sie ein recht artiges
wohlzusammengegattetes Paar ausmachen wuerden; und dass Jungfer Maria
den wuerdigen Oheim ihrer Dame hoeflich ersucht, um seiner Gesundheit
willen sich weniger zu besauffen; und um der Ehre des Hauses willen,
seine Bacchanalien nicht so tief in die Nacht hinein zu verlaengern.)
Fuenfte Scene.
(Verwandelt sich in den Pallast.)
(Valentin, und Viola in Mannskleidern, treten auf.)
Valentin.
Wenn der Herzog fortfaehrt euch so zu begegnen wie bisher, Caesario,
so werdet ihr in kurzem einen grossen Weg machen; er kennt euch
kaum drey Tage, und er begegnet euch schon, als ob es so viele
Jahre waeren.
Viola.
Ihr muesst entweder seiner Laune oder meiner Auffuehrung nicht viel
gutes zutrauen, wenn ihr die Fortsezung seiner Gunst in Zweifel
ziehet. Ist er denn so unbestaendig in seinen Zuneigungen, mein Herr?
Valentin.
Nein, das ist er nicht. (Der Herzog, Curio und Gefolge treten auf.)
Viola.
Ich danke euch; hier kommt der Herzog.
Herzog.
Sah keiner von euch den Caesario, he?
Viola.
Hier ist er, Gnaedigster Herr, zu Befehl.
Herzog (zu den andern.)
Geht ihr ein wenig auf die Seite--Caesario, du weist bereits nicht
weniger als alles; ich habe dir das Innerste meines Herzens
entfaltet. Geh also zu ihr, mein guter Junge; lass dich nicht
abweisen, postiere dich vor ihrer Thuere, und sag ihr, du werdest da
wie eingewurzelt stehen bleiben, bis sie dir Gehoer gebe.
Viola.
Gnaedigster Herr, wenn sie sich ihrer Betruebniss so sehr ueberlaesst,
wie man sagt, so ist nichts gewissers, als dass sie mich nimmermehr
vorlassen wird.
Herzog.
Du must ungestuem seyn, schreyen, und eher ueber alle Hoeflichkeit und
Anstaendigkeit hinueberspringen, als unverrichteter Sachen zuruek
kommen.
Viola.
Und gesezt, ich werde vorgelassen, Gnaedigster Herr, was soll ich
sagen?
Herzog.
O dann entfalte ihr die ganze Heftigkeit meiner Liebe; preise ihr
meine ungemeine Treue an; es wird dir wol anstehen, ihr mein Leiden
vorzumahlen; sie wird es von einem jungen Menschen, wie du, besser
aufnehmen, und mehr darauf Acht geben, als wenn ich einen
Unterhaendler von ernsthafteren Ansehen gebrauchte.
Viola.
Ich denke ganz anders, Gnaedigster Herr.
Herzog.
Glaube mir's, mein lieber Junge; deine Jugend waere schon genug,
diejenigen luegen zu heissen, die dich einen Mann nennten. Dianens
Lippen sind nicht sanfter und rubinfarbiger als die deinigen; deine
Stimme ist wie eines Maedchens, zart und hell, und dein ganzes Wesen
hat etwas weibliches an sich. Ich bin gewiss, du bist unter einer
Constellation gebohren, die dich in solchen Unterhandlungen
glueklich macht; du wirst meine Sache besser fuehren, als ich selbst
thun koennte. Geh also, sey glueklich in deiner Verrichtung, und du
sollst alles was mein ist, dein nennen koennen.
Viola.
Ich will mein Bestes thun, Gnaedigster Herr--
(vor sich.)
Eine beschwerliche Commission! Ich soll ihm eine andre kuppeln,
und waere lieber selbst sein Weib.
(Sie gehen ab.)
Sechste Scene.
(Olivia's Haus.)
(Maria und der Narr vom Hause treten auf.)
(Maria schilt den Narren aus, dass er so lange ausgeblieben, und
sagt ihm, die Gnaedige Frau werde ihn davor haengen lassen. Der Narr
erwiedert dieses Compliment mit Einfaellen, an denen der Leser
nichts verliehrt; man weiss dass auch der allersinnreichste und
unerschoepflichste Hans Wurst doch endlich genoethiget ist, sich
selbst zu wiederholen, so gut als ein andrer wiziger Kopf; und so
geht es Shakespears Clowns oder Narren von Profession auch; sie
haben ihre) locos communes(, auf denen sie wie auf Steken-Pferden
herumreiten, wenn ihnen nichts bessers einfallen will; und dieser
wird endlich der Zuhoerer und der Leser satt.)
Siebende Scene.
(Olivia und Malvolio zu den Vorigen.)
Narr.
O Verstand, sey so gut und hilf mir den Narren machen--Diese
gescheidten Leute, welche sich einbilden sie haben dich, beweisen
sehr oft dass sie Narren sind; und ich, bey dem es ausgemacht ist,
dass ich dich nicht habe, mag fuer einen weisen Mann gelten. Denn was
sagt Quinapalus? Besser ein wiziger Narr, als ein naerrischer
Wizling! Guten Tag, Frau!
Olivia.
Schaft mir den Narren weg.
Narr.
Hoert ihr's nicht, Kerls? Schaft mir die Frau weg.
Olivia.
O, geh; du bist ein trokner Narr; ich habe deiner genug; zu allem
Ueberfluss wirst du zu deiner Albernheit noch ungesittet.
Narr.
Das sind zween Fehler, die sich durch guten Rath und einen Krug
Halb-Bier verbessern lassen. Denn, gebt dem troknen Narren zu
trinken, so ist der Narr nicht mehr troken: Sagt dem ungesitteten
Menschen, wie er sich verbessern soll, so wird er nicht laenger
ungesittet seyn. Alle Dinge in der Welt, die man ausbessert, werden
geflikt; Tugend, die sich vergeht, ist nur mit Suende geflikt; und
Suende, die sich bessert, ist nur mit Tugend geflikt. Wenn dieser
einfaeltige Syllogismus die Sache ausmacht, wol gut; wo nicht, was
ist zu thun? Gleichwie kein andrer wahrer Hahnrey ist als Elend; so
ist Schoenheit eine vergaengliche Blume: Die Gnaedige Frau sagte, man
solle den Narren wegschaffen, also sag ich noch einmal, schafft sie
weg.
Olivia.
Sir, ich befahl dass man euch wegschaffen sollte.
Narr.
Missverstand im hoechsten Grade Gnaediges Fraeulein, (cucullus non
facit monachum;) das ist auf Deutsch: Mein Hirn sieht nicht so
buntschekicht aus als mein Rok: Liebe Madonna, wollt ihr mir
erlauben, euch zu beweisen, dass ihr eine Naerrin seyd?
Olivia.
Wie willt du das machen?
Narr.
Gar geschikt, gute Madonna.
Olivia.
Nun, so beweise dann.
Narr.
Ich muss euch vorher catechisieren, Madonna, wenn ihr mir antworten
wollt.
Olivia.
Gut, Sir, so schlecht der Zeitvertrieb ist, so wollen wir doch
euern Beweis hoeren.
Narr.
Gute Madonna, warum traurest du?
Olivia.
Um meinen Bruder, guter Narr.
Narr.
Ich denke, seine Seele ist also in der Hoelle, Madonna?
Olivia.
Ich weiss, seine Seele ist im Himmel, Narr.
Narr.
Eine desto groessere Naerrin seyd ihr, Madonna, dafuer zu trauern, dass
euer Bruder im Himmel ist; schaft mir die Naerrin weg, meine Herren.
Olivia.
Was denkt ihr von diesem Narren, Malvolio? Verbessert er sich nicht?
Malvolio.
Ja, und wird sich verbessern bis ihm die Seele ausgehen wird.
Zunehmende Jahre machen den vernuenftigen Mann abnehmen, und
verbessern hingegen den Narren, weil er je aelter je naerrischer wird.
Narr.
Gott send' euch ein fruehzeitiges Alter, Herr, um eure Narrheit
desto baelder zu ihrer Vollkommenheit zu bringen! Sir Tobias wuerde
schwoeren wenn man's verlangte, dass ich kein Fuchs sey; aber er
wuerde sich nicht fuer zwey Pfenninge verbuergen, dass ihr kein Narr
seyd.
Olivia.
Was sagt ihr hiezu, Malvolio?
Malvolio.
Mich wundert, wie Eu. Gnaden an einem so abgeschmakten Schurken ein
Belieben finden kan; ich sah ihn erst gestern von einem
alltaeglichen Narren, der nicht mehr Hirn hatte als ein Stein, zu
Boden gelegt. Seht nur, er weiss sich schon nicht mehr zu helfen;
wenn ihr nicht vorher schon lacht, und ihm die Einfaelle die er
haben soll auf die Zunge legt, so steht er da, als ob er geknebelt
waere. Ich versichre, diese gescheidte Leute, die ueber die albernen
Frazen dieser Art von gedungenen Narren so kraehen koennen, sind in
meinen Augen die Narren der Narren.
Olivia.
O, ihr seyd am Eigenduenkel krank, Malvolio, und habt einen
ungesunden Geschmak. Edelmuethige, schuldlose und aufgeraeumte Leute
sehen diese Dinge fuer Voegel-Schrot an, die euch Canon-Kugeln
scheinen; ein Narr von Profession kan niemand beschimpfen, wenn er
gleich nichts anders thut als spotten; so wie ein Mann von
bekannter Klugheit niemals spottet, wenn er gleich nichts anders
thaete als tadeln. (Maria zu den Vorigen.)
Maria.
Gnaedige Frau, es ist ein junger Herr vor der Thuere, der ein grosses
Verlangen traegt, mit Euer Gnaden zu sprechen.
Olivia.
Von dem Grafen Orsino, nicht wahr?
Maria.
Ich weiss es nicht, Gnaedige Frau, er ist ein huebscher junger Mann,
und er macht Figur.
Olivia.
Wer von meinen Leuten unterhaelt ihn?
Maria.
Sir Tobias, Gnaedige Frau, euer Oehm.
Olivia.
Macht dass ihr ihn auf die Seite bringt, ich bitte euch; er spricht
nichts als tolles Zeug; der garstige Mann! Geht ihr, Malvolio; wenn
es eine Gesandschaft vom Grafen ist, so bin ich krank oder nicht
bey Hause: Sagt was ihr wollt, um seiner los zu werden.
(Malvolio geht ab.)
Ihr seht also, Sir, eure Narrheit wird alt und gefaellt den Leuten
nicht mehr.
Narr.
Du hast unsre Parthey genommen, Madonna, als ob dein aeltester Sohn
zu einem Narren bestimmt waere; Jupiter fuell' ihm seinen Schedel mit
Hirn aus! Hier kommt einer von deiner Familie, der eine sehr
schwache (pia mater) hat--
Achte Scene.
(Sir Tobias zu den Vorigen.)
Olivia.
Auf meine Ehre, halb betrunken. Wer ist vor der Thuer, Onkel?
Sir Tobias.
Ein Edelmann.
Olivia.
Ein Edelmann? Was fuer ein Edelmann?
Sir Tobias.
Ein Mutter-Soehnchen, dem Ansehen nach--der Henker hole diese
Pikelhaeringe! Was machst du hier, Dumkopf?
Narr.
Guter Sir Toby--
Olivia.
Onkel, Onkel, wie kommt ihr schon so frueh zu dieser Lethargie?
Sir Tobias.
Es ist einer vor der Pforte, sag ich.
Olivia.
Nun, wer ist er denn?
Sir Tobias.
Er kan meinethalb der Teufel selber seyn, wenn er will, was
bekuemmert mich's; glaubt mir was ich sage. Gut, es ist all eins.
(Er geht ab.)
Olivia.
Wem ist ein berauschter Mann gleich, Narr?
Narr.
Einem Narren, einem Ertrunknen und einem Rasenden. Das erste Glas
ueber das was genug ist macht ihn naerrisch; das zweyte macht ihn
rasend; und das dritte ertraenkt ihn gar.
Olivia.
So kanst du nur gehen und ein (visum repertum) ueber meinen Oehm
machen lassen; er ist wuerklich im dritten Grade der Trunkenheit; er
ist ertrunken; geh, sieh zu ihm.
Narr.
Er ist dermalen erst toll, Madonna, und der Narr wird gehn und zu
dem Tollhaeusler sehen.
(Er geht ab.)
(Malvolio zu den Vorigen.)
Malvolio.
Gnaedige Frau, der junge Bursche schwoert, dass er mit euch reden
wolle. Ich sagte ihm, ihr befaendet euch nicht wohl; er antwortet,
so komme er eben recht, denn er habe ein vortrefliches Arcanum
gegen dergleichen Unpaesslichkeiten. Ich sagte ihm, ihr schliefet,
aber es scheint er habe das auch vorher gewusst, und will desswegen
mit euch sprechen. Was soll man ihm sagen, Gnaedige Frau? Er will
sich schlechterdings nicht abweisen lassen.
Olivia.
Sagt ihm, er solle mich nicht zu sprechen kriegen.
Malvolio.
Das hat man ihm gesagt; und seine Antwort ist, er wolle vor eurer
Pforte stehen bleiben wie eine Saeule, er wolle das Fussgestell zu
einer Bank abgeben; aber er wolle mit euch sprechen.
Olivia.
Von was fuer einer Gattung Menschen-Kindern ist er?
Malvolio.
Wie, von der maennlichen.
Olivia.
Aber was fuer eine Art von einem Mann?
Malvolio.
Von einer sehr unartigen; er will mit euch reden, ihr moegt wollen
oder nicht.
Olivia.
Wie sieht er aus, und wie alt mag er seyn?
Malvolio.
Nicht alt genug, einen Mann und nicht jung genug, einen Knaben
vorzustellen; mit einem Wort, ein Mittelding zwischen beyden, ein
huebsches, wohlgemachtes Buerschgen, und er spricht ziemlich
nasenweise; man daechte, er habe noch was von seiner Mutter Milch im
Leibe.
Olivia.
Lasst ihn kommen; ruft mir mein Maedchen.
Malvolio.
Jungfer, die Gnaedige Frau ruft.
(Er geht ab.)
Neunte Scene.
(Maria tritt auf.)
Olivia.
Gieb mir meinen Schleyer: Komm, zieh ihn ueber mein Gesicht: Wir
wollen doch noch einmal hoeren, was Orsino's Gesandtschaft
anzubringen haben wird. (Viola zu den Vorigen.)
Viola.
Wo ist die Gnaedige Frau von diesem Hause?
Olivia.
Redet mit mir, ich will fuer sie antworten; was wollt ihr?
Viola.
Allerglaenzendste, auserlesenste und unvergleichlichste Schoenheit--
ich bitte euch, sagt mir, ob das die Frau vom Hause ist, denn ich
sah sie noch niemals. Es waere mir leid, wenn ich meine Rede umsonst
gehalten haette; denn ausserdem dass sie ueber die maassen wol gesezt
ist, so hab ich mir grosse Muehe gegeben, sie auswendig zu lernen.
Meine Schoenen, eine deutliche Antwort; ich bin sehr kurz angebunden,
wenn mir nur im geringsten missbeliebig begegnet wird.
Olivia.
Woher kommt ihr, mein Herr?
Viola.
Ich kan nicht viel mehr sagen als ich studiert habe und diese Frage
ist nicht in meiner Rolle. Mein gutes junges Frauenzimmer, gebt mir
hinlaengliche Versicherung dass ihr die Frau von diesem Hause seyd,
damit ich in meiner Rede fortfahren kan.
Olivia.
Seyd ihr ein Comoediant?
Viola.
Nein, vom innersten meines Herzens wegzureden; und doch schwoer' ich
bey den Klauen der Bosheit, ich bin nicht was ich vorstelle. Seyd
ihr die Frau vom Hause?
Olivia.
Wenn ich mich selbst nicht usurpiere, so bin ich's.
Viola.
Unfehlbar, wenn ihr sie seyd, usurpiert ihr euch selbst; denn was
euer ist um es wegzugeben, das koemmt euch nicht zu, fuer euch selbst
zuruek zu behalten; doch das ist aus meiner Commission. Ich will den
Eingang meiner Rede mit euerm Lobe machen, und euch dann das Herz
meines Auftrags entdeken.
Olivia.
Kommt nur gleich zur Hauptsache; ich schenke euch das Lob.
Viola.
Desto schlimmer fuer mich; ich gab mir so viele Mueh es zu studieren,
und es ist so poetisch!
Olivia.
Desto mehr ist zu vermuthen, dass es uebertrieben und voller Dichtung
ist. Ich bitte euch, behaltet es zuruek. Ich hoerte, ihr machtet euch
sehr unnueze vor meiner Thuere, und ich erlaubte euch den Zutritt
mehr aus Fuerwiz euch zu sehen, als euch anzuhoeren. Wenn ihr nicht
toll seyd, so geht; wenn ihr Verstand habt, so macht's kurz; es ist
gerade nicht die Monds-Zeit bey mir, da ich Lust habe in einem so
huepfenden Dialog' eine Person zu machen.
Maria.
Wollt ihr eure Segel aufziehen, junger Herr, hier ligt euer Weg.
Viola.
Nein, ehrlicher Schiffs-Junge, ich werde hier noch ein wenig Flott
machen.
Olivia.
Was habt ihr dann anzubringen?
Viola.
Ich bin ein Deputierter.
Olivia.
Wahrhaftig, ihr muesst etwas sehr graessliches zu sagen haben, da eure
Vorrede so fuerchterlich ist. Redet was ihr zu reden habt.
Viola.
Es bezieht sich allein auf euer eignes Ohr. Ich bringe keine Kriegs-
Erklaerung; ich trage den Oelzweig in meiner Hand, und meine Worte
sind eben so friedsam als gewichtig.
Olivia.
Und doch fienget ihr unfreundlich genug an. Wer seyd ihr? Was wollt
ihr?
Viola.
Wenn ich unfreundlich geschienen habe, so ist es der Art wie ich
empfangen wurde, zuzuschreiben. Was ich bin und was ich will, das
sind Dinge, die so geheim sind wie eine Jungferschaft; fuer euer Ohr,
Theologie; fuer jedes andre, Profanationen.
Olivia.
Lasst uns allein.
(Maria geht ab.)
Wir wollen diese Theologie hoeren. Nun, mein Herr, was ist euer
Text?
Viola.
Allerliebstes Fraeulein--
Olivia.
Eine trostreiche Materie, und worueber sich viel sagen laesst. Wo
steht euer Text?
Viola.
In Orsino's Busen.
Olivia.
In seinem Busen? In was fuer einem Capitel seines Busens?
Viola.
Um in der nemlichen Methode zu antworten, im ersten Capitel seines
Herzens.
Olivia.
O, das hab' ich gelesen; es ist Kezerey. Ist das alles was ihr zu
sagen habt?
Viola.
Liebe Madam, lasst mich euer Gesicht sehen.
Olivia.
Habt ihr Commission von euerm Herrn, mit meinem Gesicht
Unterhandlungen zu pflegen? Ihr geht izt zwar ueber euern Text
hinaus; aber wir wollen doch den Vorhang wegziehen, und euch das
Gemaehlde zeigen. Seht ihr, mein Herr; so eines trag' ich dermahlen;
ist's nicht wohl gemacht?
(Sie enthuellt ihr Gesicht.)
Viola.
Vortrefflich, wenn Gott alles gemacht hat.
Olivia.
Davor steh ich euch; es ist von der guten Farbe; es haelt Wind und
Wetter aus.
Viola.
O, gewiss kan nur die schlaue und anmuthreiche Hand der Natur weiss
und roth auf eine so reizende Art auftragen, und in einander
mischen--Gnaediges Fraeulein, ihr seyd die grausamste Sie in der
ganzen Welt, wenn ihr solche Reizungen ins Grab tragen wollt, ohne
der Welt eine Copey davon zu lassen.
Olivia.
O, mein Herr, so hartherzig will ich nicht seyn; ich will
verschiedene Vermaechtnisse von meiner Schoenheit machen. Es soll ein
genaues Inventarium davon gezogen, und jedes besondre Stuek meinem
Testament angehaengt werden. Als, item, zwo ertraeglich rothe Lippen.
Item, zwey blaue Augen, mit Augliedern dazu. Item, ein Hals, ein
Kinn, und so weiter. Seyd ihr hieher geschikt worden, mir eine
Lobrede zu halten?
Viola.
Ich sehe nun, was ihr seyd; ihr seyd zu sproede; aber wenn ihr der
Teufel selbst waeret, so muss ich gestehen, dass ihr schoen seyd. Mein
Gebieter und Herr liebt euch: O! eine Liebe, wie die seinige,
koennte mit der eurigen, mehr nicht als nur belohnt werden, und wenn
ihr zur Schoensten unter allen Schoenen des Erdbodens gekroent worden
waeret.
Olivia.
Wie liebt er mich dann?
Viola.
Mit einer Liebe, die bis zur Abgoetterey geht, mit immer fliessenden
Thraenen, mit liebe-donnerndem Aechzen und Seufzern von Feuer.
Olivia.
Euer Herr weiss meine Gesinnung schon, er weiss dass ich ihn nicht
lieben kan. Ich zweifle nicht dass er tugendhaft, und ich weiss dass
er edel, von grossem Vermoegen, von frischer und unverderbter Jugend
ist; er hat den allgemeinen Beyfall vor sich, und ist reizend von
Gestalt; aber ich kan ihn nicht lieben; ich hab es ihm schon gesagt,
und er haette sich meine Antwort auf diesen neuen Antrag selbst
geben koennen.
Viola.
Wenn ich euch liebte wie mein Herr, mit einer so quaelenden, so
verzehrenden Liebe, so wuerd' ich mich durch eine solche Antwort
nicht abweisen lassen; ich wuerde gar keinen Sinn in ihr finden.
Olivia.
Wie, was thaetet ihr denn?
Viola.
Ich wuerde Tag und Nacht vor eurer Thuere ligen, und so lange hinein
ruffen bis mir der Athem ausgienge: ich wuerde klaegliche Elegien
ueber meine ungluekliche Liebe machen, und sie selbst in der
Todesstille der Nacht laut vor euerm Fenster singen; euern Namen
den zuruekschlagenden Huegeln entgegen ruffen, und die schwazhafte
Gevatterin der Luft